lebenslänglich

Familienglück

Es gibt Städte in Deutschland, die für mich „Achtziger“ sind. Das ist ein bisschen unfair, weil natürlich an diesen Orten die Zeit auch nicht spurlos vorbeigegangen ist. Trotzdem würde ich mich nicht wundern, wenn heute dort im Kino Eddie Murphy im „Prinz aus Zamunda“ käme und die Väter mit Langhaarfrisuren und mehr oder weniger gepflegten Schnauzbärten herumlaufen würden. Ich erkläre mir dass damit, dass ich diese Plätze als Kind hin und wieder mal im Urlaub besucht habe. Und wenn ich heute wieder dort bin, fühlt es sich jedes mal ein bisschen so an als wäre ich wieder klein.

Cuxhaven ist so ein Ort. In einigen Siedlungen zwischen Sahlenburg und Otterndorf hat sich wirklich wenig verändert, auch wenn sich zwischen Alter Liebe und Duhnen das Bild gewandelt hat. Für unsere Familie war Cuxhaven häufig ein Ferienziel. Selten in den Sommerferien, weil das einfach zu teuer war. Meist eher zu Ostern oder im Herbst, eine Woche im Haus Atlantic in der Strandhausallee, direkt gegenüber vom Trampolin-Paradies und mit Blick auf die Döser Strandhalle.

Nur mit meiner ambivalenten Zuneigung zu diesem Kurort und einem in dem Alter dauerhaft erhöhten Testosteronspiegel kann ich mir im Nachhinein erklären, wie sich 1996 auf der Geburtstagsfeier meines Vaters diese folgenschwere Unterhaltung ergab:

„Eigentlich müssten wir mal zusammen richtig weit irgendwo hin mit dem Rad fahren“, meinte ich zu meinem Bruder Jens und nahm noch einen Schluck Herforder aus der bauchigen Flasche. Es war nicht mein erstes Bier an dem Abend, und eigentlich wollte ich mich vor meinem Bruder nur ein wenig wichtig tun. Auf meinem Rennrad hatte ich schon seit Jahren nicht mehr gesessen, und in Berlin hatten mir irgendwelche undankbaren Geister zum zweiten mal mein Mountainbike geklaut. Ich war also gänzlich untrainiert.

„Wie – weit? Moskau? Peking?“, wollte er wissen. Der Hang zu klaren Formulierungen und der Umgang mit Hyperbeln war bei ihm schon immer sehr ausgeprägt.

„Ne, mehr sowas am Stück“, meinte ich. „Was langes, so für einen Tag. Moskau nicht.“

„München“, meinte Stefan, der Freund meiner Schwester. Verdammt, ich hatte gar nicht gesehen, dass er neben Jens stand und somit Zeuge meines unüberlegten Anflugs von Arroganz geworden war. Er war früher auch Radrennen gefahren.

„Am Stück? Quatsch!“, musste ich sofort kontern. Das war nun wirklich ein bisschen zu viel. Im Ford Scorpio meines Vaters lag ein Aral-Atlas, den ich bei Pausen immer gerne durchgeblättert hatte. Da war in der Städtematrix im hinteren Einband für Hannover-München die Entfernung von 630 km angegeben. Nicht an einem Tag machbar, das wäre sogar zuviel für eine Woche gewesen. Auch wenn es von Vlotho aus vielleicht ein paar Kilometer kürzer gewesen wäre.

„Berlin. Was haltet ihr von Berlin?“ Da hätte ich zumindest in gewisser Weise einen Heimvorteil.

„Vergiss es!“ Jens winkte ab. „Alles voller Kopfsteinpflaster dahin!“

Er hatte Recht. Wir waren ein paar Jahre zuvor in Forst an der Grenze zu Polen gewesen, um dort mit seiner Software ein Radrennen auszuwerten. In meiner Erinnerung sind wir damals ab Helmstedt über Kopfsteinpflaster gefahren. Das hatte die Stoßdämpfer von Mutters Golf I arg in Mitleidenschaft gezogen.

Ich nahm noch einen tiefen Schluck aus der Herforder-Flasche, unterdrückte einen Rülpser und warf die nächste unmöglich weit entfernte Stadt in die Runde. Damit rechnend, dass der Vorschlag auch abgelehnt werden würde und wir uns allmählich an machbare Entfernungen herantasten würden:

„Cuxhaven.“

Kurze Pause. Jens nippte nachdenklich an seinem Mineralwasser. Stefan grinste und schaute zu Jens.
Das war so nicht eingeplant, ich hatte mit einem lautstarken Veto gerechnet.

„Könnte klappen“, meinte Jens. Das sind gut 220 km. Ich weiß das, weil ich 1987 allein mit meinem Rad und einer Übernachtung in der Jugendherberge in Bremen unserem Familienurlaub vorausgefahren bin.

„Ihr seid bekloppt“, grinste Stefan. Sein Blick fiel auf meinen sechs Jahre jüngeren Bruder Philipp, der sich gerade zu uns gesellt hatte. „Da mache ich nur mit, wenn Philipp auch dabei ist.“ Stefan war sich sicher, dass die Sache für ihn damit erledigt wäre. War sie aber nicht.

„Cuxhaven? Bin dabei!“, ließ uns Philipp wissen. Ich war mir nicht sicher, ob er wusste, dass wir da mit dem Rad am Stück hinfahren wollten. Fragte aber lieber nicht nach, weil Stefans Gesicht jetzt so wunderbar überrascht aussah.

„Abgemacht“, meinte ich. „Dann muss Vater aber auch noch mit.“

Wir müssen ein absonderliches Bild abgegeben haben, morgens um kurz nach fünf an einem Juni-Tag im Jahr 1996 auf unseren in die Jahre gekommen Rennrädern. Mein Vater auf seinem sicher 15 Jahre alten Nardelli, daneben Jens auf seinem roten Enik-Stahlrahmen. Stefan und Philipp hatten Wort gehalten und waren auch dabei. 1996 war der Bremsschaltgriff schon ein paar Jahre Standard, aber selbst mein oversized Alu-Rahmen von Müsing hatte immer noch Rahmenschalthebel. Am Bauch kniff das Trikot etwas, das musste wohl eingelaufen sein. Als Gruppe passten wir perfekt zu unserem Ziel Cuxhaven: Nicht mehr modern, funktionierte aber noch.


Eine der möglichen Routen von Vlotho nach Cuxhaven. Die direkte Google-Empfehlung ist – wie meistens bei Google – nutzlos.

Von Vlotho aus fährt man ein ganzes Stück immer an der Weser Richtung Norden. Bis zur Nordsee legt man vielleicht 200 Höhenmeter zurück, und die kommen fast ausschließlich durch die Brücken zusammen, die immer wieder über den Fluss führen. Aus heutiger Sicht eine machbare Herausforderung, mein Streckenrekord bewegte sich damals aber nur um 160 km, lag schon etliche Jahre zurück und ich hatte keine Ahnung, ob mein Körper das mitmachen würde. Um meine zweifelsohne vorhandenen körperlichen Defizite zu kaschieren, bereitete ich meine Mitstreiter in den Tagen vorher auf einen harten Kampf vor, den sie zweifelsohne verlieren würden. Für mich war klar, dass wir diese Fahrt nicht zum Vergnügen machten, sondern um den Gewinner am Ortsschild von Cuxhaven zu küren. Sofern da außer mir noch jemand übrig bleiben würde. Ganz ernst meinte ich meine Sprüche nicht, aber im Kern halfen sie mir doch, mich mental vorzubereiten. Folgenlos blieb das nicht: Kurz nach Petershagen gingen Jens und Stefan in die Führung, wurden immer langsamer und fummelten an ihren Windjacken herum. Das Ausziehen von Oberteilen während der Fahrt will gelernt sein, und die beiden gaben von hinten kein sicheres Bild ab. Ich ließ mich etwas zurückfallen, um nicht Opfer eines Fahrfehlers zu werden. Als ich wieder aufschloss, traute ich meinen Augen nicht. Die beiden trugen T-Shirts, auf die sie mit Lackstift auf der Rückseite meine ambitionierten Sprüche festgehalten hatten. Jens trug den Spruch „Egal ob rechts oder links rum, irgendwann ist die Schraube ab.“, Stefan hatte sich „100, 200 oder 300 km? Egal!“ auf den Rücken geschrieben. Die beiden fanden das sehr lustig.

Mein Bruder Philipp stieg etwa bei Kilometer 80 in den geliehenen Bulli um, der mit meiner Schwester und meiner Mutter besetzt war. Sie warteten etwa alle 50 Kilometer mit einem kleinen Radfahrerbuffet auf uns, und die Treffpunkte vereinbarten wir bei jedem Treffen neu. Es ging auch ohne WhatsApp. Nach beachtlichen 180 Kilometern stieg mein Vater aus und überließ uns dem immer stärker werdenden Wind. Genau genommen überließ er mir den Wind, denn Jens und Stefan hängten sich für gut 40 Kilometer hinten rein. Ich war nicht mehr schnell, aber es war auch nicht mehr weit. Ich würde das schaffen.

Mit vor dem Wind gesenktem Haupt stampfte ich Cuxhaven entgegen, meine beiden Mitstreiter im Schlepptau. Und so kam es zu einem folgenschweren Fehler, der noch heute auf jeder Familienfeier zum Besten gegeben wird: Ich übersah das Ortsschild von Cuxhaven-Altenwalde. Erst fünfzehn Meter vor dem gelben Verkehrszeichen schoss Stefan an mir vorbei, ein letztes Aufbäumen seiner arg in Mitleidenschaft gezogenen Muskeln unmittelbar vor dem Exitus. Ich war chancenlos, auf 15 Metern gab es kein Vorbeikommen mehr. Stefan gewann den Ortsschildsprint von Cuxhaven mit einer halben Radlänge vor Jens, und ich musste mich mit dem beschämenden dritten Platz zufrieden geben. Hätte mir klar sein müssen, dass die Beiden die letzten 40 Kilometer nur hinten drauflagen, um mir hier eine verletzende Niederlage beizufügen.

Die Familienfahrt nach Cuxhaven gehört mit zu den schönsten Erinnerungen an das Radfahren. Das an Stefan verlorene Ortsschild tut heute auch nur noch ein bisschen weh.

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