lebenslänglich
Rechts im Bild mit der Fahne in der Hand wartet Gottfried Paulus auf die Streckenfreigabe durch die Polizei

Unerhört

Ich mag kleine Rennen, da geht es oft ein wenig freundlicher zu als bei den großen Veranstaltungen. In meiner Jugend waren das die bezirksoffenen Frühjahrsrennen rund um ostwestfälische Kirchtürme und Gewerbegebiete. Als Veranstalter bekommt man so einen Renntag noch mit einem relativ kleinen Team auf die Beine gestellt, auch wenn sich die Voraussetzungen seit den 1980ern drastisch verändert haben dürften. Allein die Haftungsfrage macht es heute vielen Vereinen schwer, ein größeres Rennen zu organisieren. Umso mehr hat mich die folgende Ausschreibung vom BDR auf rad-net überrascht:

Landshuter Straßenpreis der Gehörlosen mit Jedermann Rennen
Offen für die Radsportbezirke Niederbayern und Oberpfalz und angrenzende Landkreise im BRV. Klassen entsprechend den Bestimmungen für die Jedermann-Rennen im BRV/BDR. Es wird nur ein Rennen durchgeführt. Wertung: Männer bis 40 J; Senioren ab 41 J, Frauen und Paracycling Start Bem.: Gemeinsamer Start, getrennte Wertungen

Ein Rennen für Gehörlose und Paracycler, also körperlich eingeschränkte Radsportler? An dem dann auch noch Sportler ohne jegliche körperliche Einschränkung teilnehmen dürfen? Das fand ich interessant. Wie so etwas wohl ablaufen würde? Und ist bei so einem Rennen die Haftungsfrage nicht noch schwieriger zu lösen, weil die Kommunikation zwischen den Teilnehmern nicht immer gewährleistet ist?
Um es kurz zu machen: Eigentlich ist es ein Rennen wie jedes andere. Im Feld ging es genau so eng zu, die Spitzengruppe war für mich auch hier zu schnell und ein Gewitter ist immer eine nasse und kalte Angelegenheit, egal ob es sich um ein Rennen mit oder ohne Gehörlose handelt. Ungewöhnlich war an sich nur die Gebärdendolmetscherin, die an allen wichtigen Stellen wie Nummernausgabe, Start und Siegerehrung dabei war.
Mir wurde im Verlauf des Rennens aber bewusst, dass ich gar nicht so richtig weiß, wie ich mit Gehörlosen umgehen sollte. Zwar fasziniert mich, in welcher unglaublichen Geschwindigkeit sich Gehörlose in der Gebärdensprache unterhalten. Wenn ich aber selber einer oder einem Gehörlosen gegenüberstehe, habe ich Sorge, dass ich etwas falsch mache. Und für ein Radrennen gilt das noch mehr, da man sich nicht mal eben mit einer Gebärde bemerkbar machen kann. Mal ganz davon abgesehen, dass ich die gar nicht beherrsche.
Was liegt da also näher, als sich beim Veranstalter selber zu erkundigen? Der könnte doch aus erster Hand erklären, was es mit dem Rennen auf sich hat und wie man sich am besten als Hörender unter Nicht-Hörenden verhält. Gottfried Paulus ist erster Vorsitzender des Gehörlosen-Sportvereins Landshut 1989 e.V. und verantwortet die Sparte Radsport. Er sollte es also wissen, und ihm habe ich nach dem Rennen meine Fragen gestellt.

Gottfried Paulus (rechts im Bild mit der Fahne) wartet auf die Streckenfreigabe durch die Polizei
Gottfried Paulus (rechts im Bild mit der Fahne) wartet auf die Streckenfreigabe durch die Polizei

Niklas: In diesem Jahr gab es zum Landshuter Gehörlosenpreis eine neue Strecke. Ich bin das Rennen in den Vorjahren leider nicht gefahren. Warum musstest Du einen neuen Austragungsort suchen?
Gottfried: Auf der alten 4,2 km Rundstrecke gab es leider eine Holzbrücke, die bei Regen eine erhöhte Sturzgefahr darstellte. Das wollten wir ändern. In diesem Jahr hat es ja sogar gewittert, aber auf der neuen Runde war das kein Problem.

N: Oh, ich fand das Gewitter schon problematisch, aber aus anderen Gründen. Ganz ehrlich: Wie viele Kisten Helles musstest Du springen lassen, damit Du alle Feuerwehren der Umgebung zur Zusammenarbeit bringen konntest? Das hat ja wirklich gut geklappt!
G: Ehrlich gesagt gar keine. Die Feuerwehren haben uns sehr gerne unterstützt. Aber sie haben von mir eine freiwillige finanzielle Zuwendung bekommen. Die Zusammenarbeit klappt da wirklich gut, ganz herzlichen Dank noch einmal an alle!

Die Zielgerade, die zwar lang, aber eben gar nicht gerade ist.
Die Zielgerade, die zwar lang, aber eben gar nicht gerade ist.

N: Und wurdest Du für die lange und ansteigende Zielgerade beschimpft? Nach der Kurve sind es bis zum Ziel schnurgerade 1.000 Meter und sicher 40 Höhenmeter. Selbst ohne Gewitter und Hagel zieht einem das schon die Schuhe aus.
G: Beschimpft wurde ich nicht. So ist das eben im Radsport, da setzt der Veranstalter die Runde fest. Bei Paris-Roubaix gehören die Pavé-Sektoren ja auch dazu, obwohl sie vermutlich niemand gerne fährt. Aber Du hast recht, der Zielanstieg ist schon anspruchsvoll. Insgesamt scheint mir der neue Kurs selektiver zu sein als der der Vorjahre.

N: Die Strecke ist ja sehr ländlich, da gibt es leider kaum Publikum. Müsste man mit so einem Radrennen nicht in die Innenstadt gehen? Das ist doch gelebte Inklusion und müsste für meine Begriffe viel präsenter sein!
G: Nein, das finde ich nicht. Wichtig ist, dass ein Radrennen den Wunsch der Organisatoren entsprechend organisiert wird. Zuschauer kommen bei kleinen Rennen in der Innenstadt vielleicht etwas mehr, das weiß ich aus eigener Erfahrung. Aber wir wollen ja kein Publikumsmagnet werden, sondern ein schönes Radrennen für unsere Gemeinschaft anbieten.

N: Für mich war es die erste Sportveranstaltung mit Gehörlosen. Ich bin sehr unsicher im Umgang mit Menschen, die nicht oder nicht gut hören können. Gibt es etwas, worauf ich grundsätzlich achten sollte, wenn ich mit Hörgeschädigten gemeinsam etwas unternehme?
G: Ja, da gibt es ein paar Punkte. Vor allem sollte man langsam und deutlich sprechen, damit Gehörlose vom Mund ablesen können. Für die erste Zeit ist es auch in Ordnung, Papier und Schreibzeug zu benutzen, denn es dauert ein wenig, bis sich Gehörlose an das Mundbild gewöhnen. Und natürlich hilft es immer, selber etwas Gebärdensprache einzuüben.

N: Wie die meisten Radfahrer beherrsche ich die Gebärdensprache leider nicht, und im Rennen geht das ja auch gar nicht. Gibt es ein paar grundsätzliche Do’s & Dont’s im Wettbewerb?
G: Das ist im Rennen schwierig, aber wenn ein Hörender weiß, dass der neben ihm Fahrende ein Gehörloser ist, kann er ihm einfache Zeichen geben. Ihn kurz anzutippen ist auch in Ordnung, allerdings sollte man sicherstellen, dass er sich nicht erschreckt.

N: Wie viele gehörlose Radrennfahrer gibt es denn etwa in Deutschland?
G: Ich schätze so um die 25-30. Ganz genaue Zahlen habe ich leider nicht.

N: Und wie viele dieser inklusiven Veranstaltungen gibt es pro Jahr etwa in Bayern und Deutschland? Der Sieger der gehörlosen Senioren kam ja aus Frankfurt. Das lässt darauf schließen, dass die meisten Athleten auch weite Anfahrten in Kauf nehmen.
G: Wir haben derzeit vier Veranstaltungen: Landshut, Bodensee, Ergolding und Frontenhausen. Dazu MTB-Wettbewerbe und Triathlon, welche aber von Hörenden-Vereinen organisiert werden und bei denen Gehörlose nur Teilnehmer sind. Da die Gehörlosen sehr weit auseinander wohnen, sind weite Anfahrtswege leider unausweichlich, wenn man teilnehmen will. Die meisten machen das aber für den Sport sehr gerne.

N: Für einen Jedermann-Wettbewerb gab es eine Menge Preise. Ich habe als abgehängter Sechster bei den Senioren noch 20 Euro bekommen. Das ist mir fast ein wenig unangenehm. Ist es einfacher, für einen Inklusionswettbewerb Sponsoren zu finden?
G: Ja also, da habe ich ziemlich Glück und mit Thomas Hanke einen technischen Mitarbeiter aus der Immobilenbranche, der durch seine Kontakte die Finanzmittel mitorganisiert. Es kamen einige Tausend Euro zusammen und mit den Startgeldern konnten wir die Prämien locker schultern.

N: Unterm Strich war das eine tolle Veranstaltung, nur das Gewitter hat mir doch ziemlich zugesetzt. Bleibt der neue Kurs auch für 2020, und wirst Du das Rennen noch einmal ausrichten?
G: Ich denke schon, dass wir für die nächsten Austragungen auf dem Kurs wieder die Veranstaltung durchziehen werden.

Vielen Dank an Gottfried Paulus für seine Zeit und eine tolle Veranstaltung!

Siegerehrung der gehörlosen Senioren
Siegerehrung der gehörlosen Senioren

Mehr Infos zu Gehörlosen findest Du hier:

  • Deutscher Gehörlosensportverband: www.dg-sv.de
  • Bayerischer Gehörlosensportverband: www.bg-sv.de
  • Landesverband Bayern der Gehörlosen: www.lvby.de (dort kann man sich z.B. kostenlos eine Karte mit dem Fingeralphabet und Tipps zur besseren Kommunikation mit Gehörlosen bestellen – leider nur analog, kein PDF)

Und hier ist Gottfried Paulus tätig:

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