lebenslänglich
TrainingPeaks Performance

Zwangspause

Corona hat mir letztes Jahr schon einen Strich durch die Rechnung gemacht. Damals passiv, weil alle Veranstaltungen abgesagt wurden. In diesem Jahr aktiv, weil es mich selbst erwischt hat. Vorab: Ich kann mich nicht erinnern, jemals so krank gewesen zu sein. Ich hatte einen milden Verlauf, keine Atemprobleme, kein Krankenhaus. Und doch hat mir die Krankheit enorm zu schaffen gemacht. Mal ganz davon abgesehen, dass mich die lange Auszeit im Training vollkommen zurück geworfen hat.

TrainingPeaks Performance
TrainingPeaks Performancechart. Pfeil 1 Infektion, Pfeil 2 Ausbruch.

Do, 25.2.2021
Noch nicht so fit wie im letzten Jahr, aber ich bin selten schon im Februar 200 km am Stück gefahren. Es rollt gut, und ich fühle mich auch genau so.

Fr, 26.2.21
Baustellenbegehung für unser neues Büro. Wir tragen alle FFP2-Masken und sind nie länger als drei, vier Minuten an einer Stelle. Ich infiziere mich trotz allem mit der britischen Mutante bei einer Kollegin, weiß davon aber natürlich nix.

Di, 2.3.21
Ich erfahre im Büro, dass eine Kollegin vom Freitag positiv getestet wurde. Ich mache sofort einen PCR-Test, in München geht das an vielen Stellen kostenlos. Negativ. Ich bin erleichtert und ziehe um ins Home-Office.

Mi, 3.3.21
Das Gesundheitsamt meldet sich, weil ich Kontaktperson bin. Es stellt sich heraus, dass der Test zu früh war. Ich fahre direkt wieder los, um noch einen Test zu machen. Dafür darf man die Quarantäne verlassen. Wieder negativ, wieder Erleichterung. Dieses mal stimmt alles, da seit der Infektion ja fünf Tage vergangen sein müssten. Ich ahne nicht, dass das nicht stimmt. Ich bin ohne Symptome.

Fr., 5.3.21
Hartes Intervalltraining auf der Rolle. Klappt eigentlich ganz gut. Ich bin mir sicher, dass ich mir das Virus nicht eingefangen habe. Sonst konnte ich doch nicht solche Intervalle treten!

Sa, 6.3.21
Ein völlig verkorkster Workout auf der Rolle. Ich bekomme keinen der Intervalle richtig getreten, schiebe das aber auf das Training am Vortag. Im letzten Jahr wäre sowas kein Problem für mich gewesen, offenbar werde ich alt.

Mo, 8.3.21
Noch einmal anderthalb Stunden Watopia. Obwohl ich Sonntag nicht gefahren bin, ist das Training enorm anstrengend. Ich spüre ein leichtes Kratzen im Hals, führe das aber auf die kalten Temperaturen zurück. Ich komme nicht auf die Idee, dass ich mir doch das Virus eingefangen haben könnte.

Di, 9.3.21
Noch einmal 90 Minuten Rolle, ich will den kleinen Infekt “wegfahren”. Danach liege ich frierend auf dem Sofa und brauche drei Decken. Nach dem Training ist mir sonst stundenlang zu warm. Mir wird klar, dass etwas nicht stimmt, und ich vereinbare für den nächsten Tag erneut einen Testtermin.

Mi, 10.3.21
Ich kann tagsüber nicht mehr arbeiten. Abends kommt das Ergebnis des PCR-Tests: Positiv! Mutante! Ich isoliere mich und verlege meinen Lebensmittelpunkt in den Keller.

Die folgenden Tage ziehen wie im Nebel an mir vorbei. Ich habe fast durchgehend Eisfüße, der Appetit lässt nach und das Fieber steigt. Am Wochenende liegt es einmal bei 39,5, meistens pendelt es um 38,5. Ich habe einen trockenen Husten, der mich wahnsinnig macht. Ich schaffe es gerade noch bis zum Klo und muss mich dann hinsetzen, mehr als zwei Minuten kann ich nicht aufrecht sitzen.
Übers Wochenende verliere ich Geschmacks- und Geruchssinn. Wenn ich durch die Nase atme, habe ich das Gefühl, dass die Luft meine Nasenflügel gefriert. Aber ich habe keine Halsschmerzen und keine Kopfweh.

Mo, 15.3.21
Ich habe das Gefühl, dass es schlimmer wird. Die medizinischen Dienste verweigern einen Hausbesuch mit der Begründung, dass sie sich nur um schwere Fälle kümmern würden. Wenn ich keine Atemnot hätte, wäre ich kein Notfall. Stimmt ja irgendwie auch, aber es tritt auch keine Besserung ein. Glücklicherweise bietet mein Hausarzt (den ich das letzte mal vor 10 Jahren aufgesucht habe) eine virologische Sprechstunde an. Die Ärztin nimmt Blut ab, um den CRP-Wert zu bestimmen und eine zusätzliche bakterielle Infektion auszuschließen. Der Wert liegt bei 33 (normal 5, schwere Entzündung 100), und Lunge und Herz sind befundlos. Sie verschreibt mir Codein-Tabletten gegen den trockenen Husten. Geiles Zeug, soll mal auf der Doping-Liste gestanden haben. Mir hilft es leider gar nicht: Ich bekomme nachts Schweißausbrüche, Halluzinationen und Spasmen. Ein absoluter Horrortrip!

Mi, 17.3.21
Anruf von der Ärztin. Das große Blutbild sei hervorragend, gar kein Grund zur Sorge. Wenn sie wüsste…

Fr, 19.3.21
Das Fieber steigt wieder auf 39,3. Da stimmt was nicht, und ich bekomme so gerade noch einen Termin in der virologischen Sprechstunde. Erneute CRP-Wert-Bestimmung: 83! Durch den drastischen Anstieg binnen weniger Tage schließt die Ärztin nun doch auf eine zusätzliche bakterielle Infektion. Ich bekomme zwei Antibiotika verschrieben, die ich einen Tag versetzt starten soll: Amoxi-Clavulan Aurobindo, eine kaum am Stück schluckbare Granate. Und Clarithromycin, die kleine Schwester. Zwei mal täglich.
Ein PCR-Test ergibt, dass ich immer noch infektiös bin.

Amoxi
Amoxi-Clavulan Aurobindo. Eine Rakete, die ich nur mit Schwierigkeiten runter bekomme.

So, 21.3.21
Tagsüber geht es jetzt etwas besser. Geruchs- und Geschmacksinn kehren langsam zurück. Nachts habe ich massive Schweißausbrüche, ich muss alle zwei Stunden das Bett und meine Klamotten wechseln. An sich ist das ein gutes Zeichen, aber die Nächte sind sehr beschwerlich.

Mo, 22.3.21
Die Nächte bleiben verschwitzt, dazu überfällt mich jetzt eine nie gekannte Appetit- und Antriebslosigkeit. Ich kann sonst für gewöhnlich immer essen und habe immer etwas zu tun oder plane, was ich unbedingt tun will. Jetzt kann ich nur am Tisch sitzen – und tue nichts. Am schlimmsten finde ich, dass ich keinen Hunger habe. Aber: Neuer CRP-Test in der Praxis: Der Wert ist auf 43 gesunken! Yeah! Die Antibiotika sind hart, aber es scheint zu funktionieren.
Ich mache erneut einen PCR-Test und bin endlich negativ!

Mi, 24.3.21
Ich kann wieder durchatmen. Noch immer schwitze ich nachts, als würde ich mich in Klamotten in ein römisches Dampfbad setzen. Aber es wird besser. Nur der Hunger bleibt aus. Ich habe seit Ausbruch 4,5 kg Körpergewicht verloren.

Do 25.3.21
Letzter Arztbesuch. CRP jetzt nur noch bei 10! Superschön, wenn da nicht noch die Antibiotika wären. Die muss ich noch bis Freitag bzw. Samstag nehmen, also genau eine Woche. Morgens habe ich immer noch keinen Appetit, aber ich zwinge mich zu essen.

So 28.3.21
Ich habe seit Beginn der Infektion vor gut zwei Wochen 5,0 Kilo verloren und liege jetzt bei einem Körpergewicht von 72,0 kg bei 181 cm Größe. Obwohl ich jetzt wieder fast normal esse scheint der Gewichtsverlust weiter zu gehen. Ich muss den Gürtel zwei Löcher enger als vorher schnallen. Gestern habe ich zum letzten mal die Antibiotika genommen, hoffentlich wird es jetzt besser. Eigentlich wünscht man sich so einen ordentlichen Gewichtsverlust als Radfahrer ja, aber so ist es gefährlich und kontraproduktiv.
Immerhin ist rechnerisch mein Watt/kg-Verhältnis nur um 0,06 gesunken 🙂 Laut Xert lag ich zu Beginn bei 293 Watt TP, jetzt bei 267. Das dürfte aber viel zu optimistisch sein, weil ein Krankheitsausfall ja deutlich größeren Schaden anrichten dürfte als einfach nur nicht zu trainieren.
Ich hoffe, dass ich an Ostern zum ersten mal mit gutem Gewissen wieder eine Stunde fahren kann.

Di 30.3.21
Juhuu, ein Kilo mehr auf der Waage! Es geht mir viel besser, die Benommenheit der letzten Tage ist ganz verschwunden und hat einem gesunden Optimismus Platz gemacht. Vielleicht kann ich ja sogar schon an Gründonnerstag eine Runde drehen. Ärger macht jetzt nur noch ein Reflux, den ich auf die Medikamente zurückführe. Da muss sich der Magen wohl noch etwas erholen. Und Geschmacks- und Geruchssinn sind noch nicht wieder voll hergestellt: Ich rieche und schmecke das meiste, aber die Nase ist noch nicht wieder so fein wie zuvor. Und was mir am meisten Sorge macht: Mir schmeckt das Bier nicht.
Hoffentlich wird das wieder!

Do 1.4.21
Ich wage es: Die erste kleine Tour nach Corona. Ich komme aber leider noch gar nicht zurecht, auch wenn es hier nicht so aussieht.

Post-Corona
Die erste Ausfahrt nach Corona: Noch ganz schön beschwerlich

Ich mache nur gut 50 Kilometer mit einem beschämenden 26er Schnitt. Mehr ist einfach nicht drin, und trotz Schleichfahrt liegt meine Herzfrequenz zwischen 10% und 15% über der zu gesunden Zeiten. Etwa ab der Hälfte bin ich wieder leicht benommen, aber das fühlt sich eher an wie ein sich anbahnender Hungerast. Liegt vermutlich daran, dass mir einfach ein paar Kilo fehlen. Zuhause lege ich mit dick bestrichenem Osterfladen nach, und die Lage bessert sich schnell.
Trotz allem: Das war noch zu früh. Auch wenn es mir schwer fällt warte ich lieber noch ab, bis sich meine HF wieder normalisiert. So macht das ja keinen Sinn.

Das war noch nicht ganz so wie erwartet, aber die Richtung stimmt 🙂

Fr 2.4.21
Mir lässt das Training von gestern keine Ruhe, die HF war viel zu hoch. Henrik W. hat mich auf ein Webinar des Institus für Präventive Sportmedizin und Kardiologie aufmerksam gemacht, in dem es um den Wiedereinstieg in den Sport nach einer COVID-Infektion geht. Das Video ist immer noch abrufbar und abgesehen von einer überholten Ansicht zu FFP2-Masken (die Aufzeichnung erfolgte Ende Januar 21) absolut sehenswert. Ich werde jetzt erst weiter pausieren und mir dann vor dem Wiedereinstieg das Plazet eines Sportarztes einholen. Bis dahin begnüge ich mich damit, morgens meinen Ruhepuls zu messen und ihn mit der Benchmark aus gesunden Zeiten zu vergleichen (heute 56, gesund 48-50). Und Training wohl doch erst einmal nur auf der Rolle, denn da kann ich sofort absteigen wenn etwas nicht stimmt.

Di 4.5.21
Termin zur Post-Covid-Untersuchung beim Zentrum für Prävention und Sportmedizin an der Technischen Universität München. Lies selbst, was dabei herausgekommen ist.

12 Kommentare zu “Zwangspause

  1. Hallo Niklas,
    vielen Dank wieder einmal für deinen ausführlichen Bericht, auch wenn es einen so unschönen Hintergrund hat :(( Es ist schon sehr schlimm, dass zu lesen. Obwohl wir doch alle auf uns achten und sicher fühlen, können wir uns überall anstecken. Ich wünsche Dir für deine Genesung weiterhin alles GUTE!

    Viele Grüße
    Stefan

  2. Hallo Niklas,

    Schlimme Sache das und irgendwie auch Glück gehabt. Aber pass bitte auf. Ich will dir keine Ratschläge erteilen, aber innen Fall ist vielleicht eine sportkammeratschaftliche Warnung – gerade bei den leichten Verläufen scheinen die Spätfolgen gerade für Sportler tückisch. Das schlimmste was dir passieren könnte, ist dass du mit einer unerkannten Herzmuskelentzündung wieder ins Training einsteigst. Das solltest du abklären lassen. Was du hier beschreibst bezüglich deiner herzfrequenzen Post-COVID würde mich nervös machen. Mehr dazu hier: https://youtu.be/TE21qsU9E3Y
    Ich wünsch dir dass du schnell wieder auf den Damm kommst. Viel Erfolg! Alles Gute, Alex

    1. Danke für den Link zum Video, habe ich mir direkt angeschaut. Ich habe Anfang Mai einen Termin zur Post-Covid-Kontrolle bei einem Sportarzt. Bis dahin bleibt‘s wohl bei Spaziergängen…

  3. Lieber Niklas,
    besonders nachdem ich das hier gelesen habe, bin ich wir sehr froh, dass es dir endlich besser geht!
    Gib dir die Zeit, wieder ganz gesund zu werden!!
    Viele liebe Grüße von uns allen
    Christine

  4. Gehe es langsam an. Die Zeit kann man als Feind oder Freund sehen. Betrachte sie als Freund, Schritt für Schritt. Aus Vietnam heraus betrachtet ist es schier unbegreiflich was in D abgeht. Es gab hier 3 Ausbrüche, und sie wurden mit kurzen, aber konsequenten lockdowns eingedämmt. So sehr ich gerade mir wünsche, ein paar Kilo zu verlieren, dein Weg ist auch keine Option. Ich wünsche Dir und Deinen Lieben eine rasche Genesung!

  5. Alles Gute Niklas! Komm bald wieder auf die Beine und auf’s Rad! Lass Dir Zeit! Ich bin am 15.03. mit AstraZeneca geimpft worden (als Teil eines Kitaleitungsteams bin ich priorisiert) und bete, dass es mehr hilft als eventuell schaden könnte. 2 Dosis am 02.06.

  6. Hallo Niklas,
    wichtig ist das Du wieder Gesund bist! Alles andere kommt wieder mit der Zeit.
    Ich wünsche Dir alles Gute

    Viele Grüße
    Waldemar

    1. Danke, Waldemar! Ja, es braucht wohl Zeit. Dieses Radsportjahr habe ich eh abgeschrieben, also spielen ein paar Wochen Pause mehr auch keine Rolle 😉

  7. Verdammtes Virus, das ist kein Spaß und für gesunde aktive Personen sowieso kein Problem, wie viel zu viele da draußen meinen. Ich wünsche Dir eine hoffentlich schnelle und vor allem vollständige Genesung. Und ganz spezielle, dass Du an Ostern wieder auf dem Rad sitzen kannst!

    1. Danke für die Genesungswünsche! Es geht langsam aufwärts, auch wenn ich ans Radfahren noch nicht wieder denken kann. Gestern 45 Minuten Spaziergang, die waren schon überraschend anstrengend.

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