lebenslänglich
Während des Stufentests

Hypochonder

In jedem vernünftigen Rennradfahrer steckt ja auch immer ein kleiner Hypochonder, denn schon der vermeintlich harmloseste Infekt kann alle Saisonziele zunichte machen. Nach meiner Zwangspause durch die Corona-Infektion – ein Infekt der Gattung Super-GAU und für mich noch verbunden mit einer Superinfektion – hatte der Hypochonder in mir die Regie übernommen: Überall las ich von unentdeckten Herzmuskelentzündungen nach Covid und dem quasi zwingend folgendem Herzstillstand zu den unmöglichsten Gelegenheiten. Freunde erzählten mir abstruse Geschichten von unerwarteten Todesfällen nach Sars-COV-2 – auf Skitouren, während der Autofahrt am Steuer oder einfach nur nachts im Bett. Die Geschichten waren immer so aufgebaut, dass sie für mich nicht klar Fiktion oder Realität zuzuordnen waren. Sie könnten also wirklich passiert sein! Dann war da noch die Sache mit Janik Möser: Nach einer Corona-Infektion wurde bei dem Eishockeyspieler nur durch eine Routine-Untersuchung eine Herzmuskelentzündung diagnostiziert! Und ich hatte ja auch diese Probleme mit der Herzfrequenz nach den ersten Ausfahrten: Viel zu hoch bei viel zu wenig Leistung. Da musste doch was kaputt sein! Dazu noch dieses Stechen in der Brust. Ob das wirklich nur die Rückenschmerzen wären, wie der Physiotherapeut in seinem fröhlichem Optimismus behauptete?

Die Spätfolgen von Corona für Hobbyleistungssportler sind noch weitestgehend unerforscht. Da das Virus häufig Lunge oder Herz angreift, ist es naheliegend, dass diese Organe nach der Genesung nicht sofort wieder voll funktionsfähig sind – oder im schlimmsten Fall nie mehr ihre frühere Leistung erreichen können.

Ich hypochondrierte mich also durch meinen Alltag und nahm jede Reaktion meines Körpers als Hinweis auf den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch wahr. Totale Blockade: Wenn Du immer denkst, Du bist krank, dann wirst Du es auch. Die Herzfrequenz blieb bei den Ausfahrten so hoch wie meine Erwartung, jeden Moment bewusstlos vom Rad zu kippen. Glücklicherweise brachte mich schon kurz nach der Genesung ein Freund auf die Idee, eine Post-Covid-Untersuchung zu machen. Nicht beim Hausarzt, weil der auf dem Ergometer bei 150 Watt aus Sicherheitsgründen lieber mal den Saft abdrehen würde, sondern bei Leuten, die sich damit wirklich auskennen: Dem Zentrum für Prävention und Sportmedizin der Technischen Universität München. Es war gar nicht so einfach, einen Termin zu bekommen. Aber wenn man das gleich nach der Genesung tut, bekommt man derzeit etwa vier Wochen später einen freien Slot. Und so lange sollte man eh abstinent bleiben.

Das waren vier harte Wochen für mich. In jeder Beziehung.
Und dann: Große Erleichterung nach dem vierstündigen Untersuchungsmarathon!

Das Ergebnis des Stufentests. Mehr dazu unten im Text.
Das Ergebnis des Stufentests. Mehr dazu unten im Text.

Herz: Im Ruhezustand etwas träge, fast gelangweilt. Aber ohne Befund.
Lunge: Alles bestens, auch befundlos. Obwohl ich nach dem Ausatmen in diesen lustigen Trichter für gut eine Stunde einen Reizhusten wie zu Corona-Zeiten hatte. Was die anderen Gäste im Wartezimmer dazu brachte, noch einen Platz weiter von mir abzurücken. Jungs, alles easy, ich hatte es schon 🙂
EKG: Kein einziger Ausrutscher, alles in Butter.
Dann der Stufentest auf dem Ergometer, der mit 80 Watt startet und alle drei Minuten um 30 Watt gesteigert wird, während regelmßig Blutdruck, Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung gemessen werden. Dazu immer kurz vor dem Wechsel zur nächsten Stufe die Blutabnahme am Ohrläppchen zur Laktatbestimmung, weil ich noch an der Langzeitstudie Cosmo-S der Uni Ulm teilnehmen konnte. Bei 320 Watt war für mich Schluss. Frustriende 320 Watt! Aber nach sechs Wochen Trainingspause wäre alles andere überraschend gewesen.

Während des Stufentests
Zu Ende des Stufentests. Meine beiden Betreuer müssen mich ein wenig festhalten. Obwohl 320 Watt nun wirklich nicht viel ist.

Und letztlich ist das auch egal, denn am Ende stand fest: Volle Trainingsfreigabe!

Rauf aufs Rad: Am Abend auf Zwift sah die Herzfrequenz gleich wieder besser aus. Doch alles nur EInbildung?
Rauf aufs Rad: Am Abend auf Zwift sah die Herzfrequenz gleich wieder besser aus. Doch alles nur Einbildung?

Im Abschlussgespräch empfahl mir die Ärztin, erst einmal in GA1 und ein wenig GA2 zu bleiben und erst “in einiger Zeit” wieder mit Intervallen anzufangen. Bemerkenswert noch, dass die ermittelte Schwelle ziemlich genau zwischen TP und LTP von Xert liegt. Da ich mit Xert gut fahre, werde ich mich weiter an den dort ermittelten Werten orientieren.

Mit dem Wissen, dass alles bestens ist, ist das Training plötzlich gar nicht mehr so schwer und ich kann meinen Körper wieder mehr fordern.

Wie leicht man sich doch etwas einbilden kann!

 

Zentrum für Prävention und Sportmedizin der Technischen Universität München

  • Direkt neben dem O2-Tower
  • Termin braucht gute vier Wochen Vorlauf, also rechtzeitig planen
  • Sehr viele junge Ärztinnen und Ärzte bzw. in Ausbildung befindliche. Ich fand das sehr angenehm, meist wird man durch mindestens zwei Personen betreut. Auch wenn die sich während einer Untersuchung gerne mal über die Prüfungsinhalte und alle möglichen Herzerkrankungen unterhalten. Da muss man einen klaren Kopf bewahren: Die sprechen da gerade nicht über MEIN Herz :-). Alle Mitarbeitenden des Instituts sind sehr freundlich und hilfsbereit.
  • Zwischendurch ergeben sich lange Wartezeiten. Ein gutes Buch hilft. Und ein Pulli, denn zur besseren Lüftung stehen überall die Fenster auf und in Sportklamotten friert man schnell mal.
  • Der Ergometer ist ein bisschen in die Jahre gekommen und hat Haken- und SPD-Pedale
  • Auch empfehlenswert ohne Corona-Vorerkrankung.

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