lebenslänglich

Todeskurve

Noch eine letzte enge Linkskurve lag vor uns, dann würden wir auf die Zielgerade einbiegen. Dieses letzte Hindernis hatte ich mir vor dem Rennen gut angeschaut, denn die Ideallinie führte über einen runden, in der Straße eingelassenen Kanaldeckel. Er war mit ostwestfälischer Gründlichkeit eingesetzt worden, zwischen Teerdecke und dem runden Buderus-Metall gab es nicht den kleinsten Absatz. Bei trockenem Wetter wäre der Gullideckel gar nicht aufgefallen, bei herbstlichen Mieselregen wie an diesem Tag wurde die Kurve aber zum Publikumsmagneten. In jedem Rennen kam es hier zu dramatischen Szenen, wenn sich ein Fahrer auf der regennassen Straße zu sehr auf den Grip seines Vorderreifens verlassen oder den plumpen Metalldeckel schlicht vergessen hatte und darauf wegrutschte. Und da Masse träge ist, rauschten die Fahrer dann samt Rennrad ungelenk in die Absperrung und rissen dabei meist noch zwei, drei weitere Kontrahenten mit sich. Die zwei hochkant aufgestellten und mit rot-weißem Flatterband umschnürten Strohballen am Laternenmast konnten dabei nur das Allerschlimmste verhindern, daher standen die ehrenamtlichen Sanitäter samt zusammengeklappter Trage direkt daneben. Frei von jeder Sensationslust hatten sie sich hier bestimmt nur platziert, um den Unfallopfern sprichwörtlich erste Hilfe leisten zu können.

Vor dieser letzten Kurve hatte ich also Höllenrespekt, und mein ursprünglicher Plan war, sie gefahrlos am Ende des Feldes mit angepasstem Tempo zu durchrollen. Es war Herbst. Warum jetzt noch etwas riskieren? Dachte ich zumindest vor dem Start.

Es kam aber unverhofft anders, und nun klebte ich in der letzten Runde in guter zweiter Position an einem schnellen Hinterrad. Nur diese furchtbare Kurve und gut 200 Meter leicht ansteigende Zielgerade lagen noch vor uns. Ich hatte noch immer gute Beine, aber meine Lunge kam mit der Sauerstoffzufuhr nicht nach, mein Herz pumpte wie bei einem Tachykardie-Patienten und das Adrenalin rann mir aus den Augenwinkeln. Dafür war mir ein Platz auf dem Podium sicher, zum ersten mal überhaupt! Die Verfolger lagen weit genug hinter uns, nur die Führende vor mir – ich erinnere mich, sie hieß Ines – konnte ich nicht einschätzen. Für mich ging es also plötzlich um alles. In dieser letzten Kurve steuerte Ines ihr Vorderrad zielsicher rechts am Gulli vorbei, um dann nach links zu ziehen. Dabei touchierte sie jedoch mit dem Hinterrad noch so eben das Metall des Deckels. Begünstigt durch die schräge Kurvenlage rutschte daraufhin ihr Hinterrad nach rechts, und ich sah sie schon dem Schicksal so vieler vor ihr folgen.

Erstaunlich, welche unterschiedlichen Empfindungen der eigene Körper in solchen Sekundenbruchteilen durchlaufen kann: Zuerst zittrige Erleichterung, dass es nicht mich erwischen würde, weil ich den Gullideckel im Blick hatte. Dann ein warmes Glücksgefühl, weil damit der Weg nach ganz oben auf das Podium frei war. Gefolgt von ehrlicher Scham, weil ich vom Fahrfehler einer Konkurrentin profitieren würde. Am Ende der unendlichen Millisekunden dann aber die Erkenntnis, dass bei einem Sturz in einem Rundstreckenrennen auch kein anderer Fahrer anhalten und seinen Sieg verschenken würde. Ich also auch nicht.

Ines hatte ihr Rad aber besser im Griff als ich vermutet hatte. Zwar rutschte ihr Hinterrad fünf, sechs Zentimeter über den nassen Teer, aber sie hatte das offenbar gar nicht mitbekommen und zog nach der Kurve gnadenlos den Sprint an. Mit jeder Kurbelumdrehung setzte sie sich weiter von mir ab, denn ich hatte vor lauter Ehrfurcht vor der Todeskurve verschlafen, rechtzeitig runterzuschalten. Und nun musste ich mit ansehen, dass mein wahrhaftiger Schaltfehler viel verheerender war als ihr vermeintlicher Fahrfehler. Jetzt doch noch runterschalten? Um dann wenige Meter später beim Raufschalten vielleicht nicht den richtigen Gang zu treffen? Zu riskant. Ich drückte meinen dicken Gang den kaum wahrnehmbaren Anstieg rauf und brachte alle Kraft, die ich noch irgendwie mobilisieren konnte, auf die Pedalen. Den Blick starr nach vorn gerichtet sah ich Ines eine gute Radlänge vor mir, zum Ziel waren es jetzt nur noch siebzig, achtzig Meter. Vom Publikum nahm ich nichts mehr wahr, irgendwo hier im Zielbereich musste auch mein Vater stehen. Durch den dicken Gang schaffte ich jetzt mit jeder Kurbelumdrehung ein paar Zentimeter mehr als Ines und setzte links zum Überholen an. Noch dreißig Meter. Aus den Augenwinkeln meine ich damals eine gewisse Verzweiflung in ihrem Gesicht erkannt zu haben, gepaart mit der Gewissheit, dass sie diesen alles entscheidenden Sprint verlieren würde. Mein Herz explodierte, ich bekam keine Luft mehr und jetzt schienen auch meine Beine zu platzen. Keine Sekunde zu früh: Mit einer halben Radlänge Vorsprung rettete ich mich über den Zielstrich und hätte mich fast übergeben. Ich bekam kaum Luft, war aber überglücklich. Ich hatte mein erstes Radrennen gewonnen!

Urkunde vom Anfängerrennen in Schloss Neuhaus 1984. Glücklicherweise steht dort nicht, dass ich anderthalb Minuten Vorsprung bekommen hatte.

Ich rollte aus und hielt wegen der leichten Steigung nur knappe dreißig Meter hinter dem Ziel an. Schwer atmend stützte ich mich mit meiner Stirn auf den Lenker ab. Der lederne Sturzring rutschte etwas nach hinten, die Riemen drückten am Ohr. Allmählich bekam ich wieder Luft, drehte suchend den Kopf um und nahm meinen Vater wahr, der aus der Menge heraus zu mir gelaufen kam. Komisch, richtig glücklich sah er nicht aus. Was hatte er nur?

1 Kommentar zu “Todeskurve

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