lebenslänglich
Pascal musste 3:30 Minuten auf mich warten. Glücklicherweise geht es bei der Tour Transalp auch mal den Berg runter.

Hochmut

Eigentlich ist mein großer Bruder Jens schuld. Gegen den ich vor einem gefühlten halben Jahrhundert mein allererstes Radrennen gewonnen habe, auch wenn es dabei wohl nicht ganz fair zuging. Zwar neigt er dazu, sich in Unfälle verwickeln zu lassen, aber er steht danach immer wieder auf. Bewundernswert. Wir fahren gerne zusammen Rad und sind dabei etwa auf gleichem Niveau. Nicht ganz vielleicht, gesundheitsbedingt habe ich wohl einen kleinen Vorsprung. Aber wenn man sonst fast immer im Schatten des Großen steht, sonnt man sich auch mal gerne im Glanz der rein altersbedingt besseren Konstitution. Vier Jahre können doch ganz schon was ausmachen.

Nur die Tour Transalp, das Etappenrennen über die Alpen, wollte er dann doch nicht mit mir machen. 783 km, 17.795 Höhenmeter. Eine Schinderei ohne Gleichen, zumindest wenn Rennradfahren nicht Beruf, sondern Hobby ist. Ich hatte mir ausgerechnet, dass ich mit Jens als Duo-Partner ein wenig im Vorteil sein müsste, ihn über die Pässe ziehen und er mir nach den sieben Tagen anerkennend auf die Schulter klopfen würde: “Niklas, ohne Dich wäre ich da nicht rübergekommen. Du bist der Größte!” Was den genauen Wortlaut angeht, war ich mir noch nicht sicher, aber so ähnlich würde es klingen müssen.

Jens sagt aber ab. Und alleine will ich die Transalp nicht fahren.
Einen Mitstreiter hatte ich noch im Hinterkopf, aber da wäre das Spiel genau umgekehrt: Pascal. Ein Bergfloh, bestimmt 15 cm kleiner als ich und mindestens 20 Kilo leichter. Wir arbeiten seit fast zwei Jahrzehnten gemeinsam bei adesso und kennen und schätzen uns. Aber Pascal ist ein harter Hund, zäh wie altes Leder und diszipliniert wie der Ausbilder an einer US-Kadettenschule. Er fährt bei “Rad am Ring” nicht wie ich das 24-Stunden-Rennen, bei dem man nur alle drei Stunden ein Ründchen drehen muss, sondern das Jedermannrennen über sechs Runden. Dabei bleibt er immer im Feld oder sogar in der Spitzengruppe. Pascal fliegt die Berge hoch, ernährt sich wie ein Asket und trainiert mit äußerster Akribie. Wenn ich mit Pascal die Tour Transalp fahren würde, müsste er mich die Berge hochziehen. Weil ich ja abends ungerne auf mein Bier verzichte.

Bis zum 13. Juli wusste Pascal aber noch nichts von seinem Glück. Wir hatten uns gemeinsam zur Großglockner Bike Challenge angemeldet: 17 km, 1.200 Höhenmeter.

Heiligenblut
Startort ist Heiligenblut am Glockner. Das Wetter sieht nicht allzu vielversprechend aus.

Das Wohnmobil stand auf dem Campingplatz in Heiligenblut. Pascal hatte eine unruhige Nacht, denn mit jeder Bewegung wackelt auch das Auto ein wenig. Wer das nicht kennt, schläft schon mal schlecht. Möglicherweise hat Pascal mir deshalb nur 3:30 Minuten auf dem Weg von Heiligenblut zur Kaiser-Franz-Josefs-Höhe abgenommen. Ich hatte mit mindestens 10 Minuten gerechnet – aber selbst 3:30 sind enorm viel. Dazwischen liegen Welten. Pascal kletterte das Segment mit gut 1.020 VAM (Höhenmeter/Stunde), ich nur mit knapp 970. Die Differenz von 50 Höhenmetern klingt nach wenig, macht aber viel aus.

Auf dem Weg nach oben
Auf dem Weg nach oben. Gut drei Minuten hinter Pascal.
Pascal musste 3:30 Minuten auf mich warten. Glücklicherweise geht es bei der Tour Transalp auch mal den Berg runter.
Pascal musste 3:30 Minuten auf mich warten. Glücklicherweise geht es bei der Tour Transalp auch mal den Berg runter.

Hätte Pascal mir wirklich 10 Minuten abgenommen, hätte ich ihn nicht gefragt, ob wir zur Transalp als Team antreten wollen. Der Leistungsunterschied wäre dann zu groß gewesen. Pascal hätte sich gelangweilt und ich hätte mich spätestens ab Tag 2 geschunden wie Charly Wegelius bei seiner ersten Vuelta. Doch nach “nur” dreieinhalb Minuten Abstand nimmt das Schicksal seinen Lauf, als wir zurück auf dem Campingplatz sind. Pascal sagt prompt zu.

Das setzt mich unter Zugzwang, denn ich will weder Pascal noch mich enttäuschen. Die sieben Tage über die Alpen sind ja nicht nur eine sportliche Herausforderung, sondern eine wundervolle Fahrt über etliche ebenso wundervolle Pässe. Um das ein wenig genießen zu können, muss man schon ein paar Kilometer in den Beinen haben.

Und so kommt es, dass ich seit Anfang November so fokussiert und umfangreich trainiere wie noch nie zuvor. Neben Familie und Beruf bleibt kaum noch Zeit für irgendetwas anderes, alles dreht sich momentan um das Training und das Rennen. Frau und Kinder haben glücklicherweise zugestimmt, und bis zum Event kann ich mich auf das Training konzentrieren. Danach gehöre ich ihnen.

Das machte mich dann doch ein wenig nachdenklich: Pascal schickt mir ein Buch mit dem Titel "Domestik". Was meint er damit nur?
Das machte mich dann doch ein wenig nachdenklich: Pascal schickt mir ein Buch mit dem Titel “Domestik”.

Pascal und ich haben uns das ehrgeizige Ziel gesetzt, mit einer Fitness von mindestens 100 TSS in das Rennen zu gehen. Durch das Tapering in den gut zwei Wochen davor heißt dass, vorab auf mindestens 120 TSS kommen zu müssen. Und um das auf einem für ein Etappenrennen stabilen Niveau zu halten, reicht es nicht, die 120 TSS einmal kurz zu kratzen. Pascal ist dabei noch ein wenig ehrgeiziger und will mit mindestens 110 TSS starten. So wie ich ihn kenne, werden es 120.

Viel Arbeit seit Ende November.
Viel Arbeit seit Ende November.

Dank TrainingPeaks und Xert bin ich im Februar schon ganz gut in Schuss. Es mag zwar auf dem Kalender nach Off-Season aussehen, aber wenn ich mit einer Fitness von 100 TSS in das Rennen gehen will, muss ich früh starten. Anfang Februar habe ich mit der Fahrt zum Peißenberg erstmals die Fitness von 100 TSS überschritten. Ob ich das durchhalten werde? Hochmut kommt ja vor dem Fall.

Und Pascal ist viel weiter. Aber er muss mich ja auch über die Berge ziehen.
Und nicht andersherum 🙂

Blick auf das Glocknerhaus in der Senke
Blick auf das Glocknerhaus in der Senke
Murmeltiere sind tatsächlich ständige Begleiter
Murmeltiere sind tatsächlich ständige Begleiter

1 Kommentar zu “Hochmut

  1. Also mit Hochmut hat das ja zunächst eigentlich gar nichts zu tun. Ist eher ein recht ehrgeiziges Ziel, welches du dir da gesetzt hast. Und wenn man ehrlich ist wahrscheinlich nicht mal das. Den Transalp haben schon hunderte andere geschafft, die meisten wahrscheinlich auch mit weniger “Dampf” in den Beinen als du. Es erfordert aber tatsächlich eine entsprechende Vorbereitung. Je nach deinem Ziel sollten es dann schon 5000-10000km sein.
    Wer am Ende der Schnellere von euch beiden sein wird, wird sich eh erst nach der Hälfte zeigen. Da geht es nicht darum einen Paß möglichst schnell hoch zu kommen, sondern darum die Leistung möglichst konstant, die ganze Woche abrufen zu können. Spätestens nach 4-5 Tagen wird es sich dann zeigen, wer zu viel gepact hat 😉
    Ach ja zum Bremsen: Bergab hat noch keiner ein Rennen gewonnen (Alte Rennfahrer Weisheit). Ob die Scheibenbremsen dir da einen Vorteil bieten, mag ich mangels sinnvoller Vergleichsbasis schwer einschätzen. Mein Mountainbike zählt für so was weniger. Eine gute Kombi aus Bremsen und Laufrad sehe ich da als relativ gleichwertig an. Das sieht vielleicht im strömenden Regen wieder anders aus. Aber so ein Passabfahrt im Regen hat da eh seinen eigenen Reiz, da spielte der Gedanken an die Bremsen, zumindest bei mir, eine eher untergeortnete Rolle. Viel Spaß dabei 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.