lebenslänglich

Zeitfahrjobrad

Corona hat mich ziemlich durchgeschüttelt. In den Wochen im März 2021, die ich jammernd und klagend im Bett lag, ist meine Fitness in TrainingPeaks von einer CTL von 85 auf 32 in den Keller gerauscht. Das große Paket von Canyon, das mir der DHL-Mann am letzten Tag meiner Krankschreibung schnaufend vor die Tür stellt, setzt dem Ganzen noch die Krone auf: Mein neues Jobrad ist da, ein Speedmax CF 8.

Canyon Speedmax CF 8 2021 (Foto Copyright Canyon.com). Viel mehr Bikeporn geht eigentlich nicht.

In schwarz.
Eine Augenweide.

Und eine Rakete auf zwei Rädern.
Wenn man die Beine dafür hat.

Die habe ich jetzt aber nicht mehr, nachdem mir dieses nervige Virus mitten im sonst üblicherweise kilometerreichen Frühling ein unerwünschtes Sabbatical beschert hat.  Jetzt stehe ich da mit einem Jobrad, mit dem ich garantiert nie zur Arbeit fahren werde. Wenn mich im jetzigen Zustand jemand von den Radfahrkumpels auf diesem Geschoss sieht, würde der Spott keine Grenzen mehr kennen. Sowas fährt man nur, wenn man auf dicke Hose macht. Oder oben mitmischen will. Und kann.

Eine Zeitfahrmaschine als Jobrad – geht das überhaupt?

Die meisten Jobräder werden wohl getreu ihres Namens eingesetzt: Um damit wie ich mit Jobrad Nummer 1 zur Arbeit zu kommen, und vielleicht noch um am Sonntagmorgen umweltbewegt zum Bäcker zu radeln. Ich musste mich bei meinem Arbeitgeber daher erst einmal erkundigen, ob eine TT-Machine überhaupt als Jobrad fungieren darf. Denn eins war klar: So ein Schätzchen aus Carbon würde ich niemals an den vollverzinkten Fahrradständer vor unserem Büro ketten.  Und folglich auch nicht damit zur Arbeit fahren.

Vom Arbeitgeber bekam ich volle Zustimmung. Warum auch nicht? Kaum ein Dienstwagen in Deutschland wird wohl ausschließlich für den Weg zur Arbeit eingesetzt. Mit dem Jobrad wurden die beiden Verkehrsmittel zumindest steuerlich einigermaßen gleichgestellt (von den Steuern abgesehen gibt es da noch eine ganze Menge zu tun, finde ich). Und da eine Zeitfahrmaschine auch nichts anderes ist als ein Fahrrad, ist sie eben auch jobradtauglich.

Naturgemäß ist der Einsatzbereich einer Zeitfahrmaschine sehr beschränkt. Mit etwas gutem Willen und ohne Corona kann man damit im Jahr zwei bis drei Rennen gegen die Uhr bestreiten. Schwimmen finde ich furchtbar, daher ist ein Triathlon keine Option. Warum also?

Im Tiefflug durch den Hofoldinger Forst

Runde im Hofoldinger Forst südöstlich von München

Für mich liegt die Faszination vom Rennradfahren vor allen Dingen in der hohen Geschwindigkeit, die man durch eigene Kraft erreichen kann. Das ist in der Ebene mit dem richtigen Rad für mich noch viel faszinierender, als einfach nur einen Pass runter zu nageln. Vor meiner Haustür liegt in der Nähe der A8  nach Salzburg eine ideale Zeitfahrrunde, auf der viele Münchner trainieren. Auf den gut 22 Kilometern und nur 65 Höhenmetern durch den Hofoldinger Forst sind mir beim Training immer wieder Zeitfahrer in voller Montur entgegengekommen. Oder haben mich überholt. Das hat mich fasziniert: Ich war schon lange am Anschlag, und dann zieht ruhig atmend jemand auf einem TT-Bolzen an mir vorbei. Das wollte ich auch!

Jetzt hatte ich es. Zumindest das Rad dafür. Aber damit auch die Sorge, mich mit diesem Ungetüm komplett zu blamieren, wenn ich mich mit meiner corona-reduzierten CTL von 32 auf die Runde wagen würde.
Das neue Jobrrad musste erstmal in den Keller. Und ich auch, um auf der Rolle meine Form wieder einigermaßen in den Griff zu bekommen.

Segmente als Motivationshilfe

Während ich also Intervalle auf dem Turbo schraubte, reifte eine Idee. Für die ich mich heute fast ein wenig schäme: Wie wäre es, wenn ich bei der ersten Ausfahrt mit dem TT-Monster einen der KOMs im Hofoldinger Forst holen würde? Allein der Gedanke daran ließ die vielen Trainingsstunden, die noch vor mir liegen würden, erträglicher erscheinen.

Sieht entspannter aus als es war. Durch die Sattelstellung konnte ich keine zehn Umdrehungen ruhig auf dem Rad sitzen.

Die ersten Versuche – inkognito sozusagen, also nicht auf Strava veröffentlicht – waren eine Katastrophe. Zum einen im Ergebnis, denn ich kam trotz des Höllengeräts nicht mal unter die ersten zehn auf einem der Segmente. Vor allem aber für meine Os ischii, denn ich kam mit der Sitzposition überhaupt nicht zurecht. Irgendwo hatte ich gelesen, dass der Sattel mindestens 5 Grad nach vorne geneigt sein sollte, aber das hat bei mir überhaupt nicht funktioniert. Alle zehn Umdrehungen musste ich meinen Hintern wieder nach hinten schieben. Das muss nicht nur dämlich ausgesehen haben, es kostet vor allem viel Performance.

Weil ich leider bei keinem der hiesigen Anbieter einen Termin zum Bike-Setup bekommen konnte, musste ich mich per DIY herantasten. Ich schraubte eine Ewigkeit an der richtigen Sitzposition. Entweder taten mir nach drei Minuten meine Arme weh, oder ich wackelte auf dem Rad wie eine trächtige Ente. Ich brauchte bis zur fünften Etappe der diesjährigen Tour de France, um meinen wichtigsten Fehler zu erkennen: Als Tadej Pogacar im EInzelzeitfahren den schon überragend gefahrenen Stefan Küng düpierte wurde mir klar, dass keiner von den guten Fahrern den Sattel so dämlich nach vorne geneigt hatte wie ich. Warum sollte das also bei mir funktionieren?

Nochmal in den Keller zum Schrauben. Und siehe da, plötzlich saß ich entspannter. Immer noch kein Sofa, aber auch nicht mehr die Foltermaschine. Nach einem letzten Test auf der Rolle fühlte ich mich bereit zum Angriff. Und der WInd steht auch günstig. Also los, auf zum KOM!

Zurück zuhause muss ich eingestehen: Das Vorhaben war von vorneherein vollkommen vermessen. Jetzt bin ich auf einem Segment zwar unter den ersten 10 – aber weit weg vom KOM. Hut ab vor denen, die vor mir liegen und dafür keine Zeitfahrrad gebraucht haben. Mehr ging nicht, und ich werde da auch absehbar nicht dran kommen.

Das ist aber ganz egal. Die Idee hat mich einige Wochen zum Training motiviert, und mit der Sitzposition kann ich jetzt lange auf dem Rad sitzen.

Der schwarze Hengst ist boooom! Und das als Jobrad.

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