lebenslänglich

Irrläufer

Als Radfahrer lernt man schon rein aus Selbsterhaltungstrieb das antizipierende Fahren, und das legt man auch beim Radrennen nicht ab. Selbst im Unterlenkergriff wachen die Augen im schrägen Winkel stetig über Mitstreiter und Straßenränder, denn Vollidioten gibt es überall. Schlagen die Sensoren Alarm, reicht meist ein halb hektisch, halb panisch gebrülltes „Eyyyyy!“, gepaart mit dem prophylaktischen Griff an die Bremsen (immer beide!), und der unheilvolle Zaungast springt erschreckt zurück. Selten sind die Delinquenten Polizisten, denn auch wenn das Verhältnis zwischen Radrennfahrern und der Exekutive per Gesetzeslage nicht das beste ist, gehören sie als Ordnungsmacht bei den Radrennen doch eher zu den Guten. Aber eben nicht immer.

1986 fuhr ich noch für den RC Endspurt Herford in der Schüler-A-Klasse, und in diesem Jahr sollte es in Vlotho neben dem Bergpreis, den ich in meiner Klasse noch nicht fahren konnte, noch ein Rundstreckenrennen im Stadtteil Uffeln geben. Uffeln ist kein Verb, sondern 1973 im Zuge der Gebietsreform als Gemeinde zu Vlotho gekommen – was die Uffelner im Übrigen gar nicht lustig fanden. 13 Jahre später, als das Rennen über Buhnstraße und Schulgarten ausgerichtet wurde, dachte daran wohl niemand mehr.

Mein Rennen lief, wie meine Rennen damals immer liefen: Vorne fuhren die immer gleichen mit einem gigantischen Vorsprung voraus und waren sicher kurz davor, mich zu überrunden. Nach der Spitzengruppe gab es für gewöhnlich noch ein, zwei weitere Verfolger, und meist kam erst dahinter die Gruppe, in der auch ich mich befand. Eigentlich hätte man damals uns Kinder nur nebeneinander aufstellen und der Größe nach sortieren müssen, um den Sieger zu ermitteln. Denn die körperlichen Unterschiede waren in diesem Alter auch schon 1986 gravierend: Während andere sich schon zwei mal in der Woche rasieren mussten, wäre ich froh gewesen, endlich meine Milchzähne loszuwerden. Da aber jede Lizenz-Klasse über zwei Jahre ging, bestand Hoffnung, wenigstens im zweiten Jahr ohne die Bartträger fahren zu können.

Das Video zeigt: gleich ist er seine Currywurst los.

In Uffeln lag ich also irgendwo zwischen Platz fünf und zehn. Ich kann mich noch erinnern, dass mir der Kurs ganz gut lag, da die Zielgerade im „Schulgarten“ leicht ansteigend verlief. Außerdem fuhr ich fast vor der eigenen Haustür, das motiviert immer noch für ein paar Watt extra. Obwohl von mir vermutlich eh niemand Notiz nahm, denn Radsport war in meiner Schulklasse ungefähr so angesehen wie Nasepopeln. Im besten Fall gab es ein wenig Mitleid, Fußballer waren die wahren Helden.

Mir war das alles egal, meine Eltern standen am Straßenrand und applaudierten mir in jeder Runde. Ihr Ehrgeiz hielt sich dankenswerterweise immer in Grenzen, andere Eltern schrien sich am Straßenrand die Kehle aus dem Hals, liefen dabei rot an und beschimpften die eigenen Kinder, andere Kinder oder deren Eltern. Fußball und Radsport haben doch was gemeinsam.

In meiner Gruppe lief es, ich hatte eine Chance auf eine gute Platzierung unter den ersten 10. Das waren die Plätze, für die es eine Prämie gab – für den Zehnten immerhin noch fünf Mark. Mit Lars, André und Diana (Mädchen fuhren mangels Masse damals meist bei den Jungs mit, bekamen aber eine eigene Wertung) im Schlepptau führte ich schwer atmend unsere Gruppe über den Zielstrich, als der Wettkampfausschuss zur letzten Runde gongte.

Dann versagten offenbar meine Sensoren, und ich fand mich von einem Moment auf den anderen auf der Straße liegend wieder. Irgendein unaufmerksamer Vollpfosten war direkt vor mir auf die Rennstrecke gelaufen, und ich hatte ihn mit Vollgas gerammt. Seine Currywurstschale flog ihm aus der Hand, und Soße und gehäckselte Wurststücke verteilten sich auf der Straße und meinem Trikot.

Ich hatte durch Zusehen bei anderen Rennen gelernt, bei einem solchen Unfall ohne Schwerverletzte als allererstes den Verursacher verbal zu erniedrigen und lautstark anzubrüllen, weil das den Adrenalinpegel senkt. Parallel sammelt man sein Rad wieder ein und setzt seine Fahrt laut schimpfend fort. Ich hatte mir schon während des Sturzes zahlreiche Schimpfworte der dreckigsten Kategorie zurecht gelegt, von denen „Arschgesicht“ und „Vollidiot“ noch die harmlosesten waren. Als ich gerade loslegen wollte, noch auf dem Boden liegend, stand vor mir ein zitternder Mann in Uniform, der gar nicht verstand, was gerade passiert war. Ein Polizist. Ich war mit Wumms in einen Polizisten gefahren. In lauter Vorfreude auf seine gute Currywurst hatte der beleibte Mann beim Betreten der Straße nur nach links geschaut, wir aber kamen von rechts.

Das mit der Wurst hatte sich jetzt erledigt, und er starrte mich hilflos an. Ich wiederum traute mich nicht, diesem Freund und Helfer auch nur meine harmlosesten Schimpfworte entgegenzuschleudern. Auge in Auge mit dem Gesetzeshüter verkniff ich mir meinen berechtigten Wutausbruch. Zwar war die Straßenverkehrsordnung während eines Radrennens außer Kraft gesetzt, aber das hieß ja nicht, dass eine Majestätsbeleidigung ungeahndet bleiben würde.

Ich hielt meinen Mund und kümmerte mich um mein Rad. Natürlich war die Kette abgesprungen und hing hinten zwischen kleinstem Ritzel und Hinterbau. Normalerweise schaltet man dann hoch in leichtere Gänge, hebt das Hinterrad an und bewegt die Kurbel, um die Kette wieder aufs Ritzel zu bringen. Aber es hakte alles und ich musste die Kette von Hand wieder einfädeln. Das hatte mir nicht nur schmierige Hände, sondern einen Rückstand von locker 90 Sekunden gebracht. Meine fünf Mark konnte ich vergessen.

Das Ganze hatte aber doch noch ein Happy End, auch wenn das erst einige Jahre später kam: Ein Uffelner Bürger hatte das Rennen mit seiner Videokamera aufgenommen und dabei zufällig den Unfall gefilmt. Mitte der Neunziger hatte er den Filmschnipsel an Fritz Egners „Pleiten, Pech und Pannen“ geschickt. Das war damals so etwas wie heute „Failarmy“ auf Youtube, allerdings zur Primetime auf den Öffentlich-Rechtlichen. Wie einem Bericht im Vlothoer Tageblatt zu entnehmen war, hat er dafür wohl sogar 100 DM bekommen. Leider habe ich den Artikel nicht aufgehoben und mir den Namen nicht gemerkt. Denn zumindest moralisch hätte ich Anspruch auf 50% der Prämie. Das würde heute noch für zwei ordentliche Portionen Currywurst reichen. Eine für mich und eine für den mittlerweile sicher pensionierten Polizisten.

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