lebenslänglich
Jens (rechts) mit dem Nardelli, links ich mit meinem ersten Rennrad

Rostmöhre

Wenn ich das Anfängerrennen in Schloß Neuhaus im Herbst 1984 nicht gewonnen hätte, wäre Rennradfahren für mich eine Randsportart wie Fußball oder Golf geblieben. Bis 1984 gab es Sport für mich nur auf dem Stundenplan als nutzloses Schulfach. Unter meinen Mitschülern galt ich als unsportlich, und sie hatten Recht: In der Grundschule habe ich nicht einmal eine Siegerurkunde bekommen (und eine Ehrenurkunde schon gar nicht). Im Weitwurf lag mein persönlicher Rekord in der vierten Klasse bei gut 16 Metern. Die anderen Jungs warfen alle um die 40 Meter, und mir war klar, dass mich auch die beste Technik nicht annähernd in diese Liga bringen würde. Noch heute habe ich Oberarme wie eine anorektische Barbie.
Fußball kam für mich auch nie in Frage: Im Sportunterricht standen da furchtbar viele Kinder auf dem Platz, alle schrien sich an und der Unsportlichste musste ins Tor. Also ich. Wenn meine Mannschaft gewonnen hatte, hatte ich dazu nicht beigetragen. Verloren wir, war es natürlich meine Schuld, weil ich alle Bälle durchgelassen hatte. Was ja auch stimmte. Kinder können Monster sein.
Außerdem bin ich vollkommen unmusikalisch. Meine Eltern schlugen vor, dass ich mal das Horn probiere, weil unser blechblaserfahrener Nachbar Manfred mich günstig darin unterrichten konnte.
Horn. Vermutlich war es vor allem das Musikinstrument der Wahl, weil es im Büro meines Vaters ungenutzt oben auf dem Schrank verstaubte und keine weiteren Ausgaben verursachte. Geld war bei uns knapp. Nach zwei Übungsstunden haben Manfred und ich uns drauf geeinigt, dass Musik im Generellen nicht meine Sache und dass im Besonderen ein Blechblasinstrument nicht von Vorteil für mich sei. Wir haben uns bestens verstanden.
Klavier habe ich in der vierten Klasse immerhin drei Stunden durchgehalten. Aber wenn der Delinquent nicht übt, macht eine Klavierstunde weder ihm, noch dem Lehrer Spaß. Davon überzeugte der Klavierlehrer meine Mutter am Telefon, und anschließend hatte ich die Nachmittage wieder für mich. Das halte ich meinen Eltern wirklich zu Gute: Ich musste nichts machen, was ich nicht wirklich wollte. Ein klarer Vorteil, wenn man liberal erzogen wird und dann auch noch das dritte von vier Kindern ist. Da rutscht man eher mit durch.

Schloß Neuhaus änderte alles. Im Nachhinein gehört dieser regnerische Sonntag im Herbst 1984 zu den wenigen Tagen, die mein Leben maßgeblich bestimmt haben. Zusammen mit dem Tag, an dem ich meine Frau kennengelernt habe und den Geburtstagen meiner Kinder. Und dem ersten Tag mit meinem selbst zusammengeschraubten S-Works Roubaix 2014.

Natürlich war mir nach dem unverdienten Sieg in Schloß Neuhaus nicht bewusst, dass nun alles anders wird. Wurde es ja auch erst einmal gar nicht, aber der Anfang war gemacht.

Mein Vater, mein Bruder und ich wurden im Frühjahr 1985 Mitglied im RC Endspurt Herford. Meinem Vater war das wichtig, weil wir dann für mich ein Vereinsrad geliehen bekamen. Ein eigenes Rennrad war damals finanziell einfach nicht drin. Und mir war das wichtig, weil ich mein erstes eigenes Trikot bekommen würde. Knallrot, mit einem weißen Streifen auf Brust und Rücken. Mittig auf der Brust befand sich das aufgenähte Logo vom Verein, ein stilisierter roter Blitz. Auf der Rückseite waren in schwarz die beiden Worte „Endspurt Herford“ geflockt. Das Trikot roch so, als ob es die letzten zehn Jahre in einem feuchten Keller neben einem leckgeschlagenen Abwasserrohr gelegen hatte – aber wenn ich es angezogen hatte, fühlte ich mich wie eine Mutation aus Zorro und Colt Seavers.

„Musste ’n bisschen putzen“, meinte der Materialwart, als er meinem Vater das Rad übergab. Das war ein wenig euphemistisch: Das Fahrrad sah so aus, als hätte es die letzten Jahre gemeinsam mit dem Trikot verbracht: viel Dreck, noch mehr Rost, keine Bowdenzüge, das hintere Laufrad fehlte und das vordere hatte keinen Reifen. Mein Vater war trotzdem froh, ein neues Rad wäre deutlich teurer gekommen. Meine Begeisterung aber hielt sich in Grenzen: Ich hatte mich auf einem chromblitzenden Renner zur Schule fahren sehen. Die Jungs treten ehrfürchtig zur Seite, als ich auf den Schulhof radele, mein rechtes Bein über das Heck schwinge und, nur auf dem linken Bein stehend, locker ausrolle. Die Mädchen tuscheln miteinander, drehen ihre Köpfe nach mir um, die ein oder andere winkt mir verlegen zu.

„Niklas?“

Plopp. Vor mir stand die einrädrige Rostmöhre.

„Klasse, oder?“, wollte mein Vater wissen und schaute mich erwartungsvoll an. Er war noch nie gut darin gewesen, mich von etwas überzeugen zu wollen, an das er selbst nicht glaubte.

„Wir nehmen das auseinander und dann wird das schon“, munterte er mich auf.

Jens (rechts) mit dem Nardelli, links ich mit meinem ersten Rennrad
Jens (rechts) mit dem Nardelli, links ich mit meinem ersten Rennrad

Und es wurde. Mein Vater ist technisch und handwerklich durchaus talentiert, trotzdem fluchte er am Anfang über die vielen zusätzlichen Werkzeuge, die er für die Demontage der Anbauteile brauchte. Vor allem der Steuerkopf und das Tretlager machten ihm zu schaffen. Ein Ahead-Set gab es noch nicht, stattdessen musste er Lager und Gegenlager mit riesigen Maulschlüsseln demontieren und die heruntergefallenen Kugeln aufsammeln. Für das Vierkant-Tretlager brauchte er einen Kurbelabzieher, und nach einigen Fehlkäufen hatte er irgendwann auch ein passendes neues Innenlager gefunden. Youtube und Blue Book von Parktool gab es noch nicht – die Demontage fand im Selbststudium statt. Vielleicht war mein Vater auch ein bisschen zu stolz, um sich von anderen rennraderfahrenen Vätern im Verein helfen zu lassen.
Irgendwann hatte er aber alle Teile demontiert, und ich durfte mir eine Farbe für eine neue Lackierung aussuchen. Für 70 Mark wurde der Rahmen bei Jaeckel in Bielefeld gesandstrahlt, grundiert und in RAL 3000 lackiert.

Im Frühjahr 1985, kurz vor meinem zwölften Geburtstag, war mein erstes eigenes Rennrad fertig: Ein knallroter Noname-Rahmen, der vermutlich aus alten Heizungsrohren zusammengeschweißt worden war. Anbauteile, die schon damals alt waren. Zwei mal fünf Gänge mit einer Übersetzung für Schüler B. Aber Suntour-Schaltung wie bei meinem Vater, Weinmann-Bremsen, Chromfelgen. Dazu Schlauchreifen, denn Drahtreifen gab es damals für Rennräder noch nicht. Und Hakenpedalen mit Christophe-Lederriemen.

Ich war überglücklich. Obwohl ich damit nicht zur Schule fahren durfte.

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