lebenslänglich

Winterzucht

Auf hartes Winter Zucht folgt gute Sommersfrucht

Auf hartes Winter Zucht folgt gute Sommersfrucht.
Recht haben sie, die Bauern, die einst diese Regel aufgestellt haben. Wobei sie da vermutlich eher an Ackerbau und Viehzucht dachten, und nicht an die Qualen, die ein systematisch trainierender Radsportler im Winter durchleiden muss, um im Sommer gut dazustehen. Wie sagte Marc Bator, bis 2013 Deutschlands seriöseste Nachrichtenstimme und Coinisseur zumindest des Amateur-Radsports? „Der echte Champion wird im Winter gemacht“. Recht hat auch er.

Da ich nie sonderlich systematisch trainiert habe, habe ich die Bedeutung des Winters immer ein wenig heruntergespielt. Zwei mal pro Woche Hallentraining, einmal mit den anderen Jungs Laufen im Wald. Das musste reichen. Ich war ja kein Crosser wie mein Mitsreiter Tim aus jüngeren Jahren, der den Winter durch ackern musste und dann im Frühjahr platt war (wobei das rückblickend wohl gar nicht stimmt, aber ich habe mir das immer eingeredet). Wenn ich mal gut ins Frühjahr ging, dann war das wohl eher Zufall.

Zur richtigen Vorbereitung gehörte auch Ende der 80er schon eine Fahrt ins Trainingslager. Zwar hatte Hürzeler auf Mallorca schon Fuß gefasst, aber die Flüge dorthin waren teuer und die Infrastruktur auf der Mittelmeerinsel noch nicht sonderlich gut. Die Ziele hießen daher Cesenatico oder Cote’d’Azur, beide auch aus Norddeutschland mit einem Bulli voller Räder und testosterintriefender Jugendlicher in akzeptabler Zeit zu erreichen.

Erstaunlich, was in den Achtzigern noch eine Zeitungsmeldung wert ist. Auf dem Weg nach Südfrankreich.

1988 war mein erstes Jahr im neu gegründeten Verein RG Vlotho, und wir sollten zum ersten mal ins Trainingslager fahren. Gemeinsam mit einigen Herfordern, denn Gerd vom RC Endspurt Herford hatte in Cavalaire sur Mer ca. 40 km südwestlich von St. Tropez ein paar Appartments gemietet. Er war Koch und hatte uns zu den Wohnungen Vollverpflegung angeboten. Es muss ein Akt der Menschlichkeit gewesen sein, der ihn dazu getrieben hatte. Denn in den sieben Tagen haben wir ihm quasi seine wenigen grauen Haare vom Kopf gefressen.

1989 noch einmal, dann aber nach Cesenatico. Das beste bei diesem Artikel ist das Foto mit meinem Müsing-Rad mit den tollen 7005er-Rohren.

Wenn Jugendliche den ganzen Tag auf dem Rad sitzen, ist der Hunger ewiger Begleiter. Gerd fluchte in den ersten Tagen wie ein aufgebrachter Fußballprofi, der hinterrücks gefoult worden war: Die Baguettes, die er morgens frisch vom Bäcker geholt hatte und die für den ganzen Tag gedacht waren, reichten nicht einmal zum Frühstück. Das Ganze muss für ihn ein fürchterliches Verlustgeschäft gewesen sein. Aber Gerd war ein herzlicher Idealist, der alles für den Radsport und seine Jungs getan hat.

Das Trainingslager brachte in uns allen den wahren Charakter zum Vorschein. Wer als Teenager eine gute Woche lang 24 Stunden pro Tag gemeinsam mit seinesgleichen verbringt, kann sich irgendwann nicht mehr verstellen. Wir lagen zu acht im Appartment, in Doppelstock- und Feldbetten.

Da drehte sich alles ums Rad: Wohnung in Cavalaire sur Mer
Da drehte sich alles ums Rad: Wohnung in Cavalaire sur Mer (Foto: Martin Janik)

Willi hatte seine Kassette von den Fine Young Cannibals dabei, „The Raw and the Cooked“. Bei „She drives me crazy“ hielt uns nichts mehr, selbst meine Kinder kennen das Lied heute noch. Das Album wurde im Wechsel mit U2’s „War“ gespielt, und ich bin mir sicher, dass diese sieben Tage meinen Musikgeschmack unterbewusst nachhaltig geprägt haben. An den FYC kam man 1988 nicht vorbei, aber „Bloody Sunday“ verlangte schon etwas mehr Musikverstand. Obwohl ich den Text damals sicher nicht verstanden hatte.

2017 immer noch ein beliebter Treffpunkt: Die Kreuzung der Kammstraße mit der D27 kurz vor Royal-Canadel-sur-Mer.

Ich war 15, durchschnittlich anstrengend und brauchte immer jemanden zum Reiben. Den meisten Mitreisenden bin ich wohl gehörig auf die Nerven gegangen. Gut, dass wir jeden Tag vier bis sechs Stunden auf den Rädern saßen und uns abreagieren konnten, sonst hätte es vielleicht noch ernsthafte seelische Schäden gegeben. So wurde – zumindest für mich –  jede Ausfahrt zu einem Wettbewerb. Die Cote’d’Azur ist eine wundervolle Gegend mit zahlreichen zum Teil erheblichen Anstiegen. Im Grunde genommen ist die Topographie nicht ideal für ein frühes Trainingslager, da man nicht wirklich flach fahren kann und immer mindestens einen etwas längeren Anstieg dabei hat. Dafür kann man häufig unvergleichbar schöne Ausblicke auf das Mittelmeer genießen.

Frühling in Bormes-les-Mimosas 2017

Sobald klar war, dass wir in einen längeren Berg fahren würden, gab unsere erwachsene Begleitung die Fahrt bis zu einem bestimmten Treffpunkt frei, und jeder fuhr in seinem Tempo hinauf. Für mich hieß das jedes mal: Vollgas. Und wenn ich oben nicht Erster war, war ich beleidigt. Meistens war ich vor den anderen da, aber letztlich waren sie wohl nur viel vernünftiger als ich und brauchten den Wettbewerb nicht. Ich muss für die anderen Teilnehmer alles andere als einfach gewesen sein.

Blick auf den Lac St-Croix 2017

Der Höhepunkt der Woche, in der wir gut 800 km gefahren sind, war ein Ausflug zur nahegelegenen Gorges du Verdon, die wir mit den Rädern umrunden wollten. Als wir auf der Südseite auf der D71 an den Punkt kamen, an dem wir erstmals einen Blick auf die hoch über uns gelegene Straße auf der anderen Seite der Schlucht werfen konnten, war ich sprachlos vor Anmut. Als Kind war ich ja immer nur an der Nordsee gewesen, aber noch nie in den Bergen. Das hier war so schön, dass mir fast die Tränen kamen.

Ausblick an der Gorge du Verdon 1988. Hier sieht es noch gar nicht nach Regen aus, das sollte sich aber schnell ändern.
Ausblick an der Gorge du Verdon 1988. Hier sieht es noch gar nicht nach Regen aus, das sollte sich aber schnell ändern. Foto: Martin Janik

Glücklicherweise sah das niemand, weil es nun anfing zu regnen. Als mir dann noch auf regennasser Abfahrt nach Aiguines bei Tempo 60 der Vorderreifen platze und ich mich nur mit Not vor einem Abflug in die Schlucht retten konnte, bin ich in das Auto umgestiegen. Die tolle Runde über die D23 bei La Palud-sur-Verdon fiel damit ins Wasser. Ich hatte mir damals aber fest vorgenommen, irgendwann wiederzukommen.

Camp du Domaine bei Le Lavandou in 2017. Wunderschöner Platz am Meer und im Frühjahr noch angenehm ruhig.

Das sollte aber noch fast 30 Jahre dauern. Im Frühjahr 2017 hatte ich dank eines nicht unerheblichen Urlaubsüberschusses aus dem Vorjahr eine Woche Zeit und habe die Anstiege im Massif des Maures noch einmal allein erkundet. Noch immer gibt es hier viele Radfahrer, aber anders als in den 80ern sind die meisten Einheimische (zumindest deute ich die französischen Aufschriften auf den Trikots so). Ich bin natürlich nicht annähernd so fit wie mit 15, aber trotzdem oder eher deswegen ist jeder Anstieg ein Wettkampf. Allerdings nur gegen mich allein, weil die Berge mal wieder viel höher als in meiner Erinnerung sind. Aber die Ausblicke entschädigen für die Schmerzen: Wunderschön und einzigartig ist die Kammstraße zwischen Bormes-les-Mimosas und Rayol-Canadel-sur-Mer mit ihrer fantastischen Aussicht auf Meer und Maurisches Massiv. Nicht ganz so erhaben, aber dafür sehr ruhig im Hinterland gelegen ist die Auffahrt zur Notre Dame des Anges du Massif des Maures, eine überraschend große Kirche auf einem Berggipfel in der Nähe von Pignans.

Nach einigen Tagen südfranzösischen Frühlings fahre ich mit dem Wohnmobil weiter zum Lac de Sainte-Croix und kann nach knapp 30 Jahren vollenden, was ich 1988 abbrechen musste: Die Umrundung der Gorges du Verdon.

Tiefster Punkt der Runde
Auf der D23 hinter Palud
Blick in die Gorge

Ich hatte wahrhaft Ehrfurcht vor dieser Runde. Komoot hatte mir knapp 5.000 Höhenmeter auf 130 km ausgewiesen. Mein Fehler: Das passiert, wenn man während der Planung nicht genau hinschaut und in bergigem Gelände auf der digitalen Karte den Wegpunkt ein paar Pixel zu weit von der eigentlichen Straße entfernt legt – nämlich in die Schlucht. Tatsächlich waren es nachher nur gut 2.500 Höhenmeter auf etwa 120 km, also eine durchaus akzeptable Strecke. Und eine wunderschöne, die jeder Rennradfahrer mal gefahren sein sollte.

Das Ende der Gorge du Verdon bei Aiguines

Fazit: Ohne echten Wettbewerbsdruck konnte ich die Landschaft mehr genießen, aber ohne die Jungs von damals war es doch etwas einsam. Dafür hatte ich bei jeder Auffahrt „She drives me crazy“ im Ohr.

 

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