lebenslänglich

Digitalisierung

Messen, zählen, informieren: Noch in den 90ern waren das die wesentlichen Aufgaben eines Fahrradtachos. Heute können die Geräte viel mehr – und sind doch nur ein Endgerät in der Radsport-Cloud. Portale wie Runtastic, Endomondo oder Strava ermöglichen in Kombination mit einem entsprechenden Device ein bewussteres Training und einen „sozialisierten“ Radsport.

Vor allem Strava bedient die grundlegensten Triebe von Radsportlern:

  • Die Schaffung einer (zum Teil virtuellen) Konkurrenz
  • Benchmarks mit anderen Radsportlern aus meiner Peer-Group
  • Die Möglichkeit zur Selbstdarstellung (mit beliebiger Intensität)

Unabhängig vom Persönlichkeitsprofil kann sich hier jeder Radsportler wiederfinden, der kein Problem damit hat, seine Trainingsdaten in der Cloud zu speichern. Und das geht schon in der kostenlosen Basisversion, die sich als geheim gehaltenes Trainingstagesbuch ebenso gut einsetzen lässt wie als probates Werkzeug zur Selbstdarstellung. Zumindest zeugt davon die hohe Selfie-Dichte in einigen Accounts, bei denen ich mich als Follower eingetragen habe.

Der Erfolg von Strava fußt vor allem auf den Segmenten, die jeder Benutzer beliebig einrichten kann, sowie den damit einhergehenden Bestenlisten bis zu Krönung des King bzw. der Queen of Mountain (KOM bzw. QOM). Ein Segment ist ein beliebiges, in der digitalen Karte markiertes Stück Straße, z.B. der Anstieg auf einen Pass. Nachdem man es definiert hat, werden alle Benutzer, die es gefahren sind, automatisch mit ihrer Bestzeit in die Bestenliste eingetragen. Die Anlage der Segmente nimmt mittlerweile aberwitzige Formen an, wie z.B. bei der Auffahrt nach Alpe d’Huez: Da bietet Strava über 20 davon an, und man muss schon genau hinschauen, um sich das richtige Segment auf sein Device zu laden.

Segmente bei Strava in der Auffart zur Alpe d’Huez. Vor der Übertragung an das eigenen Device muss man genau hinschauen, damit man auch das richtige Segment erwischt. Nicht, dass man noch versehentlich nur die Holländerkurve (Kehre 7) oder die Abfahrt mitnimmt.

Dann aber macht es richtig Spaß: Kurz vor dem Start kündigt der Tacho das Segment an und zeigt dann – bei guten Geräten – den Rückstand zum KOM und die geschätzte eigene Gesamtzeit für das Segment an. Ist man das Stück schon einmal gefahren, wird auch die eigene Bestzeit als Benchmark herangezogen.

Möglich geworden ist das alles erst, weil sich auch der Radsport digitalisiert hat und sich noch weiter digitalisieren wird. Vielleicht werden irgendwann an den wichtigsten Segmenten, z.B. an der Auffahrt zum Mt. Ventoux oder anderen ähnlich beliebten Passstraßen, Displays stehen, auf denen in Echtzeit die Strava-Helden des Tages, des Jahres und die dauerhafte Bestenliste abzulesen sind. Möglich wäre das schon heute. Und lustig wäre es auch.

1984 war das noch anders. Trainingskilometer habe ich in den ersten Jahren überhaupt nicht aufgeschrieben, und wenn mich jemand gefragt hat, habe ich sie grob geschätzt. Von mir zu Hause in Vlotho zum „Kasten“ in Herford, dem Treffpunkt des Schüler- und Jugendtrainings von Endspurt Herford, waren es ungefähr 16 Kilometer, was ich aber nur aus diversen Autofahrten wusste. Mein erster Kilometerzähler war dann eine große Errungenschaft, auch wenn er alles andere als genau war: Der Sachs Huret Multito.

Sachs Huret Multito. Oben die auf zwei Kommastellen genauen Tageskilometer, darunter die Gesamtkilometer. Das Ding ging ungefähr so genau wie die Kuckucksuhr in der Küche meiner Großeltern. Mit dem Rädchen ließen sich die Tageskilometer auf Null zurückdrehen, dabei knackte es immer ganz wunderschön, wenn die nächste Zahl einrastete. Ein haptisches Erlebnis.

Er würde rechts an der Gabel kurz über den Ausfallenden angebracht und über ein kleines Gummiband angetrieben. Das Laufrad wurde mit einer entsprechenden Aufnahme für das Gummiband versehen, und die gab es für 26- und 28-Zoll-Laufräder. Damit konnte ich viel besser als vorher die zurückgelegten Kilometer festhalten, aber das Ding war dennoch sehr ungenau. Durch den Retro-Trend gibt es heute wieder einen Markt für die kleinen, grauen Plastikkästchen, die Hipster stehen ja auf so analoge Gadgets (warum eigentlich? Ich betrachte mein GPS als einen unverzichtbaren Gewinn an Freizeitqualität. Aber ich wickele mir ja auch keine Fahrradreifen um die Schulter, nur weil man das früher mal so gemacht hat. Die Hipster-Welle und das ganze Back-to-the-Roots-Gehabe sind mir suspekt).

Der nächste Schritt wurde immerhin schon elektronisch. Den KwH Ciclomaster II bekam ich etwa 1987 ans Rad, und er war eine echte Offenbarung.

KwH Ciclomaster II – der meistverkaufte Radcomputer Ende der 1980er Jahre. Mit Anschlussmöglichkeit für Trittfrequenzsensor und einen vollkommen ungenauen Höhenmesser.

Mit ihm konnte ich endlich nicht nur die gefahrene Strecke, sondern auch Zeit und Durchschnitt messen. Über einen Magneten in den Speichen und eine verkabelte Aufnahme an der Gabel wurde das Signal zum abnehmbaren Tacho geschickt. Der Ciclomaster war der erste Tacho, bei dem man den Radradius einstellen konnte. Wenn ich den Tacho über den Set-Knopf in den Einstellmodus gebracht hatte, blinkte vor mir das kleine schwarze „r“ und dahinter eine vierstellige Zahl. Aus unerfindlichen Gründen passte der eingestellte Radius nie zur Wirklichkeit, obwohl ich zum Justieren viele Runden auf der 400-Meter-Tartanbahn unserer Schule verbracht hatte.

Kriterium in Bad Salzuflen 1990. 4. Platz – letzter in dieser Spitzengruppe, weil mir in der vorletzten Runde in genau dieser Kurve der Vorderreifen platzen musste. Lag aber nicht am Ciclomaster, den man auf diesem Bild leider nicht wirklich erkennen kann.

Der Ciclomaster II mit seinem Nachfolgemodell IIA war Ende der 1980er bei den Radsportlern der meistbenutzte Computer. Es gab damals kaum Alternativen, K.W. Hochschorner (heute ciclosport) war der einzig ernstzunehmende Anbieter. Da der II das Signal vom Radmagneten direkt abtasten konnte, konnte man ihn auch an der Gabel montieren und kam so ohne zusätzliche Kabel aus. Dafür brauchte man allerdings Adleraugen, um die Zahlen in der Fahrt ablesen zu können. Und mutig musste man sein, denn der Griff zur Gabel in voller Fahrt erforderte schon einiges an fahrerischem Können.

HAC4 von ciclosport (ehem. K.W. Hochschorner)

Mit dem HAC4 – wieder von Hochschorner – kam das erste Gerät auf den Markt, das Herzfrequenz über Funk und Höhenmeter messen und dazu alle Daten verlässlich aufzeichnen konnte – wenn nicht Regenwasser das kleine Loch für den barometrischen Höhenmesser verstopfte. Außerdem ließ sich die zurückgelegte Strecke noch nicht aufzeichnen, denn GPS-Geräte waren um die Jahrtausendwende noch unfassbar teuer und klobig. Als ich mir den blau-schwarz-roten HAC 2001 an das MTB schraubte, gab es zwar schon Konkurrenzmodelle von anderen Marken, aber zumindest bei den Mountainbikern hatte sich der HAC4 durchgesetzt. Die Auswertung war immer noch recht schwierig, man musste dafür den HAC in ein Interface einrasten lassen und konnte die Daten über HACtronic und die COM-Schnittstelle auslesen. Immerhin konnte die Software die Daten schon schön in einem Graph darstellen – das war eindrucksvoller als jedes manuell geführte Trainingsbuch. Und durch das Klettarmband war sie Multisport-fähig, ich konnte damit also auch laufen oder wandern gehen.

Die volle Packung: HAC4 im klassischen blau-rot-schwarz mit Klettarmband und Lenkeraufnahme, Kontaktnehmer für die Gabel und HACtronic Interface zum Auslesen der Daten.

Jede Auswertung bedurfte aber einer guten Viertelstunde manueller Nachbearbeitung, da gab es also noch einiges an Potenzial. Aber mit etwas Aufwand ließen sich schon adäquate Höhenprofile erstellen, wie z.B. auf der Transalp 2002 von Oberstdorf zum Gardasee.

Ein kleiner Ausrutscher in der Geschichte der Radcomputer war gegen 2004 der NavTronic, ein großer Bruder vom HAC. Man konnte ihn mit einem Touren-Chip füttern und bekam dann Abbiegehinweise anhand der zurückgelegten Entfernung. Allerdings hatte das Gerät kein GPS, und wenn man sich einmal verfahren hatte, gab der NavTronic komplett nutzlose Weganweisungen von sich und man musste die Tour mühselig neu justieren. Eine Fehlentwicklung, denn die Consumer GPS-Geräte waren zu der Zeit bereits kleiner und günstiger geworden.

Mein nächster Quantensprung hatte dann endlich GPS. 2007 waren die ersten Geräte von Garmin und sicher auch von anderen Herstellern so weit, dass sie bei akzeptabler Größe zuverlässig funktionierten. Klar, das hätte man alles schon früher haben können, aber ich bin eben kein First-Mover.

Mein Edge 705 nach Rund um Köln 2015. Zwei Seiten mit Datenfeldern ließen sich individuell konfigurieren, hier die Seite mit den wichtigsten Daten zur Strecke.
Topographische Karte beim Edge 705, zum Rennradfahren eher ungeeignet. Der Satfix beim Einschalten des Edge braucht gute 30 Sekunden, das Zoomen in dieser Karte ungefähr das Gleiche. Aber was erduldet man nicht alles für eine farbenfrohe Karte!

Mit dem Edge 705 konnte ich vorab eine Tour planen und musste nicht mehr an jeder dritten Kreuzung die alten Kompasskarten aus der Trikottasche friemeln. Das farbige Display war zwar furchtbar lahm und verbrauchte viel Strom, aber die Vorteile überwogen für mich. Als Daten-Junkie war es das reinste Vergnügen, nach einer Fahrt das GPX zu exportieren und sich die Daten genauer anzeigen zu lassen. Der Edge 705 hatte noch kein WiFi und kein Bluetooth, und mit weiteren Devices wie Brustgurt oder Trittfrequenzmesser kommunizierte er nur über ANT+. Das aber funktionierte viel zuverlässiger als noch beim HAC. Nur um die geplante Tour zu übertragen und zum Auslesen musste man ihn immer noch an den PC oder Mac anschließen. Größtes Manko war aber das Investment in die Karten, die nach kurzer Zeit schon veraltet waren.

Nach langer Lektüre bei einem der größten Rennrad-Influencer unseres Universums (Euphemisten nennen ihn freundlicher Markenbotschafter) entschied ich mich 2017 für ein neues Gerät. Der von DC Rainmaker empfohlene Wahoo Element Bolt beglückt mich seitdem bei jeder Ausfahrt. Und das nicht, weil man durch seine windschnittige Halterung 3 Watt spart – sondern weil das sehr kompakte Gerät alles hat, was man braucht. Aber nicht mehr.

Die Karte auf dem Wahoo Element Bolt in schwarz-weiß. Wer braucht schon Farbe, bei dem Kontrast? Leider klappt es bis heute nicht, die Karte nordweisend auszurichten.

Ich plane heute meine Touren mit Komoot, weil es dort einfach die zuverlässigsten Karten fürs Rennradfahren gibt. Weitaus besser als Google Maps, vor allem für Europa und insbesondere Deutschland durch OpenStreetMap immer absolut aktuell. Mit der Wahoo App auf meinem Smartphone übertrage ich eine in Komoot geplante Tour mit nur wenigen Klicks auf den Bolt und kann starten. Der Satfix braucht nur wenige Sekunden, ich kann meine auf Ebay günstig erworbene Wattmesskurbel Stages integrieren und zum Ende der Tour lädt der Bolt über mein Handy die Tour direkt hoch zu Strava.

Wahoo Element Bolt mit “Höhenseite”. Unten das Profil der ganzen Ausfahrt.
Hübsche Segmentübersicht auf dem Bolt. Ist aber ein ganzes Stück von zu Hause bis zum Tatzelwurm.

Das alles ist schon deutlich komfortabler, schneller und günstiger als mit dem alten Edge. Mit ein paar Unzulänglichkeiten muss ich mich dennoch zufrieden geben: Die Nordweisung auf der Karte funktioniert leider immer noch nicht, und sobald man seine vorgegebene Route verlässt, schickt einen das Gerät nicht zurück oder plant die Tour um. Das muss man dann kurz auf dem mitgeführten Smartphone machen – ist aber auch kein Problem. Bisher bin ich mit dem Bolt wirklich zufrieden, wenn ich von dem kleinen Aussetzer auf dem Weg zum Gardasee absehe.

Fazit: Ehrlich gesagt war das Fahren ganz ohne Tacho ein wenig entspannter. Die Kilometer spielten früher kaum eine Rolle, da man sie nur anhand der Trainingsbücher vergleichen konnte. Und trotzdem will ich heute nicht mehr ohne den Bolt oder ein vergleichbares Gerät fahren. Die gewonnen Daten und das anschließende Analysieren der Fahrt auf Strava beim Bierchen nach der Tour macht dafür einfach zu viel Spaß.

 

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2 Kommentare zu “Digitalisierung

  1. Ich will den Sachs Huret Multito! Ok – ich fotografiere auch analog… verschicke noch ganz klassisch Postkarten… Da schreit das Rad ja nach dem Sachs Huret Multito ;-D

    Aber mal im Ernst: Kannst du einem ambitionierten Einsteiger in die Welt des Radelns, einen erschwinglichen Computer fürs Rad empfehlen oder verraten, worauf man (Frau) achten sollte?

    goede rit,
    Sandra

    1. Das Angebot ist ja riesig, und die Frage ist, welche Eigenschaften Dir am wichtigsten sind. Ich würde heute nicht mehr auf ein GPS verzichten wollen, damit sind die Tchibo-Tachos schon mal raus 🙂 Die nächste Frage ist dann, ob Dir eine topographisch verlässliche Karte wichtig ist, oder ob Du Dich vorrangig auf Teer bewegen wirst. Und dann musst Du entscheiden, ob Du eine Strava-Integration mit Live-Segmenten brauchst, oder ob das für Dich Spielerei ist (für mich ja nicht :-).
      Wenn Du topographische Karten brauchst, könntest Du hiermit glücklich werden: https://buy.garmin.com/de-DE/DE/p/561299 – das ist aber nur ein Beispiel, da gibt es natürlich auch andere Hersteller. Das ist sozusagen das Einstiegsmodell, mit dem Du nichts falsch machst. Das Gerät gibt es manchmal auch gebraucht zu guten Preisen bei ebay Kleinanzeigen .

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