lebenslänglich

Gregario

Wir fliegen durch das Tal der Foglia, einem Flüsschen in den nördlichen Marken unweit von San Marino. Einst Marco Pantanis Hinterland, heute immer noch eine wunderbare Rennradgegend. Wenn auch mit katastrophalen Straßen, aber bei einem Tempo von 50 km/h sind einzelne Schlaglöcher nicht das größte Problem. Die Strecke ist leicht abschüssig und kurvig, und man weiß nie, welche Gemeinheit nach der nächsten Ecke lauert. Kopfsteinpflaster? Eine auf der Straße parkende Ape? 20 Meter Schotter? Alles schon gehabt auf den ersten 45 Kilometern des Granfondos Riccione, der in diesem Jahr  RideRiccione heißt. Beim Giro 2019 führte die Zeitfahretappe von Riccione auf den Hügel von San Marino, und weil die Innenstadt noch hübsch für den Giro geschmückt war, hat das Tourismusbüro wohl gleich noch einen Granfondo drangehängt.

Start in Riccione
Die Startaufstellung in Ricciones Fußgängerzone. Ich muss leider noch ganz nach hinten.

Jetzt ist Riccione nicht Nove Colli, und auch wenn der Veranstalter im etwas zu bemüht geratenenen Promo-Video das Gegenteil behauptet, sind außer mir kaum Fahrer von außerhalb Italiens dabei. Und ich bin nur dabei, weil wir in den Pfingstferien einen Abstecher an die Adria geplant hatten. Einmal sehen, wo in den Wirtschaftswunderjahren unsere Mütter und Väter Urlaub gemacht haben (wobei es meine immer nur bis Cuxhaven geschafft haben, aber das ist eine andere Geschichte).

Seit geraumer Zeit wird unsere Gruppe durch ein Motorrad des Veranstalters begleitet, und der Mann auf dem Sozius ruft den ersten unseres gut 30 Fahrer starken Pelotons immer wieder etwas zu. Wenn er gleich eine Tafel mit Zeitangaben hochhält, kriege ich eine Gänsehaut. Passiert aber leider nicht. Stattdessen weitet sich nun der Blick, und die Straße führt unerwartet flach einige Kilometer geradeaus. Weit vorne erkenne ich die nächste Gruppe, und durch unsere Mannschaft geht ein Ruck. Plötzlich wird es viel schneller, und ich muss das Gas voll aufdrehen, um nicht abreißen zu lassen.

Warten im Schatten
Immerhin können wir im Schatten warten. Morgens zum Start um 7.30 Uhr hat es schon unfassbare 25 Grad.

In Ermangelung von Talent und VIP-Paket musste ich in Riccione aus dem letzten Block starten, und bis wir die Fußgängerzone hinter uns gelassen hatten, waren die ersten sicher fast schon in San Marino. Ich hatte also nicht die geringste Ahnung, an welcher Position wir uns gerade befanden. Und das im doppelten Sinne, denn die Route auf meinem Bolt führte schon vor etlichen Kilometern in ein anderes Tal als das, in dem wir uns jetzt befanden. Erst nachträglich stellte sich heraus, dass der Veranstalter leider die Tour vom Granfondo aus dem Frühjahr auf der Website bereitgestellt hatte. Und die deckte sich nun mal nicht vollständig mit der, die ich gerade fuhr. Was unter anderem dazu führte, dass meine Familie mir leider eine Kurve und gut 500 Meter hinter dem Zielstrich zujubelte. Auch nett, war aber so nicht ganz geplant. Das falsche GPX-File aus dem April führte noch an unserem Campingplatz vorbei, das Rennen war aber leider ein klitzekleines Stück davor zuende. Das kann man auch auf Strava ganz gut erkennen.

Ein Granfondo ist eine Mischung zwischen einer RTF und einem Jedermannrennen. Beides gibt es so in Italien nicht, und daher treffen sich bei so einem Event ganz verschiedene Radfahrer: Die, die zum Gewinnen gekommen sind, und die, die mit Gleichgesinnten einfach einen schönen Tag oder ein paar Stunden auf dem Rad haben wollen. Bei den größeren Veranstaltungen – Riccione gehört nicht dazu – gibt es wohl auch ordentliche Preisgelder. Jedes Wochenende finden in Italien mehrere solcher Granfondos statt, und mittlerweile gibt es ein paar Varianten, bei denen nicht einfach der gewinnt, der als erster über den Zielstrich fährt. Besonders spannend ist die, bei der an drei oder mehr Abschnitten auf der Strecke die Zeit genommen wird. Der Sieg geht dann an den Fahrer oder die Fahrerin, die in Summe auf diesen Stücken am schnellsten war. Angeblich war das auch in Riccione an drei Streckenabschnitten so, zu denen unter anderem auch der Anstieg nach Mondaino zählen sollte. Ich habe bis heute leider nicht rausgefunden, welche Zeit ich da hatte. Bei der offiziellen Zeitmessung findet man nur die Ergebnisse vom Monte Carpegna, Pantanis Lieblingsberg.

Offenbar hatte der Motorradfahrer der Spitze unserer Gruppe schon länger eingeflüstert, wie weit die Vorausfahrenden von uns entfernt wären. Vorne kreiselten jetzt zwei Goliaths, und dazwischen immer eine Donna, die aber nie in die Führung ging. Die Goliaths gaben ordentlich Gas, und während ich mich weiter an die Spitze der Gruppe robbte, hörte ich die Amazone kurze Anweisungen geben. Ich hatte es nicht für möglich gehalten, aber jetzt wurde ich Augenzeuge: Das hier musste eine Padrona mit ihren Gregarios sein. Es gab sie also wirklich! Ich hatte davon gelesen, es aber nicht richtig glauben können. Die beiden Gregarios machten auch gar keine Anstalten, weitere Fahrer zur Führungsarbeit zu verpflichten. Ganz im Gegenteil, wenn man so einem Zerberus zu nahe kam, fletschte der gleich angriffslustig die Zähne und fing an, gemein zu knurren. Gar nicht schlimm, dachte ich mir, ich lag bei hohem Tempo und wenig Watt artig hinten drauf und genoss das Rauschen unseres Fahrerfeldes. Am Ende der langen Geraden rollte ich dann fast gemütlich in das Feld der eingeholten Gruppe, und die Padrona mit ihren Gregarios kämpfte sich direkt wieder nach vorn. Langsam dämmerte mir, dass es hier um etwas gehen musste. Nur um was? Ich hatte mittlerweile komplett die Orientierung verloren, die Strecke auf meinem Bolt verlief gänzlich woanders.

Anstieg
Planlos den Berg hoch. Wenn aber alle anderen Radfahrer auch da hoch fahren, scheint es nicht ganz falsch zu sein.

An jedem Kreisel und an jeder Kreuzung stand ein Helfer, der die Autos stoppte und uns den Weg wies. Vor jeder Verkehrsinsel trillerte ein hilfsbereiter Mensch in Warnweste und schwenkte das gelbe Dreieck. Ich hatte zwar keine Ahnung, wohin es ging, aber die gesamte Gruppe wurde vorbildlich durch die holprigen Straßen geleitet. Trotzdem kam es mir so vor, als ob alle Italiener den richtigen Track auf ihren Computern hatten. Sie wussten meist schon vorher, ob es rechts oder links geht.

Starterpack bei Ride Riccione
Starterpack beim Ride Riccione. Neben der obligatorischen Flasche (die im übrigen nicht dicht zu bekommen ist) gibt es noch Käse, kalten Kaffee (!), viel Kleinkram und ein wirklich gutes Trikot.

Es muss da irgendwelche geheimen Kommunikationskanäle geben, denn ich habe auch erst auf Nachfrage mitgeteilt bekommen, wo und wann ich meine Startnummer abholen kann. Auf der Website fand sich dazu leider nichts. Rund um Köln mag besser organisiert sein, aber gerade diese Hemdsärmligkeit macht RideRiccione ja doch irgendwie liebenswert.

Die Padrona mit der Nummer 46 und ihre beiden Gregarios haben wir dann am letzten längeren Anstieg verloren. Auf den gut fünf Kilometern zwischen Borgo Massano und Mondaino verliert sie knapp vier Minuten. Und ich hatte immer noch keine Ahnung, um welchen Platz ich hier fuhr. Ganz vorne sicher nicht, dafür waren wir zu langsam. Ganz weit hinten konnte ich aber auch nicht mehr sein, dafür hatte ich an den drei bisherigen Anstiegen zu viele Ciclisti überholt. Kurz vor Mondaino schrumpfte mein Kampfgeist aber dummerweise zu unbedeutender Größe. Denn der Kurs zwang uns jetzt in engen Kurven und auf gröbstem Kopfsteinpflaster zu einem fiesen Kraftakt hoch in die Altstadt von Mondaino. Undankbar und hinterhältig, so ganz am Ende einer Steigung mit über 250 Höhenmetern. Der Kopfsteinpflaster-Anstieg in Bensberg bei Rund um Köln ist dagegen eine entspannte Regenerationsfahrt. Vor mir werfen einige Mitstreiter krachend ihre Kette auf größere Ritzel, andere ziehen den Hindernisparcours völlig entspannt hoch und nehmen mir hier locker eine Minute ab. Das sind die Marken: Hügelig, steil und immer für eine Überraschung gut. Deswegen aber auch wunderschön, und am Stadttor gibt es frisches Wasser für alle. Wenn nur die Straßen nicht so unterirdisch schlecht wären.

Irgendwann rückt das Meer so nah, dass das Rennen bald zu Ende sein muss. Im Sturzflug fällt unsere Gruppe in Riccione ein, und ich freue mich auf meine Familie, die gleich am Straßenrand stehen wird. Denke ich zu diesem Zeitpunkt zumindest noch. Mental bereite ich mich daher auf den Sprint meines Lebens vor, denn zu meinen bisherigen Rennen konnte mich nie jemand begleiten und ich würde ja gerne mal zeigen, wie gut es bei mir rollt. Ein wenig irritiert mich jetzt, dass der Rest der Gruppe plötzlich so tut, als wäre das Rennen nach der nächsten Kurve zu Ende. Es geht doch noch zwei Kilometer wei… Doch nicht. Linkskurve. Bahnunterführung. Zielstrich. Verdammt.

Ziel
Ein wenig wie ein Group Ride auf Zwift: Im (gut 500 Meter vorverlegten) Ziel tragen fast alle das gleiche Trikot.

Alexia, die Nummer 46 mit ihren zwei Kettenhunden, ist immerhin Zweite bei den Damen geworden. Für mich reicht es nur für den 116. Platz insgesamt bzw. den 25. in meiner Altersklasse. Dennoch ein wunderbares Rennen, weil ich trotz der Hitze für meine Verhältnisse ganz ordentlich die Berge hochgekommen bin, hinauf nach Mondaino sogar einiges gut machen konnte und nicht wie in Köln hinterhältig von bösen Krämpfen heimgesucht wurde.

Nach dem Ziel
Fertig. Meine Mädels jubeln mir zu. Leider 500 Meter nach dem Ziel. Selber schuld, ich hatte das falsche GPX-File, und da lag das Ziel weiter hinten an der Strandpromenade.

Und Marco?

Marco Pantani in Cesenatico
Marco Pantani in Cesenatico. Er macht einen ziemlich gleichgültigen Eindruck. Oder ist er hier zugekokst dargestellt?
Ehrentafel
Marcos Ehrentafel. Verständlicherweise ohne ein konkretes Wort über die Todesursache.

Der steht heute in Cesenatico, wendet dem Meer den Rücken zu und blickt einigermaßen gleichgültig gen Westen in die Hügel der Emilia Romagna. So richtig gut getroffen hat der Künstler ihn nicht, finde ich.

Immerhin stehen die Ohren ein wenig ab.

 

1 Kommentar zu “Gregario

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