lebenslänglich

Querfeldein

Früher war das Leben einfacher, keine Frage. Gut und Böse waren mit einem Blick auf die Landkarte zu unterscheiden (die Guten waren nämlich im Westen und die Bösen im Osten), am Samstagabend schaute man gemeinsam die Familienshow im Zweiten (und verbrachte nicht den halben Abend damit, einen passenden Film auf Netflix zu finden) und Musik konnte man einfach aus dem Radio auf eine Kassette aufnehmen (obwohl man nie wusste, wann der mitteilungsbedürftige Moderator wieder seine Stimme erheben würde).

Anstieg beim Rapha Supercross 2016 am Olympiastadion in München

Rennradfahren war auch einfacher. Man fuhr Straße, Bahn oder Querfeldein. Heute muss man sich vor dem Fahrradkauf entscheiden, ob man in ein Endurance-, Performance- oder Timetrial-Rad investiert. Und Querfeldein heißt heute mal mindestens Cyclocross, was wiederum auf keinen Fall mit Gravel verwechselt werden sollte. Beim Cyclocross gehören künstliche Hürden in den Parcours, wohingegen Gravel-Räder eben auch oder besonders geeignet seien sollen, um mal ein Stück Schotter schadlos zu überstehen. Gravel wiederum hat – trotz der identischen ersten vier Buchstaben – überhaupt gar nichts mit Gravity zu tun. Das hieß früher einfach Downhill und ist eine Disziplin für Furchtlose mit breiten Reifen und viel Federweg. Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR), immerhin die offizielle Vertretung aller organisierten Radsportvereine in Deutschland, hat noch in den späten 1980er Jahren so getan, als wäre ein Mountainbike kein Fahrrad und damit irrelevant für den BDR. Und das obwohl der farb- und mutlose Rudolf Scharping damals noch nicht seiner Zweitverwendung als Präsident des BDR zugeführt worden war, sondern noch Vorsitzender des SPD-Bezirks Rheinland/Hessen-Nassau und damit nicht mehr als ein zugegeben begeisterter Breitensportler war.

Viele gute Straßenfahrer fuhren früher – und wohl auch heute noch – in einer zweiten Disziplin, die man über den Winter betreiben konnte. Da es in meiner Nähe nur in Bielefeld eine Betonbahn gab, die zudem nicht überdacht war, und der RC Endspurt Herford schon immer stark im Querfeldeinfahren war, zog es die meisten daher im Herbst eher in Wald und Flur als auf das überdachte Holzoval in Büttgen oder – ganz selten – in Dortmund. Querfeldeinfahren geht immer, überall und bei jedem Wetter, und das ostwestfälische Hügelland ist für ein anspruchsvolles Techniktraining geradezu prädestiniert.

Im Winter 1986/1987 baute mir mein Vater mein Straßenrad so um, dass ich damit auch Querfeldeinfahren konnte. Genaugenommen ersetzte er mir die nur leicht profilierten Schlauchreifen durch welche mit sehr groben Schaufeln, die noch so eben durch den Hinterbau gingen. Ich hätte auch gerne Cantilever-Bremsen wie die Großen gehabt, aber in Ermangelung von Anlötsockeln an der Gabel und am Hinterbau musste ich mich mit dem zufrieden geben, was mein Straßenrad hergab. Anlass war damals eine Fuchsjagd, die der Endspurt Herford einmal im Herbst meist zwischen Bismarckturm und A2 ausrichtete und die nichts anderes als eine Schnitzeljagd auf Fahrrädern war. Die ersten zwei Fänger würden im nächsten Jahr die Gejagten sein. Die Fänger waren eine große Gruppe und haben die wenigen Spaziergänger, die bei dem Regenwetter unterwegs waren, sicher böse erschreckt. Damals gab es außer ein paar Idealisten noch keine Radfahrer im Wald.

Abfahrt in Schräglage beim Rapha Supercross in München 2016

Weil das Rad nun schon mal umgebaut war, fuhr ich im Februar 1987 erstmalig auch die Vereinsmeisterschaft im Querfeldeinfahren mit. Es hatte frisch geschneit, und für uns Schülerfahrer der Klasse A führte die Strecke nördlich des Herforder Tierparks zwei mal über einen Rundkurs von vielleicht 1.000 bis 1.500 Meter Länge (ich hatte meinen Kilometerzähler noch nicht am Rad). Künstliche Hindernisse brauchte es nicht mehr, denn schon die schmalen Reifen bereiteten uns allen im Neuschnee erhebliche Probleme. Einige von uns hatten dann auch Bodenkontakt (was es schamlos auszunutzen galt, wie ich schon bei meinem ersten Rennen subsumierte), und in der zweiten Runde siegte bei den meisten der Respekt vor der Glätte über den Ehrgeiz.

Der Beweis: Vereinsmeister im Querfeldein 1987 – reichte trotzdem nicht zum Gesamtsieg

Bei mir nicht. In der ersten Zieldurchfahrt, die an einer leichten Steigung lag, führte ich unser kleines Fahrerfeld von vielleicht fünf Kindern an, um mich dann bergab von durch Schnee verdeckten Erdklumpen, Steinen und Wurzeln durchschütteln zu lassen. Als ich mich an der Zieleingangskurve umdrehte, konnte ich mein Glück kaum fassen: Hinter mir war niemand zu sehen! Ich könnte das kleine Rennen gewinnen!

Wer sich umdreht, kann allerdings nicht auf den Boden schauen. Prompt blieb ich an einem unter dem Schnee versteckten Stein hängen, stürzte und schlug mir dabei das linke Knie auf. Am Boden liegend nahm ich jetzt aus den Augenwinkeln wahr, dass sich meine Mitstreiter nun doch unerwartet schnell auf mich zu bewegten und sich nur noch gut 50 Meter weit entfernt durch den Schneematsch kämpften. Anders als bei dem verheerenden Unfall mit dem Polizisten beim Rennen in Uffeln hatte mein Rad aber keinen Schaden genommen, und mit Vollgas und adrenalingetränkten Waden rettete ich meinen Sieg über die provisorisch gezogene Ziellinie. Ich war Vereinsmeister im Cross geworden!

Vermutlich lag das aber nur daran, dass Trainersohn Tim nicht dabei war. Mit Tim war ich fast vom ersten Tag an gefahren und hatte eines meiner ersten Anfängerrennen gegen ihn gewonnen (ich sollte hier allerdings nicht verschweigen, dass er sein allererstes gegen mich gewonnen hatte). Tim wurde später zu einem wirklich guten Querfeldeinfahrer, hat zahlreiche Rennen gewonnen und hätte mich ziemlich sicher auch hier hinter sich gelassen. Aber egal: Ich hatte gewonnen.

Knapp 30 Jahre später sollte mich der verklärte Blick auf dieses eine minimalistisch besetzte Querfeldeinrennen zu einer fatalen Fehlannahme verleiten: In meiner Erinnerung hatte ich – im Februar 1987 – jede technische Herausforderung mit Bravour gemeistert. Egal ob Kurventechnik, Bremsverhalten oder Hürdensprung: Alles lief in meinem Kopf rund ab, und es war nur konsequent, dass ich damals Vereinsmeister geworden war. Nur mit dieser getrübten Erinnerung kann ich mir erklären, warum ich mich 2016 zum Rapha Supercross im Münchner Olympiapark angemeldet habe. Denn in Wirklichkeit hatte ich vom Crossen so viel Ahnung wie Boris Becker vom Kinderkriegen: Die Sache war damals wohl eher versehentlich passiert. Wenn auch nicht im Besenschrank. Auch wenn es nur die Hobbyklasse war: Im Nachhinein betrachtet war das also eine ziemlich dumme Idee, denn der Parcours im Herforder Stadtwald kam gänzlich ohne Hürden aus, wohingegen die Hürden im Olympiapark noch so ziemlich das einfachste an der Strecke sein sollten.

Am Münchner Olympiastadion ist im Herbst 2016 das Wetter so, wie es sich für einen guten Querfeldein-Wettbewerb gehört: Regen und Matsch bei Temperaturen um sieben Grad. Schon beim Start auf der Tartan-Bahn geben meine Mitstreiter Vollgas, und mir wird natürlich erst viel zu spät klar, warum: Jeden, den man schon vor der Fahrt in das Gelände hinter sich bringt, muss man später nicht mehr auf engem Parcours überholen. Das hier ist nicht der Granfondo von Ottobrunn zum Gardasee, das hier würde in gut 20 Minuten vorbei sein. Also Vollgas! Wobei sich mir sehr schnell zeigt, dass ich mit 20 Minuten nicht auskommen würde.

Sieht akzeptabel aus. Glücklicherweise kann man nicht erkennen, wie langsam ich wirklich war. Furchtbar langsam.

Über die Hürden komme ich noch ohne größere Blessuren, wirklich zu schaffen machen mir die kurzen, aber brutalen Anstiege. Diese Rampen zu fahren ist – zumindest für mich – bei diesem Wetter absolut unmöglich. Selbst Laufen wird mit jeder Runde schwieriger, weil der Boden eher einem frisch gepflügten Kartoffelfeld gleicht als einer gemähten Wiese. Bergab gibt es auch keine Erholung, die hängenden Schrägen sind für mich durch Matsch und nasses Laub unberechenbar. Entsprechend zurückhaltend rutsche ich die Hänge runter, immerhin bleibt es bei nur drei Stürzen. Mir ist bis heute ein Rätsel, wie die wirklich guten Fahrer dort stilsicher, mit hoher Geschwindigkeit und vor allem sturzfrei runtergekommen sind.

Ich nahm das Rennen trotzdem ernst, sehr ernst. Was die anderen vollkommen unbeeindruckt lässt: Ich werde andauernd überholt, und nur meiner komplett anwesenden Familie samt Kindern habe ich es zu verdanken, dass ich überhaupt durchgefahren bin. Mich überholende Hühner und Marienkäfer ließen darauf schließen, dass es nicht jeder so ernst nahm wie ich.

Nicht jeder nahm das Rennen so ernst wie ich: Hühnchen beim Rapha Supercross 2016 im Münchner Olympiapark
Biertrinkender Marienkäfer beim Rapha Supercross 2016

Der Wettkamp-Ausschuss nahm mich vermutlich auch nicht sonderlich ernst, denn der Sieger hatte mich bis auf wenige Meter überrundet, und die Kampfrichter haben mich wohl gar nicht wahrgenommen. Wodurch ich eine Runde zuviel auf den Tacho bekam – Strava ist mein Zeuge. Egal. Auch wenn ich künftig nur noch auf der Straße fahren werde.

Beim Cyclocross fahren nur die Profis. Alle anderen tragen oder schieben. Ich schiebe.

Fazit: Cyclocross ist nix für mich. Zumindest nicht ohne ordentliches Technik-Training vorab. Aber den Rapha Supercross gibt es ja eh nicht mehr. Er heisst jetzt einfach Munich Super Cross. Ist aber wie Twix: Außer dem Namen ändert sich nix.

 

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