lebenslänglich
Die 180. Schwarz auf gelb. Achtung, das wird noch wichtig...

Gelb-Rot-Schwäche

Schweinlang. Der Ort heißt wirklich Schweinlang. Bei Kraftisried. Das liegt im wunderschönen bayrischen Allgäu. Wobei ich als Zugereister das schwäbische Allgäu nicht minder schön finde und ohne eine politische Grenzziehung kaum den Unterschied erkennen würde. Beides liegt im pitoresken Voralpenland mit ebensolchem Bergblick.

Hier entlang nach Schweinlang
Hier entlang nach Schweinlang

Schweinlang ist ein kleines Dorf mit einem fast schon traditionellen Frühjahrsrennen. Der RC Allgäu ist einer der wenigen Vereine, der mit der BDR-Kategorie 3.27 ein nationales Hobbyrennen anbietet. Im Gegensatz zu einem Jedermannrennen dürfen in der Hobbyklasse nur Fahrer ohne Lizenz antreten. Der BDR trägt damit der zunehmenden Beliebtheit für den Radsport auch älterer Semester Rechnung, denn die „echten“ Anfängerrennen sind deutlich kürzer und sollen ja Kinder und Jugendliche für den Radsport begeistern. Warum diese kurzen Rennen auf der Straße dann ausgerechnet „Fette-Reifen-Rennen“ heißen müssen, ist mir ein Rätsel.

Alles dabei, was Rang und Namen hat. Ob da ein Platz unter den ersten zehn drin wäre?
Alles dabei, was Rang und Namen hat. Ob da ein Platz unter den ersten zehn drin wäre?

Egal. In Schweinlang soll es also sein, mein erstes -naja- ernsthaftes Straßenrennen seit Jahren. Anders als bei Rund um Köln oder dem 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring würde es hier für mich nicht um Platz 2.936 oder 3.023 gehen, sondern darum, ob ich mit dem Hauptfeld ankommen könnte. Eine Platzierung unter den ersten zehn wäre gigantisch, aber gefühlt bin ich davon soweit entfernt wie Reiner Calmund von einem Etappensieg bei der Tour de France. Ich bin erst vor ein paar Tagen von Mallorca zurück gekommen, und TrainingPeaks behauptet, ich hätte jetzt eine miese Form und wäre ziemlich erschöpft. Meine Beine bestätigen das leider: Auf der Erkundungsrunde über die Rennstrecke mit herrlichem Teer fühle ich mich so, als würde ich einen vollbesetzten Chariot hinter mir her ziehen. Den mit zwei Sitzen. Dabei ist das nun wirklich schon ein paar Jahre her.  TrainingPeaks berechnet meine Erschöpfung mit 93 und die Form liegt bei -22. Das sind sicher nicht die besten Bedingungen, aber für das Hauptfeld sollte es doch hoffentlich reichen.

Ich werfe einen Blick auf die Meldeliste, und gleich ist der Traum vom Hauptfeld ausgeträumt. Nicht, weil sich in Schweinlang ein Haufen mittlerweile lizenzloser Ex-Profis gemeldet hätten, die mich gleich am Start mit ihrem 1.500-Watt-Antritt zu Kleinholz machen würden. Auch nicht, weil die KOM-Wotans aus München und Umgebung ihre Duftmarken in diesem liebreizenden Dorf im Allgäu setzen wollen. Nein, im Programmheft stehen nur sieben Meldungen für die Hobbyklasse. Ich blätterte hektisch auf die nächste Seite, aber da geht es schon mit den Teilnehmern der Senioren IV weiter. Da sind es immerhin 15 Starter. Beim besten Willen, mit sieben Startern wird es kein Fahrerfeld geben. Aber Moment, wenn ich keinen Platten bekommen würde, wäre mir ein Platz unter den ersten zehn sicher! Das fühlt sich dann aber doch so an wie früher eine zwei in Mathe. Allerdings bei einem Klassendurchschnitt von 1,9. Gutes Ergebnis, trotzdem versagt.

Einziger Lichtblick: Wir starten gemeinsam mit den Senioren IV. Die Klasse könnte auch Ü60 heißen, die Teilnehmer sind also 1959 oder früher geboren. Zusammen wären wir dann immerhin gut 20 Fahrer, und vielleicht gibt es ja auch noch ein paar Nachmeldungen. Die Hobbyfahrer bekommen gelbe Startnummern, die Ü60-Ledernacken haben rote. Aufgemerkt, die Farben spielen gleich noch eine wichtige Rolle!

Es ist mit gerade mal zwei bis drei Grad zwar schweinekalt in Schweinlang (ich bin sicher der erste, der Freude an diesem schweinischen Wortspiel gefunden hat), dafür ist die Strecke aber wirklich grandios. Bester Teer, keine schwierige Kurve, ein toller Anstieg vor dem Ziel und die Zielgerade führt quasi in direkter Linie zum Altar in der St. Joseph-Kirche.

Schmal, aber schön: Die Zielgerade führt geradewegs auf die Kirche St. Jospeh
Schmal, aber schön: Die Zielgerade führt geradewegs auf die Kirche St. Jospeh

Die Runde hat knapp 110 Höhenmeter, davon allein rund 80 auf dem Anstieg kurz vor dem Ziel. Der ist ein ziemliches Brett, und ich bin froh, dass wir ihn nur vier mal hoch müssen.

Blick zurück. Über diesen Hügel müssen sie kommen. Knappe 80 Höhenmeter. Die fügen einem mehr Schmerzen zu, als es hier den Anschein erweckt.
Blick zurück. Über diesen Hügel müssen sie kommen. Knappe 80 Höhenmeter. Die fügen einem mehr Schmerzen zu, als es hier den Anschein erweckt.
Die letzten 100 Meter des Anstiegs. Hier brennen die Schenkel schon ordentlich.
Die letzten 100 Meter des Anstiegs. Hier brennen die Schenkel schon ordentlich.

Ich zittere. Liegt das an der niedrigen Temperatur? Irgendwie auch, aber vor allem bin ich furchtbar aufgeregt. Grundlos, denn das hier ist eigentlich keine große Sache. Aber zum einen bin ich ewig nicht mehr ein Rennen gefahren, bei dem ich mich nicht auf einem der hinteren Plätze verstecken und trotzdem ausreichend Mitfahrer finden könnte. Zum anderen habe ich den ganzen Winter durch hart trainiert. Zumindest für mein Niveau. Heute würde ich erfahren, ob „hart trainiert“ wenigstens mal für eine 2 reicht. Bei einem Durchschnitt von 1,9.

Die 180. Schwarz auf gelb. Achtung, das wird noch wichtig...
Die 180. Schwarz auf gelb. Achtung, das wird noch wichtig…

Ein letzter Check. Das Wetter würde besser werden, aber die Pinguin-Temperaturen würden bleiben. Ich stehe überhaupt nicht auf lange Hosen beim Rennen, aber kurz ist mir zu kalt. Überschuhe? Muss ohne gehen. Also kurzes Trikot, Armlinge, lange Hose, lange dünne Handschuhe. Fühlt sich so komisch an, wie es sich anhört. Die gelbe Nummer noch aufs Trikot, ab zum Start.

Meine Herzfrequenz liegt über 100. Mir ist also nicht nur kalt, jetzt habe ich den Beweis: Ich bin aufgeregt. Wie früher kommt die Erlösung aber mit dem Startschuss: Einklicken, um eine vordere Position kämpfen, Windschatten finden. Das alles klappt unerwartet gut, und ich rolle  etwa an die fünfte Position. Die erste echte Kurve vergeige ich aber fast und muss anschließend voll antreten, um wieder Anschluss zu finden. Ich bin sie in viel zu flachem Winkel angefahren und musste in der Kurve voll abbremsen. In einem Lizenzrennen hätte es hier die erste Senge für mich gegeben, aber die Opis und Hobbyfahrer scheinen von ausgeprägter Langmütigkeit zu sein und schlucken ihren Ärger runter.

Dann passiert in der ersten Runde beim Anstieg zum Ziel das, was bei diesem Profil passieren muss: Vorne setzt sich eine Gruppe ab, ich zähle fünf Fahrer mit gelben Nummern. Also alles Senioren. Im Video sieht man das etwa ab Minute 1.02. Der Antritt ist nicht spektakulär, aber mir ist immer noch kalt, ich pumpe wie ein Apnoetaucher nach zehn Minuten unter Wasser und meine Beine winseln jetzt schon um Gnade. Von der Performance der alten Recken bin ich aber echt beeindruckt! Ü60 lässt die Hobbyfahrer stehen! Vermutlich sind das alles ledige Frührentner, die in diesem Jahr schon zwei mal auf Malle waren und ordentlich Kilometer geknechtet haben. Mannomann, haben die Gas am Lenker! Ich hätte doch das ein oder andere Ayinger im Kasten lassen sollen, die sind auch alle noch spindeldürr. Demütig füge ich mich meinem Schicksal und hoffe, dass ich zumindest in der zweiten Gruppe mitfahren kann.

Das klappt dann auch ganz ordentlich. Nachdem der Trupp Frührentner abgerauscht ist, wird das Tempo etwas entspannter, aber nie wirklich ruhig. Die Runde hat unterwegs noch zwei kleine Stiche, die den Tritt stören und jedesmal erstaunlich weh tun, aber wir bleiben jetzt zu viert und arbeiten gut. Ich finde Zeit, mir meine Mitstreiter ein wenig genauer anzuschauen. Und ich stelle überrascht fest: Die haben alle rote Nummern! Also alles Hobbyfahrer! Der Sieg wird in dieser Gruppe ausgefahren. Mein Adrenalinspiegel steigt bei dieser Vorstellung ins Unermessliche. Jetzt bloß keinen Fehler machen! In der zweiten Runde holen wir eine gelbe Nummer ein, und ich muntere den verlorenen Sohn auf, bei uns dran zu bleiben. Er hat ja eine gelbe Nummer, also keine Gefahr für mich. Eine Runde später hat er eh einen pfeifenden Platten, und wir roten sind wieder unter uns.

Ein wenig wundere ich mich, dass die meisten meiner Mitstreiter Schwierigkeiten am Berg haben. Und plötzlich bin ich mir nicht mehr so sicher, dass ich wirklich eine rote Nummer habe. War das nicht andersherum? Hatte ich nicht eine gelbe? Dann würde der Sieger der Senioren aus dieser Gruppe kommen. Verdammt, welche Farbe hat meine Rückennummer jetzt? Ich kann ja schlecht jemanden fragen. Alzheimer. Oder doch der verdammte Alkohol? Wie kann man den so bekloppt vergesslich sein? Dann die letzte Runde, Zielanstieg. Weil ich mit den Farben jetzt völlig durcheinander bin, lasse ich es auf nichts ankommen und gebe den Hügel hoch Vollgas. Werde trotzdem noch von einem der roten Recken kalt gemacht, und ich weiß nun nicht, ob ich Zweiter oder Fünfter geworden bin. Kann es wirklich sein, dass die alten Herren die Hobbyfahrer so nass gemacht haben?

Kann es nicht. Unter Einbeziehung aller physiologischen Faktoren ist es zumindest sehr unwahrscheinlich, dass das so passiert. Ich Horst hatte die Farben verwechselt. Mir ist bis heute ein Rätsel, warum ich mir die Farbe (nämlich gelb!) meiner Nummer nicht richtig gemerkt habe. Geändert hätte das nichts, die Ausreißer haben für mich viel zu viel Gas gegeben. Ich hätte da nicht dran bleiben können. Trotzdem dämlich, und für das nächste mal gelobe ich mir Besserung.

Sehr freundlich: Beim Hobbyrennen werden die ersten fünf geehrt. Glück gehabt...
Sehr freundlich: Beim Hobbyrennen werden die ersten fünf geehrt. Glück gehabt…

Als Fünfter von sieben habe ich trotzdem Glück gehabt: Ich bekomme einen schnieken Pokal aus Kunststoff mit einem gediegenen Marmorfuß. Leider ist das Schild mit der Auszeichnung irgendwo zwischen China und Schweinlang verloren gegangen, aber das macht ja nichts. Der Gedanke zählt. Der Veranstalter entschuldigt sich auch artig, aber das ist gar nicht nötig. Das ganze Rennen ist toll organisiert. Und als ich die Omi sehe, die mit der Krücke in der einen und dem Kuchen in der anderen Hand zum Tortenzelt wackelt ist mir klar: Hier ist das ganze Dorf dabei! Mehr Herzblut geht nicht. Ganz großartig.

Nächstes Jahr bin ich wieder dabei. Wenn sich der Veranstalter nicht von den wenigen Startern in der Hobbyklasse davon abbringen lässt und wieder ein 3.27 anbietet. Ich krieg das dann auch mit den Farben richtig hin.

Wenn ich es bis dahin nicht vergessen habe.

Wo gibt es bei einem fünften Platz noch einen Pokal? Auch wenn er aus Kunstoff ist und die Gravur leider verloren gegangen ist.
Wo gibt es bei einem fünften Platz noch einen Pokal? Auch wenn er aus Kunstoff ist und die Gravur leider verloren gegangen ist.

 

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