lebenslänglich

Nachtschicht

In meinen Radschuhen steht das Wasser. Immerhin halten die einigermaßen winddichten Neopren-Überschuhe die Füße noch so gerade warm, auch wenn von oben andauernd Regenwasser nachläuft, weil sie am Bund nicht dicht abschließen. Ich hatte mit Regen gerechnet, aber eben nur für einen kurzen Abschnitt.
Gute drei Stunden sitze ich jetzt auf dem Rad, und seit etwa zwei Stunden und 50 Minuten mieselt es. Es ist diese Art Regen, die mich noch nicht zur Umkehr bringt, den Fahrspaß aber doch gehörig schmälert. Dass es dazu noch dunkel ist und ich mit meiner fünfzehn Jahre alten, verkratzten Sportbrille mit Innenclip kaum noch etwas sehen kann, macht die Sache nicht leichter. Dabei habe ich mir extra eine neue StVZO-konforme (!) Leuchte gekauft, aber selbst die hilft nicht mehr. Am Ende des Sylvensteiner Fahrradtunnels muss ich im Trocknen eine Pause machen und meine Brillengläser putzen. Das verbessert die Sicht aber auch nur für maximal zwei Minuten.

Achensee

Ich bin am Freitagmorgen gegen 1.00 Uhr nachts bei sternenklarem Himmel in Ottobrunn aufgebrochen und habe mich mit meinem Rennrad auf den Weg zum Gardasee gemacht. Heute abend will ich in Torbole sein. Den Eintagesritt über den Brenner haben schon viele andere vor mir gemacht, das ist gar nichts Besonderes mehr. Auf Nicht-Radler wirkt die Distanz zusammen mit der Brenner-Überquerung etwas archaisch, aber nach dem Pass geht es bis Bozen fast nur bergab. Das Hotelzimmer ist gebucht, und ich habe sogar noch kurzfristig eins von diesen unanständig günstigen Bustickets von Rovereto zurück nach München bekommen. Nur der Regen könnte mir einen Strich durch die Rechnung machen, und während das Stück zwischen Sylvensteinspeicher und Achensee immer länger wird nimmt meine Motivation im gleichen Maße ab. Als ich die Tour geplant habe, habe ich von einem roten Sonnenaufgang vor der Bergkulisse geträumt. Das wird nichts, die Wolken hängen tief und ich kann nicht einmal Pertisau am anderen Ufer erkennen.

Außer mir selbst muss ich niemandem etwas beweisen. Ich habe mit keinem eine Wette abgeschlossen, vorher nichts in irgendwelchen sozialen Netzwerken gepostet und niemand wird es mir übel nehmen, wenn ich in Innsbruck den Zug zurück nehme. Oder zurück nach Lenggries, mit der ersten BOB nach Hause? Dann könnte ich gegen 10 am Frühstückstisch sitzen und anschließend den versäumten Nachtschlaf nachholen.

Oder weiterfahren und zu Ende bringen, was ich angefangen habe.

Ich bin nicht durchtrainiert, aber es passt alles. Andere in meinem Alter verbringen jede freie Minute auf dem Rennrad. Ich will das nicht, aber ein gewisses Level brauche ich doch, damit solche Touren Spaß machen. Im Frühjahr habe ich einmal allein 200 Kilometer am Stück absolviert. Das war hart, weil es windig und kühl war und ich zum Schluss noch eine Schleife fahren musste, damit es nicht nur 196 km werden. Aber reicht das, um gut 350 km zu schaffen? Wenn dann auch noch Füße und Hose nass sind? Allmählich zweifle ich an meinem Vorhaben.

Was mir bei solchen Motivationsdellen meist hilft, ist das große, vielleicht nicht erreichbare Ziel ein Stück weit nach hinten zu schieben und das Vorhaben in kleine verdaubare Pakete zu packen. Nachdem ich im Regen die steile Abfahrt von Maurach ins Inntal hinter mich gebracht habe, im Gewirr der Straßen von Jenbach mein Computer ausgesetzt hat und ich verwirrt an einem schon morgens um kurz vor sechs überraschend belebten Kreisel stehe, fasse ich einen Entschluss: Wenn es in Innsbruck noch regnet, steige ich in den Zug. Wenn nicht, fahre ich bis zum Brenner und schaue da, wie das Wetter ist. Die Wetter-App auf meinen Telefon ist eher erratisch: Die versprochene sternenklare Nacht wandelte sich mit der Einfahrt in den Hofoldinger Forst in eine regenreiche. Für den Brenner und Bozen sagt sie nur leichte Bewölkung vorher, aber ich glaube dem Ding jetzt erstmal nicht mehr.

BikepackingEin Stück hinter Hall in Tirol biege ich aus dem Inntal links ab, grob in Richtung Patscherkofel. Den bin ich vor über 15 Jahren mal mit dem Mountainbike raufgefahren – ein vollkommen sinnloses Unterfangen, denn ich musste die gleiche blöde Schotterpiste runter, auf der ich auch raufgekommen war. Jetzt aber helfen mir die Erinnerungen an die lange Auffahrt ein wenig, denn die Römerstraße, die hier wirklich so heißt, fühlt sich nach dem Gezockel durchs Inntal unfassbar steil an. Ist sie aber gar nicht, objektiv betrachtet. Und eigentlich müsste ich was essen, aber ich habe gar keinen Hunger und der MPreis in Ampass macht erst in einer halben Stunde um 7.00 Uhr auf. Also weiter, der Regen hat nachgelassen. Dann, kurz vor Aldrans, reißt der Himmel plötzlich auf und Innsbruck liegt in der Sonne. Deal! Ich fahre also mindestens bis zum Brenner! Und das nächste Paket lautet: Wenn ich um 10 Uhr am Brenner bin, schaffe ich auch den Rest.

In Aldrans zwinge ich mich aber erst einmal zu einer Pause. Das Cafe neben dem MPreis öffnet gerade, und bei den unfreundlichen Damen hinterm Tresen erwerbe ich zwei offenbar – wie ich beim ersten Biss feststelle – vom Vortag liegengebliebene und völlig trockene Gebäckstücke, die ich mich zwinge zu essen. Das Ess-Problem habe ich immer, wenn ich Rennrad fahre: Null Hunger, und wenn ich mir nicht stündlich den Wecker stelle, kippe ich nach ein paar Stunden vom Rad.

Bevor ich mich aufmache, um de alte Brennerstraße Richtung Pass zu nehmen, klemme ich meine patschnassen Überschuhe noch unter die Fixiergummis meines Bikepacks. In diesem wasserdichten Sack am Sattel habe ich alles, was ich für eine Nacht und den nächsten Tag brauche: Schuhe, Ladegerät, frische Wäsche und eine Zahnbürste. Unter dem Oberrohr hängt noch eine kleine Rahmentasche mit einem 10.000-mAh-Akku, der hoffentlich noch bis Torbole für Telefon und Computer reicht. Die Lampe hat bis ins Inntal sicher schon gut die Hälfte der Ladung verbraucht.

10 Uhr am Brenner

Wäre ich nicht so verhältnismäßig schwer bepackt, wäre die Auffahrt auf der alten Brennerstraße ein echtes Vergnügen. Auf den knapp 15 Kilometern von Patsch bis Matrei am Brenner macht man im Summe keine Höhe gut, obwohl man über 270 Höhenmeter absolviert. Das kupierte, kurvenreiche Gelände bietet auf schmaler und wenig befahrener Straße immer wieder faszinierende Ausblicke auf Innsbruck, die gegenüberliegende Trasse der Brennerautobahn und vor allem auf die Bergketten rundherum. Ab Matrei führt der Weg dann bis zur italienischen Grenze über die viel befahrene Bundesstraße. Dieses Teilstück kenne ich, 2007 bin ich hier den Ötztal-Marathon gefahren. Damals war ich aber deutlich schneller unterwegs – heute muss ich mich gehörig quälen. Vor allem die letzten vier Kilometer ab Gries ziehen sich und sind wieder einmal steiler als in meiner Erinnerung. Immerhin es ist jetzt trocken, wenn auch ein wenig kalt, aber ich fahre ja auch gerade über einen Pass auf gut 1.300 Meter Meereshöhe. Um kurz vor 10 erreiche ich den höchsten Punkt und bin damit in meinem Zeitplan, will aber wegen der Temperatur gar nicht zu lange bleiben. Füße und Schuhe sind noch immer patschnass. Nächstes Ziel: Nudeln in Brixen!

In die Jahre gekommener Bahnhof Schelleberg. Lag nicht ganz so verkehrsgünstig wie einst gedacht. Heute direkt am Fahrradweg.

Kurz hinter Brennerbad beginnt ein wundervoller Radweg, der entlang der der Eisack bis Bozen führt. Nur unterbrochen durch ein paar Baustellen nutzt er wo möglich die alte Bahntrasse und bleibt damit im Gefälle meistens sehr moderat. Nach dem langen Aufstieg zum Brenner ist die Abfahrt ein Genuß. Wieder lasse ich es langsam angehen, ich habe für die verbleibenden knapp 180 Kilometer noch gut acht Stunden Zeit.

In Brixen scheint bei knapp 25 Grad die Sonne, und auf der Straßenterrasse des Bistro Tapas lege ich meine Schuhe und die Socken zum Trocknen aus. Kein appetitlicher Anblick, weder ich noch die stinkenden Socken. Vermutlich kann ich deswegen alleine am Tisch sitzen, während alle anderen Plätze belegt sind. Ich quäle mich mit den Nudeln, trinke viel und hoffe, dass das Wetter stabil bleibt. In den Tourbeschreibungen hatte ich vorab gelesen, dass ab Brixen häufig der Wind zum echten Problem wird, weshalb man das Stück so früh wie möglich und am besten in einer Gruppe fahren sollte. Ich bin spät dran und allein.

Hammer! Ab Bozen ist es furchtbar flach. Einziger Höhepunkt: Ein Büdchen, in dem frischer Apfelsaft verkauft wird.

Warum macht man so eine Tour? Vielleicht ist das so: Wenn man die eigenen Grenzen ein klein wenig verschieben kann, bekommt man einen anderen Blickwinkel auf seine Welt. Und merkt, dass eigentlich immer etwas mehr geht, als man vorher selbst geglaubt hat.
Vielleicht ist es aber auch nur Midlife-Crisis-Prophylaxe. Wer weiß das schon.

Die Strecke von Bozen bis Rovereto gehört zu den langweiligsten Stücken. Flach, windig, apfelreich. Ich war froh, als es in Rovereto endlich rauf ging nach Loppio, der letzten Erhebung vor Torbole. Eigentlich ist das ein flacher Anstieg, kaum spürbar mit dem Rennrad. Nach gut 360 Kilometern spürte ich aber jeden Höhenmeter doppelt und dreifach. Das alles aber war vergessen, als ich aus Nago den ersten Blick auf den Gardasee werfen konnte. Geschafft! Angekommen! Zufrieden!

Was der Pizzabäcker am Abend nicht behaupten konnte: Die Pizza Speciale ging einfach nur zur Hälfte rein, obwohl ich doch so großen Hunger hätte haben müssen. Als er den Teller mit den Resten wegräumte, schüttelte er den Kopf und sagte mehr zu sich selbst als zu mir: „Tedesco! Spendaccione!“

Blick von Nago auf Torbole – nach 370 km am Vortag ist dieser Anstieg zurück zum Bus nach Rovereto aber viel böser, als er hier aussieht

Die Tour gibt es auf Strava und Komoot.

 

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