lebenslänglich

Intelligenztraining

“Suchen sie festen Halt, manchmal bremst der Wagen abrupt. Der kann noch nicht zwischen einem überholenden und einem parkenden Auto unterscheiden.” Ist ja auch nicht so einfach, sowas. Fällt mir auch manchmal schwer. Zum Beispiel wenn ich nachts um halb vier von der Weihnachtsfeier zurück nach Hause will.

“Achtung, jetzt!”

In Erwartung einer Vollbremsung, die uns quer durch den Wagen schleudern wird, klammere ich mich mit beiden Händen an die Haltestange. Das Fahrzeug sieht so aus wie Familie Griswolds Tartan Prancer aus albanischer Produktion. Es gibt ihn also doch. Glücklicherweise ist unsere Fahrt aber kürzer, wir wollen nicht nach Walley World.

Selbstfahrender Bus
Wie bei den Griswolds: Der selbstfahrende Bus muss aus der gleichen Produktion wie der Tartan Prancer stammen. Albanische Qualitätsarbeit.

Der Prancer bremst wie ein Fahrschüler, der in seiner ersten praktischen Stunde Kupplung und Bremse vertauscht. Krachend kommt die Karre zum Stehen. Kein Wunder, das Mobil kennt ja auch nur Null und Eins und nichts dazwischen: Wir sitzen in einem selbstfahrenden Bus im niederländischen Drimmelen. Er verbindet dort auf einer Strecke von gut einem Kilometer den alten und den neuen Yachthafen. Ein Stewart begleitet die Fahrt, weil eben doch nicht immer alles glatt geht. Das führt die Sache ein wenig ad absurdum, aber irgendwie muss man ja mal anfangen. Ende der 1860er verpflichtete der britische Red Flag Act die Autofahrer, vor jedem Fahrzeug einen Fußgänger mit einer roten Fahne laufen zu lassen. Aus Großbritannien kennen wir ja die ein oder andere für Kontinentaleuropäer überraschende Gesetzgebung, aber der Red Flag Act machte Sinn: Die Geschwindigkeit war innerorts auf 2 Meilen pro Stunde beschränkt. Viel schneller sind wir mit dem Prancer heute auch nicht.

Es dürfte also noch ein paar Jahre dauern, bis wir von zuverlässig selbstfahrenden Autos umgeben sind. Übermenschliche Visionen sind der Schmierstoff, der die Dinge ins Rollen bringt. Sonst wären wir heute noch nicht auf dem Mond, und Elon Musk würde seine PayPal-Millionen auf Hawaii oder Tahiti durchbringen.

Künstliche Intelligenz im Training?

Künstliche Intelligenz also. Auf dem Weg zum selbstfahrenden Auto gibt es noch die ein oder Herausforderung in anderen Lebensbereichen, die sich vielleicht leichter lösen lässt. Zum Beispiel das Problem, dass mich mein Coach jeden Monat ein halbes Vermögen kostet. Zugegeben, der gute Mann hat es schwer mit mir, weil ich kein richtiges Ziel habe, mich andauernd umentscheide und ich bei Vollgas gerade mal bei einer RTF mitkomme. Für den Preis macht er ehrlich gesagt auch einen guten Job.

Trotzdem kostet er. Mein erster Gedanke: Das muss ich doch auch selber machen können. Kann doch nicht so schwer sein. Haben andere ja auch gelernt. Ich will verstehen, wie man auf die spezifischen Intervalle kommt, wie lang sie sein sollen, wie oft sie wiederholt werden müssen und wie das ganze in einen großen Plan passt.

Trainingsbibel
Friels Trainingsbibel. Leider fehlt das Neue Testament.

Ich besorge mir mir das Standardwerk, die Trainingsbibel für Radsportler von Joe Friel. Friel ist so etwas wie der Jesus unter den Coaches. Sonst wäre der Titel des Buchs ja auch vermessen, aber Jesus darf das. Anders als Jesus lässt Friel sich seine Dienste jedoch fürstlich entlohnen, und so erkläre ich mir auch, dass der Trainingsbibel quasi das Neue Testament fehlt. Mich interessiert vor allem, wie die Ziele in ein konkretes, strukturiertes Training überführt werden. Während der Lektüre seiner Bibel wundere ich mich zunehmend, wie er das auf den verbleibenden Seiten noch auflösen will – und werde enttäuscht. So konkret wird er nicht, und das vermutlich nicht nur, weil er damit das Geheimnis seines Erfolges preisgeben würde. Es gibt schlichtweg so viele Parameter, an denen man drehen kann, dass man der richtigen Vorgehensweise nicht in einem Buch gerecht werden kann. Friel kann das auch nicht. Ich bin zwar enttäuscht, trotzdem ist das Buch eine gute Wahl, um ein Verständnis für die Gesamtzusammenhänge zu bekommen.

Nach der Bibel war ich ein wenig schlauer, aber kein Stück weiter. Ich hatte immer noch mein Account bei TrainingPeaks, wollte aber keinen Coach mehr bezahlen. Das muss doch intelligenter gehen. Meinetwegen auch mit künstlicher Intelligenz, die Mechanismen dahinter sind doch klar.

In einer nächtlichen Recherche, mittlerweile bereitete mir mein Problem schlaflose Nächte, stieß ich auf Xert (sprich “Eksört”). Xert verspricht genau das, was ich suche: Intelligentes und strukturiertes Training basierend auf einem vorab definierten Fahrerprofil und anhand historischer Trainingsdaten. Und das im Vergleich zu einem Coach zu Flohmarktpreisen. Genau meins.

No more FTP tests. Never.

Xert wirbt damit, dass kein FTP-Test mehr nötig sei. Nie mehr. Allein dieses Versprechen ist ein guter Grund, es mit Xert zu versuchen. Nichts ist für mich grausamer, als im Keller 20 Minuten konstant Vollgas geben zu müssen. Mit dem Wissen, dass das gesamte Training auf dieser einen Zahl basieren wird. Wenn man da einen schlechten Tag erwischt, sind die Vorgaben eben auch entsprechend nutzlos. Xert zieht anhand aller vergangenen Trainingseinheiten eine “Fitness Signatur”, die sich eben nicht nur auf die magische FTP bezieht, sondern deutlich mehr Faktoren berücksichtigt.

Xert Progression Chart
Das Xert Progression Chart. Sieht wüst aus, ist aber die verlässliche Basis für die Fitness Signatur.
Athlete Type
Fahertyp. Bin ich nun eher Tony Martin oder Marcel Kittel?

Das klappt auch ziemlich zuverlässig, wenn man zuvor den Fahrertypen richtig ausgewählt hat. Neben Fitness Signatur und Fahrertyp entscheidet die ausgewählte “Ramp Rate” über die Workouts, die dann zur Verfügung gestellt werden. Und hier liegt eindeutig Xerts Stärke: Allein die Anzahl der verschiedenen Workouts ist den Preis für die Premium-Version wert. Xert wählt entweder zufällig einen passenden Workout aus, oder man macht das selbst. Über den Planner kann man auch vorab Trainings planen. Die Workouts passen in ihrer Intensität tatsächlich ideal zum Trainingszustand, die Fitness Signatur scheint also die passende Grundlage zu sein.

Pacer
Xerts Pacer ist vergleichbar mit TrainingPeaks Performance Metrik, nur hübscher dargestellt.

Ein schickes Feature ist der Pacer, anhand dessen man auf Basis der Ramp Rate und unter Einbeziehung der letzten sieben Tage die Fitness visualisiert bekommt. Xerts Währung sind XSS, die von der Definition her TrainingPeaks TSS sehr ähnlich sind. Dabei entsprechen – zumindest bei mir – 10 XSS etwa 9 TSS. Das hat mich  anfänglich ein wenig genervt, weil ich jedes mal 10 Prozent mehr trainieren musste als geplant.

Mit der XSS-Abweichung lässt sich noch gut leben. Schwerer wiegen da technische Hürden und eine für meine Begriffe etwas zu reduzierte Grundannahme.

Veritable Idee mit ein paar störenden Schwächen

Leider bietet Xert keine Synchromisation mit dem Elemnt Bolt an. Das wäre das einfachste, um sowohl den Turbo zu steuern als auch draußen die Trainingseinheiten fahren zu können. Vermutlich verlangt Wahoo dafür aber eine nicht unerhebliche “Integrationsgebühr”, denn bisher geht das nur mit TrainingPeaks. Eine naheliegende Lösung wäre auch, die Workouts von Xert in TrainingPeaks zu importieren und sie darüber auf den Elemnt zu bringen – das geht nur nicht. TrainingPeaks bietet so einen Import verständlicherweise nicht an, weil es das Geschäftsmodell kannibalisieren würde.

Xert bietet daher für die beiden wichtigsten mobilen Betriebssysteme Apps an, die sowohl den Trainer steuern als auch Wattzahlen und Herzfrequenz mittracken können. Eine schöne Idee, nur leider basiert die iOS App auf dem neuen Bluetooth FTMS (Fitness Machine Service) Standard, den noch nicht alle Turbos beherrschen. Meiner auch nicht, also ist die App für mich nutzlos. Ich habe mir daher einen gebrauchten Garmin Edge 520 gekauft, der über connectIQ mit Xert sprechen kann.

Ein grauenvolles Teil, dieser Radcomputer. Mindestens einmal pro Training verliert der Edge alle Sensoren. Und wenn das Telefon einmal nicht mehr verbunden ist, muss ich Bluetooth auf dem iPhone aus- und wieder einschalten. Das geht alles, wenn ich im Keller bin, aber was mache ich draußen? Mal abgesehen davon, dass ich jetzt immer mit zwei Computern trainieren muss.

Zwei Computer
Fährt sich so dämlich wie es aussieht. Unter der Garmin Edge 520, oben der Bolt. Im Wiegetritt stoße ich mit dem Knie an den Edge. Kackteil.

Dann ist da noch die “etwas zu reduzierte Grundannahme”: Bei Xert hat ein Programm exakt 120 Tage, die sich in die verschiedenen Phasen untergliedern. Wenn man von TrainingPeaks kommt, ist das eine enorme Hürde. Dort erstellt man einen Jahresplan, in dem man – Friels Altem Testament folgend – anhand von TSS seine Saison plant. Das geht hier nicht, und die 120-Tage-Vorgehensweise ist sehr vereinfacht. Zwar kann man mehrere Programme hintereinander nutzen, aber der große Wurf ist das mal nicht.

Und dann gibt es da noch ein echtes Problem. Eins, das wirklich nicht mehr zeitgemäß ist: Ich kann damit leben, dass XSS ungleich TSS sind, dass mein Turbo nicht den neuen Bluetooth-Stack spricht und dass 120 Tage kein ernsthaftes Trainingsprogramm abbilden können. Womit ich mich schwer tue, ist die miserable Usability. In Xert gibt es so viele Stellen, die missverständlich sind oder vom Prozess her so krude gestaltet sind, dass dahinter nur ein Ingenieur stecken kann. Definitiv aber kein UI/UX-Experte. Da ist zum Beispiel der Planner, in dem man im Kalender Workouts einstellen kann, die dann an dem Tag automatisch gestartet werden sollen. Hat man jedoch außerdem ein bestimmtes Workout ausgewählt, dann wird das abgespielt (und nicht das aus dem Planner). Ein einmal ausgewählter Workout lässt sich aber nicht mehr abwählen, oder ich habe bis heute die Funktion nicht gefunden. Solche Unzulänglichkeiten finden sich in Xert immer wieder.

Nachtrag am 21.12.2019: Mittlerweile hat sich herausgestellt, dass sich nach dem letzten Release der Xert-Plattform ein Fehler eingeschlichen hatte. Im Planner kann man Workouts an einem bestimmten Tag zu einer festen Uhrzeit planen. Fährt man sie nicht an genau dem Tag zu der Uhrzeit ab, werden sie in die Liste mit nicht absolvierten Workouts verschoben und verschwinden aus dem Kalender (richtig wäre für meine Begriffe, sie im Kalender zu lassen und z.B. rot zu markieren). So ein verschobener Workout bleibt aber dennoch bis zum nächsten Planner-Eintrag “selektiert”, wird also beim nächsten Training abgespielt. Das an sich ist schon ungewöhnlich – und dort lag auch der Fehler. Es wurde nämlich immer nur der manuell selektierte Workout abgespielt, aber nicht der aus dem Planner vom System verschobene. Verwirrend? Absolut. Das ginge alles einfacher und leichter verständlich zu lösen. Trotzdem: Die Ursache für meine Verwirrung war ein Softwarefehler, für den Xert sich entschuldigt hat und der mittlerweile behoben ist.

Wenn Xert scheitert, dann wegen der miesen Usability. Immerhin unterhält das Unternehmen einen astreinen Support. Dahinter steckt vermutlich nur eine Person, nämlich Scott, der oft binnen weniger Minuten antwortet. Das macht den Schmerz erträglich.

Macht das nun Sinn?

Anfänglich habe ich TrainingPeaks parallel laufen lassen, um zu schauen, wie Xert die Trainings bewertet. Über die Zeit hat sich dabei – trotz eingermaßen identischer Basisdaten – die Abweichung von ca. 10% zu Lasten von TrainingPeaks ergeben.

Jahrestrainingsplan
Der Jahrestrainingsplan, oder Annual Training Plan (ATP). In Wirklichkeit ist der nicht ganz so unscharf.

Beide Plattformen benötigen ein gewisses Know-How, um einen Nutzen daraus zu ziehen. Friels Bibel ist das Richtige, um sich zumindest mit den Grundbegriffen des Trainings vertraut zu machen. Ideal wäre, den Komfort und die Funktionalität von TrainingPeaks mit der KI von Xert zu verbinden. Für mich ist die Jahresplanung in TrainingPeaks mit anschließendem TSS-Tracking eine der wichtigsten Funktionen – natürlich neben der Synchronisation der geplanten Workouts mit meinem Bolt. Xert allein würde ich nicht nutzen, das 120-Tage-Konzept ist mir zu kurz gegriffen. Ob TrainingPeaks wirtschaftliches Interesse an einer Xert-KI hat? Vermutlich nicht, denn das würde das Coaching-Konzept und den Shop mit den Trainingsplänen entwerten. KI-Training gehört aber für meine Begriffe die Zukunft, und TrainingPeaks muss aufpassen, nicht Kodak unter den Trainingsplattformen zu werden. So lange Xert aber in der Usability nicht punkten kann, besteht da wohl keine Gefahr.

Und ob das Ganze nun geklappt hat, sehen wir im Sommer. 2020 steht nur ein Event auf der Liste – dazu später mehr.

18. Dezember 2019 – Korrektur: In der ersten Version dieses Posts schrieb ich davon, dass ein Programm 180 Tage hat. Das ist falsch, wie man auf den Seiten von Xert leicht nachlesen kann. Ich habe diese Angabe korrigiert. Darauf hat mich Armando in einem Kommentar auf der englisch-sprachigen Version dieses Posts hingewiesen.

1 Kommentar zu “Intelligenztraining

  1. Danke für diesen Beitrag. Dank diesem habe ich selbst Xert ausprobiert und dank der 30 Tage Testversion war der Einstieg kinderleicht. Ich kann es nur jedem empfehlen!

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