lebenslänglich
Keine Tour Transalp

Luftnummer

2020 hatte ich mir was Großes vorgenommen: Die Tour Transalp, zusammen mit Pascal. Dann kam Corona.
Lange hatte sich der Veranstalter geziert, die Tour abzusagen. Als Österreichs Kanzler Kurz Anfang April alle Großveranstaltungen bis Ende Juli verbot und wenig später die deutsche Bundesregierung nachzog und gleich noch einen Monat drauflegte – da blieb es bei der Tour Transalp immer noch ruhig. Selbst als die später im Jahr stattfindende Tour de France in den Herbst verlegt wurde, blieb der Veranstalter gelassen. Bis Anfang Mai, so hieß es im „Update Covid-19“ auf der Website, wollten die italienischen Behörden über die Durchführung entscheiden. Es mag Zufall sein, aber dann ist es ein dummer: ab dem 2. Mai würden 90% Stornokosten anfallen, und vermutlich haben viele Teilnehmer schon vorab zu 50% storniert. Die jetzt getroffene Regelung halte ich aber für sehr kulant: Bis zum 31. Januar 2021 kann man sich entscheiden, ob man eine Erstattung oder den Startplatz für 2021 nehmen möchte.

Ehrlich gesagt war der durch den Veranstalter verbreitete Optimismus aber erst einmal genau das, was ich lesen wollte: Die sollten mal alles tun, damit das Etappenrennen stattfinden kann. Ich hatte seit November Haus, Hof und Familie vernachlässigt, um meinen über Jahre durch Bier und Pizza geformten Körper in über 300 Stunden Arbeit auf Rennradformat zu bringen. 17.795 Höhenmeter würden auf der Transalp auf uns warten. Das machte bei mir seit November etwas mehr als eine Minute Training für jeden dieser verdammten Meter.

Warum aber sollte ausgerechnet das von Corona so in Mitleidenschaft gezogene Norditalien schon Ende Juni wieder eine Mehrtagesveranstaltung mit etwa 3.000 Beteiligten dulden?
Als ich klein war – sehr klein –  war ich mir etliche Jahre absolut sicher, dass es den Weihnachtsmann geben würde. Die veranstaltende Agentur hatte genau das ja auch jedes Jahr behauptet. Stimmte aber trotzdem nicht, und im Jahr der Erkenntnis führte das zum ersten eklatanten Zerwürfnis zwischen mir und meinen Eltern. Ich war vier, und rückblickend betrachtet war danach nichts mehr wie vorher.

Einfach dran glauben, dass die Tour stattfinden wird, würde daher wohl auch nicht helfen.

Spätestens Mitte April hätte jedem klar sein können, dass die Tour Transalp nicht würde stattfinden können. Aber die Agentur kämpft vermutlich ums Überleben, und natürlich wäre es großartig, den italienischen Tourismus wieder ein wenig in Schwung bringen zu können. Da war also immer noch diese leise Hoffnung, dass es in ein paar Wochen ja vielleicht wirklich wieder klappen könnte. Rational gesehen war das emotionaler Blödsinn.

Mit dem heutigen Tag ist die Transalp 2020 also endgültig vom Tisch. Und die Frage ist: Was jetzt?

Erst einmal die politische korrekte Bestandsaufnahme:

Meine Familie ist bisher gesund geblieben.
Mir geht es auch gut.
Kein Corona. Bisher. Oder zumindest nicht, dass ich davon wüsste.
Ich bin nicht in Kurzarbeit.
Mein Job ist ziemlich sicher. Hoffe ich.
Mir könnte es viel schlechter gehen. Vielviel schlechter.
Und ich bin ehrlich dankbar dafür, dass das alles so ist.

Aber sonst:

Was für eine verkackte Grütze!

Ich habe mir mehrfach den Hintern wund trainiert für nix und wieder nix. Über 18.000 TSS seit November, knapp 9.000 Kilometer im Keller, im Regen, bei Frost und – na gut – auch mal in der Sonne.
Meine Threshold Power habe ich seit Saisonbeginn um 10% steigern können.
Ich kann jetzt um KOMs fahren, bei denen ich mir im letzten Jahr nicht mal getraut hätte, die auf meinen Bolt zu synchen (was nicht heißt, dass ich sieben Tage hinter einander ordentlich Berge hochfahren könnte).
Ich habe mein neues Rad besser im Griff, als ich es das letzte jemals hatte (was nicht heißt, dass ich sieben Tagen hinter einander gut die Berge wieder runter kommen würde).

Kurzum: Ich bin für meine Verhältnisse ganz gut in Form – aber weil in China jemand Fledermäuse zum Dessert hatte, war die ganze Arbeit umsonst. Alles abgesagt. Deswegen nochmal:

Was für eine verkackte Grütze!

So. Genug gejammert. Aufstehen, Geradeauslauf prüfen, Bremsen einstellen. Hier meine 10 Erkenntnisse zu einem halben Jahr nutzlosen Training:

  1. Das wichtigste: Threshold Power um 10% gesteigert.
    Ist ein Fakt. Messbar. Xert, TrainingPeaks und den Wattmesskurbeln sei dank. Xerts Progression Chart verdeutlicht dass so gut wie kein anderes Instrument:

    Xert Progression Chart
    Xert Progression Chart. Schön zu sehen, dass es fast immer nur bergauf ging.

    Man kann sich ja nur verbessern, wenn es noch Luft nach oben gibt. Da war bei mir wohl noch viel Platz.

  2. Xert hat funktioniert.
    Ist nicht mehr ganz so zweifelsfrei zu belegen wie Punkt Nummer 1, aber einen Zusammenhang muss es ja doch geben. Ich habe im Winter vor allem Montag, Dienstag und Mittwoch die von Xert vorgegebenen Intervalle auf dem Turbo getreten. Fast jede Woche, außer in den Recovery-Phase. Draußen sind vor allem die smarten Intervalle mit steigenden oder fallenden Wattvorgaben sehr schwer einzuhalten, aber auf dem Turbo hat es fantastisch funktioniert. Würde ich jederzeit wieder so machen. Xert hat mir einen Coach erspart und mir im Training viel mehr Freiheit gewährt.
  3. Mein selbst aufgestellter Trainingsplan war bombe.
    Naja. Doch, ich glaube, der war ganz gut. Bis auf eine Woche Mitte März, in der mir mal vollkommen die Motivation abhanden gekommen war. Sonst habe ich mich immer dran gehalten. Ganz klassischer Aufbau 1-2-R-2-3-R usw. Joe Friel sei dank. Toller Typ. Und mit TrainingPeaks ziemlich einfach.

    Bombenplan
    Bombenplan. Schöne Mikro-Makro-Zyklen im Dreiwochenrhythmus. Für mein Alter genau das richtige, vier Wochen hätte ich nicht überstanden 🙂

    Zeuge
    Noch besser sichtbar in TrainingPeaks: Behutsamer, aber steiler Aufbau. Basis dafür war der ATP in TrainingPeaks. Die roten Balken sind die TSS pro Woche.
  4. Ich bin gar kein Bergfahrer.
    Ich dachte immer, ich wäre einer. Bin ich aber null. Um einer zu sein müsste ich vielleicht mal auf meine Ernährung achten, und dass liegt mir so fern wie Bottrop von München. Bier, Cola, Gyros und Marzipan sind meine besten Freunde. Ich bin aus der Facebook-Gruppe „Ernährung für Radsportler“ wieder ausgetreten, weil die Mitglieder nur Fotos von für mich nicht für den Verzehr geeignegten Hülsenfrüchten und anderen Naturkostschätzchen gepostet haben. Und dann allen Ernstes behaupten, dass das soooo lecker schmecken würde. Ich hätte da mal meine typische Mittagsplatte ablichten sollen, wenn ich auf Dienstreise in Dortmund war: Pommes, Currywurst, Cola. Ich wäre gesteinigt worden.
    Also kein Bergfahrer, dafür hänge ich zu sehr an meiner schlechten Ernährung. Mit 60 Minuten konstanter, hoher Belastung komme ich viel besser klar. Wusste ich vorher nicht. Da habe ich ja Glück gehabt, dass die Transalp abgesagt wurde.
  5. Schnell macht glücklich.
    Total abgedroschen, schon klar. Ist aber so. Und interessanterweise wird der Kopf klarer, je härter das Training ist. Nach zwei Stunden „Hour-of-Power“-Intervallen (z.B. diese Nummer hier) bin ich zufrieden wie sonst nur nach zwei Stückchen Butterkuchen mit Sahne. Die ich mir dann ja eh gönnen kann. Doppelt glücklich also.
  6. Ein Ruhetag ist was wert.
    Bei im Schnitt fünf Trainingstagen in der Woche habe ich jeden einzelnen Ruhetag wirklich schätzen gelernt. Meist waren es der Donnerstag und der Sonntag. Donnerstags standen abends oft andere Verpflichtungen an, aber der Sonntag gehörte mir und der Familie. Und wenn die anderen Tage ausgebucht sind, genießt man einen freien Tag viel mehr.
  7. Ich kann essen wie ein Monster.
    Und nix passiert. Ich wiege kein Gramm mehr als im letzten Jahr, obwohl ich alles esse. Hatte ich ja oben schon erwähnt. Ich trinke wirklich jeden Abend ein Bier, stehe auf Cola, verdrücke abends vor dem Fernseher locker eine halbe Packung Schoko Crossies und liebe Nutella auf Weißbrot. Das geht alles nur, weil ich durch das Radfahren in einer durchschnittlichen Woche mit etwa 12 Stunden Training um die 11.000 Kalorien zusätzlich verbrannt habe.
    Da verkraftet man auch mal ein ordentlich frittiertes Schnitzel, nachmittags einen Sahne-Windbeutel und abends auch mal zwei Bier. Vermutlich gehe ich in auf wie ein Hefekuchen, wenn ich das Training jetzt reduziere.
  8. Erkältungen sind was für Pussies.
    Ich war in diesem Winter kein mal krank. Keine Erkältung, kein Schnupfen, keine Grippe. Nix. Kann Zufall sein, kann aber auch am Training liegen. Und ich nehme nichts: Keine Vitamine (im Gegenteil, siehe Punkte 4 und 7), keine Medikamente. Ich fahre aber auch nicht mit dem ÖPNV zur Arbeit, sondern:
  9. Mit dem Rad zur Arbeit fahren ist geil.
    Weil es Ressourcen spart, weil es Training ist, weil es nur wenige Minuten länger dauert als mit Auto oder ÖPNV. Ich bin den ganzen Winter über mit dem Rad zur Arbeit gefahren, die Fahrten mit dem Auto kann ich an einer Hand abzählen. Mittlerweile finde ich es sogar unangenehm, wenn ich mal das Auto nehmen muss. München ist sicher keine Vorzeigestadt für beispielhafte Fahrradinfrastruktur, aber es wird allmählich besser. Und seit Corona ist das Fahrrad für mich das sinnvollste Verkehrsmittel, um zur Arbeit zu kommen.
  10. Es geht mehr als man denkt.
    Man liest es gerne in diesen Erfolgsratgebern, nur scheint das immer für die anderen zu gelten. Aber nicht für einen selbst. Ging dann aber doch: Mehr Leistung, mehr Kilometer, vor allem aber mehr Zeit als ich vor der Saison geplant hatte. Wohlgemerkt: Ich habe noch Job und Familie. Und ehrlich gesagt geht beides vor.

    Performance-Chart aus TrainingPeaks
    Da geht noch was. Schöner Aufbau der Fitnesskurve bis etwa Ende Februar, dann stagniert es aber doch. Der kontinuierliche Ausbau hätte mich dann noch deutlich mehr Zeit gekostet. Und Corona war auch schon am Start.

Verkackte Grütze!

Keine Tour Transalp
Tour Transalp 2020. Ohne Pascal. Ohne mich. Ohne irgendwen.

Naja. So verkackt ist es dann ja vielleicht doch nicht. Es hätte alles schlimmer kommen können. Ich habe halt umsonst trainiert.

Hat trotzdem Spaß gemacht.

Ich mach mir jetzt erst einmal ein Bier auf.

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