lebenslänglich

Käsekuchen

Jeder Rennradler kennt das: Neues Material motiviert, vom einen auf den anderen Tag sind plötzlich 20 Watt mehr drin. Ich hatte ein Rennrad, und Ende März stand endlich das erste Rennwochenende im neuen Jahr auf dem Kalender: Am Samstag Sundern, am Sonntag Lippinghausen, beides Gemeinden im Kreis Herford und ausgerichtet von meinem Verein. In den 80ern gab es im Frühjahr bei uns noch fast jedes Wochenende eines dieser kleinen, nur bezirksoffenen Rennen. Das bedeutete, dass nur Rennfahrer aus dem eigenen Bezirk melden durften, bei mir also nur aus Ostwestfalen-Lippe. Entsprechend klein waren die Fahrerfelder, und Planung und Durchführung eines solchen Renntages ließ sich auch mit einem kleinen Team schaffen. Meist fanden sie in abgelegenen Industriegebieten statt, manchmal aber eben auch im Dorfkern.

Ich war bis in die Spitzen meiner blauen adidas Samba-Turnschuhe motiviert. Rennstrecke und Stimmung waren vergleichbar mit Schloß Neuhaus: Bedeckt, kaum Zuschauer, eckiger Kurs und nur eine Runde zu fahren. Mit mir bestritt ein zweiter Anfänger von Endspurt Herford das Anfängerrennen: Tim, genau so alt wie ich, ein bisschen frech und Sohn vom Jungendtrainer des Vereins. Er hatte auch ein neues Rad. Und ich Respekt: Als Sohn vom Trainer würde er das Rennen natürlich gewinnen wollen. Ich aber auch.

Weil wir die einzigen mit echten Rennrädern waren, durften Tim und ich erst als Letzte starten. Keine guten Voraussetzungen, aber der Wettkampfausschuss war um Fairness bemüht. Weil wir beiden die einzigen mit Hakenpedalen waren, mussten wir schon aufsitzen und wurden zum Start am Sattel festgehalten. Denn den sicheren Einstieg in die Hakenpedalen muss man sich über Wochen erarbeiten, der Bewegungsablauf ist völlig anders als bei heutigen Klickpedalen. Man muss die richtige Seite vom Pedal erwischen, es mit der Fußspitze drehen, einsteigen und sich dann bücken, um den Lederriemen zuzuziehen. Und das auf beiden Seiten. Zu viel für einen Fahranfänger, befanden wohl die Jury-Mitglieder. Beim Start festgehalten zu werden verlangt aber das unbedingte Vertrauen des Fahrers in den Festhalter, und wer das noch nie gemacht hat, kippelt und zittert auf dem Rad wie ein frisch gefangener Aal. Tim und ich haben es den Festhaltern schwer gemacht.
Endlich fiel der Startschuss, und die ersten Kinder rasten auf ihren mit Dynamo und Schutzblech ausgestatteten Rädern los – nur wir beiden wurden immer noch festgehalten. Erst als die letzten vor uns um die Kurve verschwunden waren, wurden Tim und ich endlich auf den Weg geschickt. Meine Herzfrequenz lag beim Start vermutlich schon etwa auf dem Level meiner heutigen anaeroben Schwelle, und wenn wir jetzt nicht losgelassen worden wären, wäre ich vor Aufregung in Ohnmacht gefallen.

Tim ging es nicht anders. Wir zogen beide mit aller Kraft an, aber bevor wir an einen Zweikampf denken konnten, mussten wir die Möchtegerne vor uns einholen. Der Kurs wurde linksherum gefahren, und da ich links neben Tim gestartet war, hatte ich die bessere Innenkurve. Ich zog als erster von uns beiden nach innen, kam aus der Kurve und beschleunigte. Schalten musste ich noch nicht, das sollte erst auf der nächsten Geraden passieren. Ich hörte Tim hinter mir keuchen, und wir rasten nun tatsächlich mit fast doppelter Geschwindigkeit an den anderen Kindern vorbei. Unsere Kombination aus Material und Motivation war in diesem Rennen allen anderen überlegen, und schon vor der letzten Kurve lagen wir beide vorn. Genaugenommen lag ich vorn, Tim war direkt hinter mir. Ich drehte mich immer wieder um, wohl um mich zu vergewissern, dass es auch so bleiben würde. Er keuchte wie eine Dampflok, los wurde ich ihn trotzdem nicht. Auf einen nassen Gullideckel brauchte ich nicht zu hoffen, hier waren die Bedingungen bestens. Ich ging als erster in die letzte Kurve, siegesgewiss, denn jetzt lag ich ja schon besser als im Herbst in Schloss Neuhaus. Schalten fand ich auf dem neuen Rad in dieser Situation noch zu schwierig, daher fiel mir das Beschleunigen nach der Kurve in kleinem Gang leicht. Mit höchster Trittfrequenz brachte ich das Rad nun auf Maximalgeschwindigkeit – zumindest so schnell, wie es im Sitzen ging. Wiegetritt konnte ich noch nicht.

Dann kam Tim. Mit dem Schalten hatte er es auch noch nicht so, aber irgendwie konnte er die Kurbeln noch schneller als ich drehen. Jetzt war ich plötzlich Ines! Tim zog in Zeitlupe an mir vorbei, und ich meine, er hat mich kurz vor dem Zielstrich sogar frech angegrinst. Er gewann das Rennen mit einer halben Radlänge Vorsprung. War ja eigentlich klar, er war ja der Sohn vom Jugendtrainer. Immerhin durfte ich auf dem Treppchen neben ihm stehen, aber die Schleife von einer Größe, die jedem Staatsbegräbnis zur Ehre gereicht hätte, war seine.

Am nächsten Tag, dem Sonntag, gab es die Revanche. Wieder im Kreis Herford, dieses mal in Hiddenhausen, „Rund um das Rathaus“. Klingt fast wie „Rund um den Henninger Turm“, war aber nicht ganz so groß.

Wieder mussten wir als Letzte starten. Wir zitterten schon vor dem Start, zum einen weil es unaufhörlich schüttete, zum anderen weil wir wieder am Sattel festgehalten wurden. Als wir endlich dran waren, gab Tim siegesgewiss Vollgas, und ich hatte Mühe, ihm zu folgen. Das lag nur zum Teil daran, dass er in der besseren Startposition war – ich hatte vor allem Ehrfurcht vor der nassen Straße. Nach der ersten Kurve reihte ich mich versetzt hinter ihm ein. Nicht, weil ich knallhart Windschatten fahren wollte, sondern weil mich seine meterhohe Spritzwasserfontäne vom Hinterrad komplett durcheinanderbrachte. Mein Rad war ja gerade erst fertig geworden. Seit Schloß Neuhaus hatte ich keinen Kilometer trainiert, konnte nicht allein in die Pedalen kommen und war natürlich noch nie im strömenden Regen hinter einem anderen Rennradler gefahren. Von Windschatten hatte ich mal entfernt gehört, konnte mir aber nicht wirklich was darunter vorstellen. Das war alles neu für mich.

Unter dem geliebten rot-weißen Trikot trug ich einen weißen Pullunder aus Baumwolle. Der war nach wenigen Metern ebenso durchnässt wie meine erste kurze Rennhose aus schwarzer Baumwolle. Mit echtem Ledereinsatz, handvernäht! Ich hatte sogar einen eigenen Sturzring bekommen, Marke „Georges Sorel“. Helme gab es noch nicht, aber Sturzringe waren im Rennen schon damals Pflicht. Ich fühlte mich also wie ein echter Rennfahrer. Ach was, ich war einer!

Wie gestern zogen Tim und ich an all den anderen Kindern vorbei. Es waren weniger heute, und bei diesem Wetter hatten sich nur die Hochmotivierten ins Rennen gewagt. Außerdem hatten sie alle Schutzbleche und konnten daher besser sehen als ich. Da die Runde kürzer als am Vortag war, mussten wir zwei mal rum und ich hörte zum ersten mal in meinem Leben die Glocke zur letzten Runde.

Wie am Vortag waren wir auf dem letzten Stück allein in der Führung, und ich ging hinter Tim auf die Zielgerade. Und dieses mal machte ich alles richtig, hier mit Tim im verregneten ostwestfälischen Hiddenhausen: In einer waghalsigen Aktion – rechte Hand vom Lenker zum Runterschalten ans Unterrohr – legte ich einen dickeren Gang ein und ließ Tim mit jeder Kurbelumdrehung ein Stück hinter mir.

Links der Samstag, rechts der Sonntag. Mit der Urkunde durfte ich mir den Käsekuchen abholen.

Dieses Mal stand ich ganz oben auf dem Treppchen. Ich bekam eine Urkunde, eine ähnlich große Schleife wie Tim am Vortag – und vom ortsansässigen Konditor einen formidablen Käsekuchen. Sachprämien waren damals durchaus üblich, wenn auch der Käsekuchen für einen Sieg in der Anfängerklasse ungewöhnlich großzügig war.

Immerhin konnte ich damit meine Mutter milde stimmen. Sie musste ja damals meine Wäsche waschen, das war 1985 eine unausgesprochene Selbstverständlichkeit. Dreckige Klamotten die Kellertreppe runter – und ich habe sie erst wieder gesehen, wenn sie gewaschen und gefaltet in meinem Schrank lagen.

Wenn sie geahnt hätte, dass das nun etliche Jahre so weitergehen würde, sie hätte ziemlich sicher schon damals interveniert.

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