lebenslänglich
Ulrich Bartholmoes

Kopfsache

2021 wird nicht als das Jahr der grandiosen Jedermann-Events in die Geschichte eingehen. Nachdem schon 2020 die Transalp abgesagt wurde, auf die ich mich monatelang vorbereitet hatte, dürfte auch 2021 kaum ein Hobbyrennen wie geplant stattfinden. Bevor nicht wieder ein halbwegs normales Leben möglich ist, gibt es für mich auch wichtigere Dinge als ein Radrennen.

Und doch: Ich brauche ja ein Ziel, sonst fehlt mir die Trainingsmotivation. Für 2021 hatte ich mir daher etwas Besonderes ausgedacht. Etwas, das mich schon länger beschäftigt: Von München mit dem Rennrad in einem Stück in meine alte Heimat Ostwestfalen zu fahren, um meine Eltern zu besuchen. Die habe ich durch Corona lange nicht mehr gesehen, und der ursprüngliche Plan war, die lange Fahrt über etwa 700 km an Pfingsten 2021 anzugehen. Im November 2020 stellte ich dafür in Xert mein Profil auf “Sprint Time-Trialist” um. Besser wäre vielleicht noch der “Century-Rider” gewesen, aber pure Ausdauer auf der Rolle zu trainieren finde ich dann doch gähnend langweilig.

Und dann hat Corona mir wieder einen Strich durch die Rechnung gemacht: Im März erkrankte ich selber an SARS-CoV-2, und das war gar nicht lustig. Ich werde Monate brauchen, um wieder auf den Stand vor der Erkrankung zu kommen. An eine 700-Kilometer-Fahrt ist in diesem Jahr vermutlich nicht mehr zu denken. Aber irgendwann muss es mit dem Training ja wieder besser gehen, und ich brauche ja ein Ziel. Auch wenn das vielleicht noch ein Jahr in der Zukunft liegt.

Nach der Fahrt zum Gardasee 2017 und Trondheim-Oslo im Juni 2018 mit 540 km habe ich immerhin schon mal ein Gefühl dafür, was auf mich zukommt. Allerdings hatte ich in Norwegen über einige hundert Kilometer eine Gruppe, in der ich mitrollen konnte. Auf den 700 km solo nach Ostwestfalen würde ich mich vielleicht mal für 500 Meter hinter einen Trecker hängen können – sonst werde ich aber auf mich selbst angewiesen sein. So einen langen Ritt habe ich noch nie gemacht, und das braucht spezielle Vorbereitung.

Was liegt da näher als jemanden zu fragen, der sich mit sowas auskennt? Der mir sagen kann, wie man so ein Brett angeht. Der mir verrät, wie man es sich für die Nacht in einer Bushaltestelle bequem macht. Und der mir einen Tipp gibt, wie man mental durch den Rest der Nacht kommt. Ich bräuchte einen echten Langstreckenfahrer.

Der Münchner Ulrich Bartholmoes ist so eine Legende des Ultracycling. Erst 2014 hat er seine Passion entdeckt und sich binnen weniger Jahre zu einer festen Größe im Ultracycling entwickelt. 2020 hat er das ThreePeaksBikeRace von Wien nach Nizza gewonnen.

Ulrich Bartholmoes
Ulrich Bartholmoes (copyright Ulrich Bartholmoes)

Strava ist Zeuge der beeindruckenden Fahrt: 1.993 km, 27.192 Höhenmeter, 82:11 Stunden auf dem Rad und ein Schnitt von 24,3 km/h. Mindestens ebenso beeindruckend finde ich einige seiner Trainings, die er unter der Woche fährt. Z.B. die 180 km mit dem 38er Schnitt. Das würde ich vermutlich nicht mal hinter einem Motorrad aushalten. Ulrich weiß offenbar, was er tut und wie man dafür trainieren sollte. Und da er in seinen Strava-Posts seinen vielen Followern und deren Kommentaren immer freundlich begegnet, ist er der Richtige für mich. Ulrich hat sich freundlicherweise die Zeit für ein Interview genommen, seht selbst:

Motivation

2.000 Kilometer am Stück. 82 Stunden Fahrzeit. In unter vier Tagen weniger als drei Stunden Schlaf. Heilige Kettenpeitsche, wie bekommt man das hin? Bei mir sollen es ja nur 700 Kilometer werden, für mich ist aber schon das eine irre Strecke. Ulrich weiß, wie man so etwas angeht: “Es sind die kleinen Schritte, auf die Du Wert legen musst. Das große Ziel im Hinterkopf, die kleinen Ziele vor Augen. Trotz allem ist es eine Achterbahnfahrt. Alles hängt sehr von den Gegebenheiten ab, vor allem vom Wetter.” Klar, bei Regen gehe ich auch nicht gerne raus. “Wenn Du aber rechtzeitig zum Sonnenaufgang bei der Kontrolle auf dem Berg stehst, macht das alles wett.”

Training

Kilometer. Viele Kilometer. Sehr viele Kilometer braucht Ulrich, um sich vorzubereiten. Ultraviele. “Ein spezielles Training gibt es für Ultracycling nicht.”, sagt Ulrich. “Außer sehr viel Rennrad zu fahren. Wenn Du Dich auf den Ötzi vorbereitest, optimierst Du Deine Leistung pro Kilogramm Körpergewicht und trainierst, einige Stunden Vollgas zu geben. Das ist für die Ultra-Distanzen allein nicht hilfreich”. Klar, denn dann hätte man zwar zügig alle Gegner abgehängt, aber einige hundert Kilometer später würden dann geschmeidig die Lichter ausgehen. “Im Rennen selbst starte ich im Grundlagenbereich, also Z2, und reduziere nach wenigen einhundert Kilometern auf den Regenerationsbereich.” Das sind bei Ulrich immerhin auch noch Werte von über 2,8 Watt/kg, davon kann ich nur träumen.

Für mich heißt das: Vor allem viel fahren. Die Grundlagenausdauer ist wichtiger als die FTP. Obwohl hohe Zahlen da ja auch immer ganz schön sind 🙂

Verpflegung und Pausen

“Feste Pausenzeiten funktionieren nicht. Wenn Du dann gerade in der Pampa stehst, ist das ja nutzlos. Ich bin da opportunistisch und mache Halt, wenn es sich anbietet.” Das ist schon mal beruhigend, einen Pausenplan brauche ich also nicht.

Und die Nächte? “Das ist schon schwieriger.”, meint Ulrich. “Nach mehreren Tagen übermannt dich doch mal der Sekundenschlaf, und das kann gefährlich werden. Lieber mal eine Pause mehr einlegen. Aber aufpassen, dass hinten raus die Unterbrechungen nicht überhand nehmen. Wenn man erst einmal wieder im Sattel sitzt, sollte man auch zwei, drei Stunden die Kurbel drehen.”

Ulrich empfiehlt noch Powernaps. Die kenne ich in ähnlicher Form bei mir nur aus der S-Bahn. Das muss ich wohl noch üben.

Gepäck und Elektronik

“Eine Satteltasche mit sieben bis zehn Litern Fassungsvermögen sollte es für den Anfang tun”, empfiehlt Ulrich. Gemeint sind solche Taschen, die am Sitzrohr und Sattel befestigt werden und wie ein Schutzblech ein wenig nach hinten abstehen. “Bei längeren EInheiten habe ich noch eine Tasche für das Oberrohr dabei, mit Snacks und Akkus.” Pro Tag rechnet Ulrich mit einem Bedarf von ca. 10.000 mAh, zusätzlich lädt er bei Pausen mit Stromanschluss immer alle Geräte parallel auf. “Überhaupt ist es ratsam, die Pausen sinnvoll zu nutzen. Das Erste bei einem Stopp ist bei mir immer das Nachladen, erst dann gehe ich die anderen Dinge an. Und vor der Weiterfahrt überlege ich, was ich in den nächsten Stunden alles brauche und lege es mir so zurecht, dass ich während der Fahrt dran komme.”

Learnings

“Das wichtigste ist, sich im Rennen machbare Ziele zu setzen”, empfiehlt Ulrich. “Bei der Transibérica wollte ich zum Sonnenaufgang auf dem Berg bei der ersten Kontrolle sein.”

Momente wie diese vergisst Ulrich bestimmt trotz tausender Kilometer auf dem Rad nicht (Copyright Danilos Guali)

“Das hat geklappt. Dann dachte ich mir, dass ich in der Nacht am Meer sein möchte. Das waren aber noch 400, 500 Kilometer.” Letztlich landete Ulrich nach diesem Tag nachts um zwei tatsächlich am Meer – und übernachtete auf der Strandliege eines Hotels.

Die Politik der kleinen Schritte hilft also auch hier. Für mich gilt das auch: Nach Corona habe ich enorm abgebaut und kann an ein strukturiertes Training noch nicht denken. Bis ich die Form von Ende Februar 2021 habe, muss ich noch viele dieser kleinen Schritte unternehmen.

Das Interview mit Ulrich habe ich Anfang März 2021 während der Quarantäne gemacht. Drei Tage später wurde ich positiv getestet. Die Fahrt habe ich mental ins nächste Jahr geschoben, den Beitrag wollte ich aber dennoch veröffentlichen.

2 Kommentare zu “Kopfsache

  1. Hallo Niklas,
    Wieder mal ein interessantes Thema für mich da ich die Heimfahrt zu meinen Eltern auch mal an einen Stück schaffen will und für meine ganzen anderen Touren die bei Komoot noch auf mich warten. Hoffe du hast deinen Infektionen mit Covid jetzt gut überstanden, da ich dich bei Strava schon wieder fleißig Trainieren sehe. Mache weiter so mit deinem Blog echt cool, freue mich das ich dich durch einen Zufall bei Strava entdeckt habe. Zum Schluss noch ein kleiner Hinweis Du schreibst dass das Video von März 2020 ist glaube aber du meinst 2021 .

    Danke für das Video und freue mich schon auf das nächste
    Bestellung für den Pullover folgt.

    L.G Robert (Spitzkorn) Junge

    1. VIelen Dank, Robert! Es geht mittlerweile wirklich etwas besser. Und freut mich, wenn Du Dir einen Pulli bestellst 🙂 Danke für den Hinweis mit der Jahreszahl. Das muss natürlich wirklich 2021 heißen. Habe ich geändert.
      Ride on!

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