lebenslänglich

Masochisten-Marathon: Styrkeprøven

Von wegen Peer Gynt und seine norwegischen Morgenstimmung! Henrik Ibsen hat sein Gedicht, das die meisten wohl besser in der später von Edvard Grieg vertonten Variante kennen, vielleicht an einem lauen Sommerabend am Ufer eines oberitalienischen Sees geschrieben, den Federkiel in der rechten und ein Glas wohltemperierten Brunello in der linken Hand. Keinesfalls aber kann er so einen saukalten Morgen wie diesen hier gemeint haben: Zwar geht hinter mir und fast im Norden gerade gyntmäßig herrlich die Sonne auf, aber mir ist so unfassbar kalt, dass ich kaum den Lenker gerade halten kann. Und das, obwohl ich mit einer kleinen Gruppe in langen Thermo-Handschuhen, Arm- und Beinlingen, Überschuhen und Windjacke die zugegeben geringe Steigung zum Fjell hochdrücke. Ober und Unterkiefer schlagen unkontrolliert aufeinander, und beim Ausatmen beschlägt meine Brille jedesmal. Und nicht mehr atmen ist ja auch keine Lösung.

Schweinekalte Auffahrt zum Fjell gegen halb fünf morgens bei knapp zwei Grad über Null. Der Thermofaktor einer Windjacke sinkt mit dem Packmaß. Sonst freue ich mich darüber, dass mein hauchdünnes Jäckchen noch nicht einmal eine Trikottasche belegt. Heute nicht.
Schweinekalte Auffahrt zum Fjell gegen halb fünf morgens bei knapp zwei Grad über Null. Der Thermofaktor einer Windjacke sinkt mit dem Packmaß. Sonst freue ich mich darüber, dass mein hauchdünnes Jäckchen noch nicht einmal eine Trikottasche belegt. Heute nicht.

Mein hauchdünnes Windjäckchen liegt so eng an wie ein gelber Müllsack und wärmt genau so gut – also gar nicht. Dafür beginnen jetzt aber die Füße zu kribbeln. Obwohl das ungefähr so angenehm ist wie barfuß durch ein Kakteenbeet zu laufen (nicht, dass ich das jemals gemacht hätte), sind die Nadelstiche trotzdem ein gutes Zeichen: Die Überschuhe, die ich mir bei der kurzen Pause in Opdalsporten angezogen habe, zeigen endlich Wirkung. Aber sonst: Polarnacht.

Dumme Ideen werden ja oft am Ende einer Saison geboren. So wie im Herbst 2017: Wenn ich im nächsten Jahr nicht wieder so lustlos rumdümpeln wollte, bräuchte ich ein echtes Ziel, das mich über den Winter trägt und mich auch noch in den wahrhaft dunkelsten Stunden der düsteren Jahrshälfte motiviert. Nur damit ich im nächsten Sommer die ein oder andere RTF schmerzlos überstehen kann, würde ich mich nicht monatelang im Keller auf dem Turbo quälen. Da muss schon ein größeres Ziel her, so was wie die die kleine Tour zum Gardasee in 2017. Aber dieses mal mit etwas mehr Renncharakter. Nur was? Das Angebot an Jedermannrennen ist ja mittlerweile riesig.

  • Glöcknerkönig? Vielleicht etwas gewagt für mein aktuelles Gewicht.
  • Maratona dles Dolomites? Schöne Runde, aber da kriegt man ja nur einen Startplatz, wenn man den Veranstalter persönlich kennt.
  • Mallorca 312? Uiuiui, ziemlich früh im Jahr und dann gleich ein gewaltiges Brett.
  • Styrkeprøven? Zu weit weg und zu lang.

Moment. Zu lang?

Weit weg, ja. Aber doch nicht zu lang.

Der Styrkeprøven ist nicht wirklich ein Radrennen, eher ein Radmarathon. Das sind 540 km am Stück von Trondheim nach Oslo, die im Juni kurz vor Mittsommer gefahren werden. Skandinaviens größte Radsportveranstaltung.

370 km bin ich zum Gardasee schon mal gefahren. Da war ich nicht schnell, aber ich war ja auch allein. Der Styrkeprøven wären mal – naja – „nur“ 170km mehr, und mit Windschatten müsste sich das eigentlich nicht so viel anders anfühlen als die Tour über den Brenner. Und in den Familienkalender passt es auch noch. Deal!

Da war die Welt noch in Ordnung. Einrollen mit Andreas rund um Trondheim zwei Tage vor dem Rennen bei immerhin zweistelligen Temperaturen.
Da war die Welt noch in Ordnung. Einrollen mit Andreas rund um Trondheim zwei Tage vor dem Rennen bei immerhin zweistelligen Temperaturen.
Und die Farben! Ohne Filter, Ehrenwort!
Und die Farben! Ohne Filter, Ehrenwort!

 

 

 

 

 

 

Und jetzt drehe ich mit Andreas zwei Tage vor dem Styrkeprøven von Trondheim nach Oslo die erste Akklimatisierungsrunde in Trondheim. Wir kommen erst nach 18 Uhr los, sind aber umso beeindruckter vom Licht und den Farben. Hier ist alles ein wenig leuchtender, kälter, größer und ruhiger als bei uns. Auch die Rampen auf unserer ersten Ausfahrt sind  ziemlich zackig, wir kommen auf den gut 60 Kilometern auf über 800 Höhenmeter. Und die Auffahrt zum Fjell soll nur 3% haben? Nach der Tour heute nur schwer vorstellbar.

Zweckmäßiger Bau in guter Lage: Das Trondheim Vandrerhjem liegt gute 10 Minuten Fußweg von der Innenstadt entfernt auf einem Hügel.
Zweckmäßiger Bau in guter Lage: Das Trondheim Vandrerhjem liegt gute 10 Minuten Fußweg von der Innenstadt entfernt auf einem Hügel.

Andreas und ich sind extra zwei Tage früher angereist, um uns noch ordentlich akklimatisieren zu können. Das heißt vor allem, sich an die sehr kurzen Nächte und die deutlich frischeren Temperaturen zu gewöhnen. Und an die ein oder andere ungewöhnliche Regelung: Als wir uns nach dem Feierabendründchen gegen 22 Uhr abends noch ein Bierchen aus dem Supermarkt genehmigen wollen, lernen wir, dass Alkohol nur bis 21 Uhr verkauft wird. Ob so ein Gesetz wirklich den Alkoholkonsum einschränkt?

Jungenszimmer: Den Geruch dazu muss man sich denken. Dank einer lautstarken Absaugung war es aber gar nicht so schlimm.
Jungenszimmer: Den Geruch dazu muss man sich denken. Dank einer lautstarken Absaugung war es aber gar nicht so schlimm.

Bei uns ja, zwangsläufig, weil wir kein Helles mehr bekommen. Wobei uns bei den aufgerufenen Preisen eh komplett der Bierdurst vergeht. Immerhin ist unsere Unterkunft wirklich günstig, weil wir noch ein Zimmer im Vandrerhjem bekommen haben. Hier beschwert sich niemand, wenn wir unsere Räder mit aufs Zimmer nehmen. Und unter den vielen internationalen Gästen werden es über die zwei Tage immer mehr, die auch beim Styrkeprøven dabei sein werden.

Im Herbst ging es mir noch darum, die Strecke überhaupt zu schaffen. Während  draußen die Blätter fielen und ich mir noch ein drittes Feierabendbierchen zu meinen Schinkenknackern gönnte, kommen mir plötzlich Zweifel: Sind 540km nicht doch einfach bekloppt lang? Vor lauter Ehrfurcht vor dieser großen Zahl hatte ich mich daher für eine freie Gruppe ohne Zeitvorgabe am Freitagabend um 22.30 angemeldet. Jeder Startblock ist mit maximal 60 Fahrern besetzt. Meine Idee damals: Mit etwas Glück erwische ich darin eine Gruppe, mit der ich mithalten kann. Und wenn sie mir zu schnell wäre, hätte ich noch genug Zeit, um auch allein nach Oslo zu kommen. Notfalls mit der Bahn, deren Gleise fast die ganze Zeit neben der Strecke herführen.

Das Höhenprofil kaschiert ein wenig, dass es auf den letzten 180 km immer ein wenig hoch und runter geht. Insgesamt werden auf den 540 km "nur" gut 3.600 Höhenmeter gemacht. Das ist im Vergleich mit anderen Radmarathons eher moderat.
Das Höhenprofil kaschiert ein wenig, dass es auf den letzten 180 km immer ein wenig hoch und runter geht. Insgesamt werden auf den 540 km „nur“ gut 3.600 Höhenmeter gemacht. Das ist im Vergleich mit anderen Radmarathons eher moderat.

Jetzt komme ich aber in unerwartet gut trainiertem Zustand in Trondheim an. Im Winter drei mal wöchentlich Intervallle auf dem Turbo getreten, eine Woche Malle Ende April mit gut 800 km in den Beinen und bis heute über 5.000 Jahreskilometer auf der Uhr. Ich fühle mich so, als ob ich mit einer guten Gruppe ich locker unter 20 Stunden brutto schaffen könnte. Wobei das natürlich Quatsch ist, ich weiß ja gar nicht, wie sich das anfühlen muss. Und jetzt ist es eh zu spät, außerdem ist der ursprüngliche Plan ja auch irgendwie sinnvoll.

Zeit für einen Hafenbesuch, wenn sonst schon keine Stimmung aufkommt
Zeit für einen Hafenbesuch, wenn sonst schon keine Stimmung aufkommt
Unspektakulär wie alles andere rund ums Rennen auch: Der Startumschlag enthält einen Klebebogen mit der Startnummer für Helm und Gepäck sowie eine Nummer für das Sattelrohr.
Unspektakulär wie alles andere rund ums Rennen auch: Der Startumschlag enthält einen Klebebogen mit der Startnummer für Helm und Gepäck sowie eine Nummer für das Sattelrohr.

Freitagvormittag können wir endlich unsere Startnummern im Hotel Skandic am Hafen abholen. Nach zwei Tagen Akklimatisierung freuen wir uns auf die Expo-Area und ein wenig Rennstimmung – aber da ist nix. Die Nummernausgabe liegt versteckt im Hotelkeller, und einzig der lokale Fahrradhändler bietet seine lieblos aufgestapelten Restposten an. Irgendwie alles lieblos – „lieblos“, das sollten wir in Zusammenhang mit dem Styrkeprøven noch öfter gebrauchen.

Die einzige Aufregung am Start ist, dass wir ihn fast verpasst hätten. Zu Fuß mit Taschen und Rädern an der Hand braucht man vom Vandrerhejm eben doch etwas länger, und die Gepäckannahme für den Transport nach Oslo öffnet erst um 19 Uhr. Sonst hätten wir unsere Sachen schon am Nachmittag runtergebracht, und so kommen wir etwas knapp los. Am Start selbst stehen kaum Zuschauer, überhaupt scheint die Stadt von diesem Event keine Notiz zu nehmen. Ein paar Soldaten bereiten sich auf ihre Fahrt in Uniform und auf Armeerädern vor, aber wirklichen Respekt verdient vor allem der Handbiker, der mit uns im Startblock steht. Unfassbar, was er vor sich hat. Dagegen muss die Fahrt mit dem Rennrad eine Wellnesskur sein.

Echter Held: Handbikefahrer am Start in Trondheim.
Echter Held: Handbikefahrer am Start in Trondheim.
Schau mal, nur noch 542,4 km bis Oslo.
Schau mal, nur noch 542,4 km bis Oslo.

Wobei mir die 540 km, die mir mein Radcomputer als verbleibende Strecke anzeigt, jetzt doch auch ein wenig Respekt einflößen. Hoffentlich geht alles gut, und hoffentlich komme ich gut durch die Nacht.

Kurz nach dem Start biegen wir in ruhigem Tempo auf die E6 ein, der wir nun für fast 300 km folgen werden. Das hier ist ganz anders als z.B. Schloß Neuhaus, niemand gibt richtig Gas und wir zockeln mit gut 20 km/h durch die helle Nacht. In Trondheim war es noch einigermaßen warm, aber sobald wir auf der E6 sind wird es kühl. Nein, es wird kalt. Ich bin zwar mit Armlingen gestartet, trage aber kurze Handschuhe und kurze Hose – und bei einem Tempo von 20 bis 22 km/h wird mir nicht warm. Andreas war schlauer als ich und hat sich warm angezogen. Nach gut 15 km beschließe ich, dem Zittern ein Ende zu bereiten, ziehe nach vorne und erhöhe das Tempo ein wenig. Es bleibt trotzdem kalt, und ich kann nicht anders: Ich muss anhalten und mir Beinlinge überziehen, die kurzen Handschuhe gegen die langen tauschen und mir die Mülltüte überstreifen. Weil mir so schweinekalt ist, dauert das aber ewig, und ich verzichte daher auf die Überschuhe. Wird schon gehen. Trotzdem ist meine Zweiundzwanziguhrdreißig-Gruppe jetzt weg. Weit weg. Komplett weg! Himmel, wo sind die denn alle geblieben? Die können doch nicht plötzlich Vollgas gegeben haben!

Erst als ich ohne Stopp durch die Verpflegungsstation Soknedal bei km 62 rausche wird mir klar: Es gibt keine Gruppe mehr. Nach meiner Umkleideaktion haben offenbar auch andere zum Pinkeln und Umziehen einen Halt gemacht. Und nun ist die Gruppe diffundiert. Aufgelöst. Zerlegt wie ein ausgelaugtes Fahrerfeld bei der Tour de France am Mont Ventoux. Und mein Plan, in unter 20 Stunden in Oslo anzukommen, scheitert vermutlich irgendwo zwischen Soknedal und Opdalsporten. Gruppenlos bin ich und damit viel zu langsam. Nur ist mir das hier noch nicht bewusst.

Nachtstimmung an der zweiten Verpflegungsstation in Opdalsporten
Video: Nachtstimmung an der zweiten Verpflegungsstation in Opdalsporten

In Opdalsporten, der letzten Verpflegungsstation vor dem Fjell, muss ich meine Füße wieder zum Leben erwecken. Ich ziehe meine Windjacke aus, hole die Überschuhe zum Aufwärmen raus und will mich am vermeintlich reichhaltigen Buffet versorgen. Auf dem Weg hierher reihten sich in meiner Vorstellung kleine Schnitzelchen neben duftende Croissants, dazwischen frisch gebratene Spiegeleier und knuspriger Bacon. Na gut, das hatte ich nicht wirklich erwartet. Aber was ich jetzt sehe, ist frustrierend: Da liegt nur ein Haufen industriell abgepackter Dreifach-Sandwiches neben halbierten Bananen. Das ist doch nicht wahr, oder? Ich versuche einen von diesen Plastik-Sandwiches, die in der Reihenfolge Pappbrot-Leberwurst-Pappbrot-Ei-Pappbrot-Ekelfrikadelle gestapelt wurden – aber ich finde den Pappetum so ekelhaft, dass ich nach drei Bissen aufgebe. Zwei Bananen gehen noch rein, dann ziehe ich mir die Überschuhe an und mache mich wieder auf.

Das war eine große Enttäuschung. Was ich hier noch nicht weiß: Das hier war noch fast die beste Verpflegungsstation. Die nächsten werden noch liebloser. Warmen Tee, den ich vor allem nach der eiskalten Abfahrt vom Fjell in Dombas brauchen würde, gibt es an gar keiner Verpflegungskontrolle (immerhin gab es in Dombas eine warme Suppe). Dafür immer wieder diese dämlichen Sandwiches und halbierte Bananen. Keine Riegel, kein anderes Obst, kein Tee, nur gepanschten Saft. Die vorher vom Veranstalter lautstark angekündigten Hotdogs in Kvam erweisen sich als dürre Fleischrollen in einem (natürlich industriell gefertigten) ebenso dürren Fladenbrot. Lieblos, aber da hat glücklicherweise eine Helferin einen leckeren Kuchen von zu Hause mitgebracht. Und in Stensby gab es die weltbeste Rhabarbersuppe – auch von einer Helferin zubereitet. Sonst gibt es immer nur fertig abgepacktes, kaltes Essen. Ich finde das alles etwas lieblos, und bei einem Preis von knapp 2.500 Kronen (also mehr als 240 Euro) habe ich mehr erwartet. Es funktioniert alles, aber jede RTF ist mit mehr Hingabe und Herzblut organisiert als dieses Event. Vielleicht geht es aufgrund der Größe und Länge nicht anders, aber richtig schön ist das nicht. Dummerweise habe ich an der letzten Station gut 30km vor Oslo nicht angehalten, denn dort gab es wohl liebevoll frisch gebackene Waffeln. Pech gehabt.

Noch bin ich aber nicht in Oslo. Nach Opdalsporten und endlich auch mit Überschuhen an den abgefrorenen Füßen kommt erst einmal die lange Fahrt auf und über das Fjell. Lange Zeit fahre ich allein, gelegentlich treffe ich auf eine kleine Gruppe, die mir aber immer zu langsam ist und aus der überraschenderweise auch niemand mein Hinterrad hält. Was nun wirklich nicht daran liegt, dass ich schnell fahre. Zwar ist die Steigung moderat, trotzdem traue ich mich nicht, an meine Grenzen zu gehen. Es ist ja noch weit, so weit!

Auf dem Dovrefjell, morgens gegen fünf Uhr.
Auf dem Dovrefjell, morgens gegen fünf Uhr. Vorne die acht Fahrer im belgischen Kreisel, ich entspannt im Windschatten. So kann es bleiben.

Dann endlich passiert es, gut 40 km vor dem höchsten Punkt: Von hinten rollt mit größerer Geschwindigkeit ein Zug heran. Kein „Expressen“, die erst am nächsten Morgen geschlossen in einem eigenen Block starten und mit Durchschnittsgeschwindigkeiten von über 37 km/h nach Oslo fliegen, sondern eine kleine Gruppe von acht Fahrern, die mit gut 30 km/h im belgischen Kreisel die leichte Steigung heraufdrücken. Ich klinke mich zwei Fahrer weiter dahinter ein und trete mit entspannten 130 Watt das Fjell hoch. Endlich! Zwar wird mir wieder etwas kälter, aber damit lebe ich jetzt gerne. Nervig sind nur die zwei Fahrer vor mir, die nicht zur kreiselnden Gruppe gehören, aber immer wieder den Kreisel stören. Irgendwann platzt dem Kreiselchef der Kragen, und er brüllt die Beiden zusammen. Die bleiben aber stoisch an ihrer Position und tun so, als hätten sie kein Wort verstanden.

Verpflegungszelt in Dombas. Sieht warm aus, war aber morgens um 6.30 Uhr in Wirklichkeit nicht warm, sondern furchtbar kalt.

Schon in Dombas hat der schöne Kreisel leider ein Ende. Die acht Fahrer halten nicht an den ofiziellen Kontrollstationen, sondern haben eigene Stopps mit eigener Verpflegung. Ich muss in Dombas aber dringend was essen und lasse die Gruppe ziehen, auch wenn der Abschied schmerzt. Aber meine Atemwege auch, weil mir durch die Abfahrt vom Fjell jetzt so kalt ist, dass ich kaum vom Rad komme. Die im (lieblosen) Pappbecher gereichte Fleischsuppe kommt da sehr gelegen, auch wenn ich gerne heißen Tee hätte. Die Industrie-Sandwiches fasse ich nicht an. Schweinekalt ist es hier im Zelt, und weil mir nicht richtig warm wird, mache ich mich sofort wieder auf den Weg. Dummerweise sind kurz vor mir die zwei Nervensägen aus dem Kreisel gestartet, und nach wenigen Kilometern habe ich sie wieder vor mir. Ich ziehe vorbei, sie bleiben am Hinterrad. Fair enough, wir können ja auch kreiseln. Denke ich, aber als ich beim nächsten mal nach vorne komme, gibt der Lange Gas und zieht an mir vorbei. Was ist das denn? Hat er Angst, dass ich eine Attacke fahre? Der andere, er ist etwas runder, klebt förmlich am Hinterrad des Langen. Ich entscheide mich, erstmal ganz entspannt im Windschatten zu bleiben.

Kurz vor Kvam, der Station mit den garstigen Hotdogs, holt uns endlich wieder eine Gruppe mit gut zehn Leuten ein, mit der ich dann auch bis etwa 30 km vor Oslo zusammenbleibe. Auf den letzten 100km geht ihr ein wenig die Luft aus, aber ich wage es noch nicht, allein weiterzufahren.

Am Nachmittag wird es endlich warm: Kurze Arme, kurze Hose, keine Überschuhe mehr. Dafür vollgestopfte Trikottaschen.
Am Nachmittag wird es endlich warm: Kurze Arme, kurze Hose, keine Überschuhe mehr. Dafür vollgestopfte Trikottaschen.

Als die Gruppe dann aber geschlossen in die letzte Station Klofta einkehrt, fahre ich allein weiter (die wussten sicherlich alle, dass es da Waffeln gibt, nur ich nicht). Zum ersten Mal auf der gesamten Strecke habe ich für ein paar Kilometer Rückenwind, und ich ziehe an ein paar versprengten Fahrern vorbei, die in anderen Startorten entlang der Strecke gestartet sind. Gut 25 km vor Oslo überholt mich dann doch der erste „Expressen“, aber ich unternehme keinen Versuch, dran zu bleiben.

Die letzten 15 km tun weh: Es geht auf der Autobahn bergauf und danach mit Gegenwind über die Stadtautobahn.
Die letzten 15 km tun weh: Es geht auf der Autobahn bergauf und danach mit Gegenwind über die Stadtautobahn.

Das letzte Stück wird dann wieder richtig lieblos: 15 km über Autobahn und Schnellstraße. Auf der Autobahn geht es bergauf, die Schnellstraße durch die Stadt ist halbseitig gesperrt und ich kämpfe gegen den Wind. Warum genau habe ich nicht versucht, beim „Expressen“ hinten dran zu bleiben? Weit und breit ist niemand in Sicht, auch keine Zuschauer, und als sich endlich das Ziel zeigt, bin ich ziemlich enttäuscht. Hier steht auch kein Mensch, obwohl das gigantisch abgesperrte Stück zwischen Zielstrich und Sporthalle tausende Leute fassen würde. Komme ich zur falschen Zeit an? Ist das Rennen schon zu Ende? Habe ich nach 20 Stunden und 27 Minuten Bruttofahrtzeit irgendwas verpasst? Bin ich falsch abgebogen?

Bin ich nicht. In der Halle muss ich erst einmal auf mich aufmerksam machen, damit jemand von mir Notiz nimmt und mir meine Finisher-Medallie umhängt. Lieblos. Immerhin gibt es frische Pizza -holla, kostenlos!- und dazu Wasser aus dem Wasserhahn. Bier? Cola? Nudeln? Fehlanzeige, oder teuer zu bezahlen. Immerhin nehmen sie sogar hier die EC-Karte.

So hatte ich mir das irgendwie nicht vorgestellt. Natürlich ist das Event ein gigantischer Organisationsaufwand, da muss nicht immer alles liebevoll hergerichtet sein. Aber irgendwie macht das Ganze doch einen sehr unterkühlten Eindruck. Trotz allem: Natürlich hat es auch Spaß gemacht, und vor allem die mittsommernächtliche Fahrt auf und über das Fjell ist ein echtes Naturerlebnis. In 2018 zwar polarnachtmäßig kalt, aber auch trocken. Außerdem bin ich heile angekommen, wenn auch nicht in meiner gewünschten Zeit. Die hängt aber doch sehr von den Gruppen ab, die man erwischt, und da hatte ich eben nicht so viel Glück.

Und 2019? Da mache ich was anderes. Irgendwas bei besseren Temperaturen und mit mehr Hingabe organisiert. Vielleicht was in Italien? Das wäre auf jeden Fall mal günstiger. Und ganz sicher emotionaler.

Den Styrkeprøven gibt es auch auf Strava.

 

 

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2 Kommentare zu “Masochisten-Marathon: Styrkeprøven

  1. danke für den aufschlussreichen bericht! eine teilnahme 2019 hat sich damit erübrigt. da ziehe ich doch paris-brest-paris und diverse brevets in österreich, spanien und italien dieser veranstaltung vor!

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