lebenslänglich

Schla-la-laglochland

Schon Cäsar hatte mit Italiens desolaten Straßen zu kämpfen

Der bemitleidenswerte Zustand italienischer Straßen hat Tradition: Im Jahre 50 v. Chr. war der Senator Lactus Bifidus für den Ausbau des römischen Wegenetzes verantwortlich. Der aber investierte die ihm anvertrauten Gelder lieber in in die ein oder andere Orgie in seinem herrschaftlichen Palast als in die Pflege der Verkehrsinfrastruktur. In der Folge verfielen die einst unter Cäsar errichteten Hauptverbindungsachsen des römischen Reichs so sehr, dass sich bald nur noch ein wagenradgroßes Schlagloch an das nächste reihte.
Zumindest zeichnen die Autoren des 37. Asterix-Bands dieses Bild: Da will nämlich der egoistische Lactus Bifidus von seinen Schandtaten ablenken und veranstaltet ein Wagenrennen quer durch den römischen Stiefel. Nur um zu beweisen, in welch grandiosem Zustand das Verkehrsnetz doch in Wirklichkeit sei.

Natürlich endet das Ganze in einem Fiasko für den Kleptokraten, weil sich Achs- und Wagenradbrüche häufen und so der jämmerliche Zustand der Wege durch das Rennen auch dem letzten Prätorianer bewusst wird.
Seitdem ist die Sache mit den Straßen in Italien nicht viel besser geworden. Bei jedem Urlaub zwischen Südtirol und Sizilien hofft die ganze Familie inständig, ohne Reifenschaden bis in die Toskana zu kommen. Und wenn die Stoßdämpfer zurück bis zum Brenner gehalten haben, atmet das ganze Auto hörbar auf. Wieder geschafft. Vielleicht steckt dahinter aber auch nur der in Deutschland von der Autolobby sozialisierte und kultivierte Prüfwahn: Wenn die Sitzheizung nicht mehr funktioniert, traut man sich ja kaum noch auf die Straße. Da sind die Italiener glücklicherweise um einiges entspannter.

Sorgen die fiesen Straßen bei Autos und Lastwagen nur für ein paar Dellen und höheren Verschleiß, werden Radfahrer auf italienischem Teer mitunter zu einer bedrohten Spezies: Beim Grandfondo Riccione war es vor allem das in den Borgos typische Kopfsteinpflaster, das im Steilstück nach über 100 km mehr fahrerisches Talent erforderte als erwartet. Beim Giro d’Italia wurde 2018 die Schlussetappe in Rom neutralisiert, weil die Straßen in einem unzumutbaren Zustand waren. Und während ich 2021 mit dem Rennrad durch Umbrien und die Marken holpere, frage ich mich, wie man auf diesen Straßen überhaupt mit gutem Gewissen ein Radrennen veranstalten kann.

Ode an Italiens Schlaglöcher

Kein Wunder, dass Gravelbikes in Italien der absolute Renner sind. Und letztlich bleibt es nur eine Frage des Materials, denn die Schlaglöcher, Schotterstücke und Betonstreifen gibt es auf Italiens Straßen ja schon seit Jahrzehnten. Wer da – wie ich – mit auf einem Druck von sieben Bar auf den nur 25mm breiten Reifen ankommt, muss die ein oder andere bodentiefe Überraschung nach der nächsten Kurve billigend in Kauf nehmen. Die Schlaglöcher waren ja schon vor mir da. Hat man aber erst einmal akzeptiert, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit unter diesen Löchern leidet, fährt es sich viel entspannter. Insofern muss man dem laxen Straßenbauamt sogar ein wenig dankbar sein. So geht Entschleunigung.

Hier eine Klassifizierung der wichtigsten italeinischen Schlaglochtypen, sortiert nach aufsteigendem Entschleunigungsfaktor:

Dosso Stradale

Dosso Stradale
Dosso Stradale: Bremsschwelle oder Rüttelschwelle. Die kennen wir auch aus Deutschland.

Kennen wir aus Deutschland. Ist eigentlich kein Schlagloch, sondern das Gegenteil. In Italien meist auf den unebenen Teer gedübelt, da kann auch schon mal ein Bolzen hochstehen oder ein Teil fehlen. Besonders herausfordernd ist ein Dosso bei Regen, weil das Gummi  glatt werden kann wie ein rundgewaschenes Stück Kernseife. Trägt zur Verbesserung des fahrerischen Könnens bei, denn ein Dosso lässt sich bergab meist crossermäßig überspringen. Vorsicht bei der Landung, weil tiefliegende Lastwagen dort oft Scharten in den Teer gewetzt haben. Insgesamt aber harmlos, weil ein Dosso immer angekündigt wird.

Der Betonstreifen

Betonierter Randstreifen. Trifft man im ganzen Land an.

Eine italienische Spezialität. Zumindest habe ich diese in den Teer gegossene Betonlinie in ihrer Vielfalt in keinem anderen europäischen Land gesehen. Fördert ohne Zweifel die Aufmerksamkeit des Radfahrers, liegt nämlich 30-40 cm vom rechten Straßenrand entfernt. Genau dort würde man eigentlich fahren. Lässt das aber lieber, weil sich a) immer ein kleiner Versatz zwischen Beton und Teer bildet und b) der Beton bei nasser Straße rutschiger ist als der Teer.
Es gehört zu den ungelösten Rätseln Italiens, warum der Streifen nicht zugeteert, sondern nur schnöde zubetoniert wird.

Hier liegt die Breitbandinfrastruktur im Beton.

Richtig gefährlich ist diese Ritze nicht, obwohl man zu Zwecken der Unfallprävention mit dem Rad etwas weiter zur Straßenmitte fährt. Das erschwert den Autofahrern den Überholvorgang, aber die meisten Einheimischen dürften eh Mitleid mit denen haben, die sich auf so jämmerlich dünnen Reifen auf Italiens desolaten Nebenstraßen bewegen. Dass die Autofahrer beim Überholen die Sache mit dem Abstandhalten vergessen liegt meist nur daran, dass sie es furchtbar eilig haben. Böse gemeint wie in Deutschland ist das eher nicht.

Der Fertigspachtel

Eine neue Schicht Teer obendrauf. Hält mindestens für 12 Monate.

Kennt jeder, die Lügentube aus dem Baumarkt. Kaschiert alte Borhlöcher, falsch eingeschlagene Nägel und die tiefen Kratzer an den Wänden im Treppenhaus vom letzten Umzug. Sieht für eine Zeit gut aus, hält aber nicht lange. Findet trotzdem oft Anwendung auf italienischen Nebenstrecken. Löst aber das eigentliche Problem nicht, denn die Risse der darunterliegenden Schicht kommen schon nach kurzer Zeit durch. Bei Fertigspachtel ist vor allem am Übergang Vorsicht geboten, weil der meist nicht besonders liebevoll gestaltet wurde. Und ist eine fertiggespachtelte Straße erst einmal in die Jahre gekommen, sind die Risse meist noch tiefer als auf einer unverspachtelten Oberfläche.

Das Wurzelkatapult

Das Wurzelkatapult, hier in einer harmlosen Version. Kann den Radfahrer bei Unaufmerksamkeit aber ordentlich aus dem Sattel heben.

Baumwurzeln sind der natürliche Feind des Straßenbauers. Unbehandelt entwickeln sie über Jahre eine bemerkenswerte Ausdauer, mit der sie die in der Sommerhitzte verweichlichte Teerschicht nach ihren Vorstellungen verformen. Selten zur Freude der Radfahrer. Im besten Fall hoppelt man unbeholfen darüber wie ein schwangeres Kaninchen, im schlimmsten Fall übersieht man die Verwerfungen und wird zum Opfer des mangelhaften Unterbaus der Straße. Unter die geteerte Deckschicht gehören nämlich eigentlich eine Binderschicht und eine Tragschicht, die den Wurzeln das Leben schwer machen sollen. Auf italienischen Nebenstraßen wird auf diesen Unterbau gerne mal verzichtet. Sieht ja auch erst mal keiner, bis sich in ein paar Jahren die Natur durchsetzt. Bis dahin wurde der ein oder andere Radler dann doch schon mal vom Teer katapultiert.

Der Flickenteppich

Der Flickenteppich. Über Jahre kultivierte Reparaturmaßnahmen, ersichtlich an den verschiedenen Färbungen des Teers.

Kommt für gewöhnlich ohne Vorwarnung, weil die Straße ja noch befahrbar ist. Erfordert meist einen beherzten Griff in die Bremsen (immer beide!), weil man die Tiefe der Löcher und die Wölbungen der Flicken nicht sofort überschaut. Im besten Fall schlägt bei Vollgas nur die Kette an die Kettenstrebe, im schlimmsten Fall gibt es vorne einen Durchschlag. Bei Hitze undankbar, weil jüngere Teerflecken weich wie ein frischer Kuhfladen sein können. Und bei Feuchtigkeit sowieso schwierg, weil frischer Teer so rutschig sein kann wie eine polierte Bowlingbahn. Fazit: Kurze, gerade Stücke mit Vollgas nehmen. Längere oder kurvige Stücke verlangen umsichtigeres Verhalten. Ein wenig gefährlich ist der Flickenteppich nur, wenn er bergab nach einer Kurve kommt.

Das schwarze Loch

Langsam wird es böse: Schwarzes Loch.

Auch Baggersee genannt. Erwischt man so ein schwarzes Loch bei mittlerem Tempo, kann das schon mal das vordere Laufrad in Mitleidenschaft ziehen. In Waldlagen und Flussniederungen oft einhergehend mit trüben Wasserablagerungen, die die Tiefe des Lochs nur erahnen lassen. Liegt man bei der Einschätzung daneben, zahlt man das auch schon mal mit einem Salto über den Lenker. Kündigt sich meistens durch eine verunreinigte Straße an, oft am Übergang zu Schotterstrecken.  Gefährlich vor allem in der Gruppe, weil bei hohen Geschwindigkeiten spätestens der vierte Fahrer nicht mehr ausweichen kann.

Der Aufbruch

Ein gut gereifter Aufbruch. Wer darin mit seinem Vorderrad landet, hat ziemlich sicher verloren.

Häufigste Anomalie in Umbrien und der Toskana. Ählich viele Sichtungen in Ligurien. Ein sich in die länge ziehender Bruch. Oft bewachsen und mit erheblichen und zum Teil überraschenden Vertiefungen versehen. Todesurteil, wenn man den Aufbruch mit dem Vorderrad erwischt. Lebensgefährlich, wenn er bergab nach einer Kurve kommt.

Aufbruch. Sicher gut drei Jahre alt und tief wie der Mariannengraben. Das kann einem schon mal den Stecker ziehen.

Besonders herausforderend sind wechselnde Aufbrüche, die sich auf verschiedenen Straßenseiten ergeben. Zumal der motorisierte Gegenverkehr diesen geteerten Hindernissen auch gerne aus dem Weg fährt und sich dadurch möglicherweise dort befindet,  wo man gerade selbst einem Aufbruch ausweicht: In der Straßenmitte.

Diese Anomalien sind in weiten Teilen Mittelitaliens mittlerweile eher der Normalzustand. Sie sind wirklich gefährlich, weil sie so unberechenbar sind. Besser vom Gas gehen, um Mensch und Material zu schonen.

 

Überraschung!

Das gibt es aber auch: Da holpere ich durch das Hinterland der Marken, registriere aus den Augenwinkeln ein Warnschild „Strada dissestata“ (was soviel heißt wie „verwahrloste Straße“) mit einer Geschwindigkeitsreduzierung auf 30 km/h – und dann kommt das:

Feinster Teer. Gute fünf Kilometer am Stück feinster Teer. Ohne Vorwarnung.

Fünf Kilometer lang traumhafter Teer. Vermutlich nur Fertigspachtel, aber auch der kann glücklich machen.

Trotzdem: Den nächsten Urlaub in Italien lieber mit dem Gravel-Rad machen. Dann freut man sich über ein Stück schönen Teer – und ärgert sich nicht mehr über die Hinterlassenschaften von Lactus Bifidus.

1 Kommentar zu “Schla-la-laglochland

  1. Zur Einzigartigkeit der Betonstreifen muss ich an dieser Stelle widersprechen. Gibt es exakt in dieser Form auch hier, wo ich gerade bin, in Griechenland bzw., genauer gesagt, auf Kreta.

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