lebenslänglich

Falschfahrer

„Da hast Du Deinen Vorsprung ja gut ausgenutzt“, sagte er und klopfte mir auf die Schulter. Ein bisschen mehr Enthusiasmus hatte ich nach meinem fulminanten Sieg schon erwartet. Aber wir sind Ostwestfalen, da ist nicht geschimpft genug gelobt.

„Welchen Vorsprung?“, wollte ich wissen, immer noch unter Atemnot vom gerade gewonnen Sprint leidend.

„Na, die 90 Sekunden.“

„90 Sekunden?“ Ich hatte keine Idee, wovon der Mann sprach.

„Der Wettkampfausschuss hat Dir 90 Sekunden Vorsprung gegeben, weil Du der Jüngste im Rennen warst. Und Ines, weil sie das einzige Mädchen war.“

„Anderthalb Minuten?“ Das war für ein Rennen über nur eine Runde und mit einer Länge von nur knapp zwei Kilometern eine ganze Menge. Kein Wunder, dass uns niemand eingeholt hatte. Das ließ den Sieg gar nicht mehr ganz so heldenhaft aussehen. Aber egal: Ich hatte gewonnen, und den ersten Platz konnte mir niemand nehmen!

Schloß Neuhaus im Herbst 1984. Ich war elf Jahre alt und hatte eben mein erstes Anfängerrennen gefahren. Mein erstes Radrennen überhaupt. Eigentlich hatte ich gerade zum ersten mal in meinem Leben einigermaßen ernsthaft Sport getrieben.

„Hat Jens Dich nicht überholt?“, wollte mein Vater wissen.

Jens ist mein großer Bruder, knappe vier Jahre älter und an diesem Tag in der gleichen Anfängerklasse wie ich gestartet. Ins richtige Verhältnis gesetzt sind 90 Sekunden Vorsprung dann doch wieder nicht so viel.

„Nein. Der muss ja hinter mir gewesen sein. Der ist nicht an mir vorbeigekommen.“

Meinem Bruder Jens habe ich es wohl zu verdanken, dass ich überhaupt an einem Anfängerrennen teilgenommen habe. Und noch heute Rennrad fahre. Mein Vater stand im Frühling 1984 mit einem gebrauchten Nardelli vor der Haustür. Grün, mit gelbem Schriftzug und weißem Lenkerband. Campagnolo Delta-Bremsen, silbrig-glänzende Mavic-Hochflanschfelgen und Suntour-Schalthebel am Unterrohr. Zwei mal fünf Gänge, weniger als halb so viele wie ein modernes Rennrad heute hat. Die Kassette, die damals noch keine war, hatte fünf Ritzel und wog dafür sicher das Dreifache einer aktuellen 11-fach Dura Ace. Ich konnte nur im Stehen auf dem Nardelli fahren, und selbst dann stieß ich bei jedem Tritt mit dem Steißbein auf das Oberrohr. Bremsen war quasi unmöglich, so weit konnte ich nicht nach vorne greifen. Ich war voller Ehrfurcht.

Das Rad hatte mein Vater für sich gekauft, aber Jens fuhr regelmäßig damit. Ihm war es nur knapp zwei Nummern zu groß. Und nun war er damit im gleichen Anfängerrennen wie ich gestartet, nur wurde mir das Glück des Spätergeborenen zu teil und ihm nicht. Ich bekam zusammen mit Ines 90 Sekunden Vorsprung, er nicht.

„Jens hat gleich Vollgas gegeben“, meinte mein Vater, während er angestrengt die Zielgerade runterschaute. Noch immer kamen Nachzügler auf BMX-Rädern und Straßenfahrrädern mit Licht und Schutzblechen ins Ziel. Ich glaube, es war sogar ein Bonanza-Rad dabei. Von Jens auf dem grünen Nardelli aber keine Spur.

„Der hätte Dich eigentlich noch einholen müssen, so schnell war der. Er hatte sofort einen Riesenvorsprung zu den anderen.“

Na gut. Jetzt war ich sicher, dass ich den Sieg eigentlich nicht verdient hatte. Jens wäre also trotz des mir gewährten und äußerst großzügig bemessenen Vorsprungs schneller gewesen als ich. Wenn er denn nur alles richtig gemacht hätte. Hatte er aber offenbar nicht. Wo blieb er nur?

Mein Vater lief mittlerweile besorgt die Zielgerade herunter, den letzten Nachzüglern entgegen. Und gerade als er an die Todeskurve kam, schoss Jens auf seinem Rad mit verzerrtem Gesicht um die Ecke. Er wurde zwar nicht Letzter, aber ich glaube, er hat die Urkunde von diesem Wettkampf nicht aufgehoben.

Was war ihm nur passiert?

Ein zugegeben spärlich beklebtes Vorausfahrzeug bei einem Radrennen in Remscheid, etwa 1989. Im Hintergrund sieht man das Fahrerfeld.

In jedem besseren Rundstreckenrennen gibt es ein Vorausfahrzeug, meist von einem lokalen Autohändler gestellt und mehr oder weniger reichlich mit Reklame beklebt. Das gab es auch beim Anfängerrennen in Schloß Neuhaus. Die Streckenposten an der zweiten Kurve hatten das Auto, Nadine und mich gesehen und uns die Richtung gewiesen – und dann kam knappe 90 Sekunden lang nichts. Als sich Jens als Dritter mit etwas Vorsprung vor dem restlichen Feld ohne Vorausfahrzeug der Kurve näherte, war den Ordnern wohl nicht klar, dass da noch ein Rennen läuft. Und mein großer Bruder fuhr an der Kurve einfach mit Karacho geradeaus, runter von der Rennstrecke und rein ins Wohngebiet. Als sich aber das größere Feld näherte, waren die Ordner wieder pflichtbewusst bei der Sache und leiteten die Fahrer korrekterweise um die Kurve. Nur der eigentliche Dritte und potenzielle spätere Sieger Jens irrte hilflos durch die Siedlung mit ihren akkurat geschnittenen Koniferen und fragte sich, was hier wohl gerade passiert war. Bei einem kleinen Rundstreckenrennen im herbstlichen Ostwestfalen merkt man nämlich nicht unbedingt sofort, dass man nicht mehr auf dem richtigen Kurs ist. Das war nicht das Finale der Tour auf der Champs-Élysées, und außer in der Todeskurve und am Ziel gab es kaum Zuschauer. Mein Bruder brauchte einige Minuten, um zurück zum Rennen zu finden. Auf die knapp zwei Kilometer hätte er die 90 Sekunden zu Nadine und mir sicher locker aufholen können – wenn er denn nur auf der Strecke geblieben wäre.

Wir fahren heute noch gerne gemeinsam Rennrad, wann immer wir die Zeit dafür finden. Über Schloß Neuhaus 1984 spricht er aber nicht so gerne.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.