lebenslänglich

Chinakohle

Nachdem ich im ersten Versuch durch Selbstverschulden auf die Nase gefallen bin, soll es beim zweiten mal ja nun besser klappen. Dieses mal informiere ich mich dann doch etwas intensiver, lese mehr Reviews und lege auch meine Scheu vor Alibaba ab. Versand und Handling haben mit haidelibikes ja prima geklappt, und die sind auch auf Alibaba vertreten. Der freundliche Eddy, mein Herstellerkontakt beim ersten Kauf und der mit chinesischem Namen sicherlich ganz anders heißt, ist mir natürlich ob meines Zweitkaufs freundlich verbunden. Er weiß ja auch noch nicht, dass ich die gelbe Kröte mit dem knubbeligen Tretlager wieder zurückschicken werde. Tatsächlich hat haidelibikes eine einigermaßen funktionierende Website, und tatsächlich finde ich da eine Replika vom Cipollini-Rahmen. Hammer! Mir ist schon klar, dass es sich dabei nicht um das Original handelt, aber bei etwa einem Achtel des Preises werde ich dann schwach. Es handelt sich um einen 2017er Restposten (behauptet Eddy), und er macht mir ein unwiderstehliches Angebot. Über Alibaba, und ich sage ja.

Eddy bietet mir erneut den „safe way without customs for only 90 Euro extra“ an, aber ich weiß ja nun wie es geht. Ich bitte ihn, die Original-Rechnung draußen ans Paket zu kleben und nicht irgendein Geschwafel von „no commercial value“ draufzupinseln, denn das glaubt beim deutschen Zoll sowieso niemand. Eddy tut wie verlangt, und tatsächlich steht nach nur 14 Tagen der Mann von DHL Express vor meiner Haustür mit dem Cipollini-Nachbau im Pappkarton. Erst will er aber noch Geld sehen. Ich hatte vorab überschlagen, wo ich mit der EUSt und den Gebühren von DHL für den Einfuhrzoll landen müsste. Die Summe, die der Mann in der gelb-roten Weste vor mir aufruft, liegt etliche Euro darunter, daher wird wohl alles passen. Bar hätte er es gerne, ich bekomme noch den Steuerbescheid und weg ist er wieder. Erst später sehe ich, dass DHL mir keine Handling-Gebühren berechnet hat, ich aber sehr wohl Einfuhrzoll zahlen musste. Aufgrund des bestehenden Kontingents hätte die Einfuhr kostenlos sein müssen, daher werde ich gegen den Steuerbescheid Einspruch einlegen. Das geht ja genau so wie beim Einkommensteuerbescheid, bei dem man ja für gewöhnlich auch jedes Jahr Einspruch einlegt.

So sieht ein Paket aus, wenn es vom Zoll kommt.
So sieht ein Paket aus, wenn es vom Zoll kommt.

Und dieses mal passt alles: Der Rahmen sieht wundervoll aus, das vornehme schwarz ist viel zurückhaltender als das bissige gelb. Mit etwas Abstand sieht der Rahmen wirklich so aus wie ein Cipollini, aber er stammt definitv nicht aus der gleichen Werkstatt. Dafür gibt es doch zu viele Ungenauigkeiten. Als ich mit einem Rohrschneider den Gabelschaft kürze, stoße ich auf dem letzten Millimeter auf eine nicht ganz sauber gelegte Schicht.

Stunde der Wahrheit: Zu weit unten abgeschnitten ist wie beim Frisör zu weit oben abgeschnitten: Wenn einmal ab geht's nicht mehr dran...
Stunde der Wahrheit: Zu weit unten abgeschnitten ist wie beim Frisör zu weit oben abgeschnitten: Wenn einmal ab geht’s nicht mehr dran…

Es scheint mir aber nicht sicherheitsrelevant zu sein, der Rohrschneider ist ja auch nicht das ideale Werkzeug zum Kürzen eines Carbonschafts. Anschließend streiche ich die Schnittfläche mit ausgedientem Nagellack meiner Frau ein, damit das Carbon dort nicht ausfastert. Unvorstellbar, dass sie sich dieses glitzernde Blau mal auf die Fingernägel gepinselt haben soll.

Eine andere Schwachstelle ist die Zugführung unterhalb des Tretlagers. Unter der abschraubbaren Kappe blicke ich nicht auf eine Führung aus Kunststoff, sondern auf nacktes Carbon. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis die zum Teil strammen Züge für vorderen und hinteren Umwerfer sich selbständig ins Tretlager verlegen. Ich löse das mit zwei Linern, die ich an dieser Stelle über die Züge schiebe, und hoffe inständig, dass das möglichst lange hält. Auffällig ist auch, dass die Schrauben der Zugführungen nicht aus Edelstahl sind. Beim ersten Rost werde ich sie wohl ersetzen, am besten durch schwarze Schrauben. Auffällig auch, dass für Brems- und Schaltzüge universelle Zughülsen verwendet werden. Das sieht dann beim hinteren Schaltwerk alles andere als aerodynamisch aus:

Nicht schön: Da würde eigentlich eine Hülse mit flacherem Winkel hingehören, damit der Zug nicht so weit absteht.
Nicht schön: Da würde eigentlich eine Hülse mit flacherem Winkel hingehören, damit der Zug nicht so weit absteht.

Davon abgesehen ist es aber ein wirklich wunderschönes Rad geworden. Schwarz ist doch einfach edel, und die neue Dura Ace R-9100 passt perfekt dazu. Understatement ist das nicht mehr, aber eben auch kein Overstatement. Ich mag sowas ja.

China-Rahmen mit High-End-Komponenten
China-Rahmen mit High-End-Komponenten. Ja, der Flaschenhalter ist hier noch falsch herum montiert.

 

Das Herzstück: Antrieb mit Dura Ace R9100. Ohne Power, denn die...
Das Herzstück: Antrieb mit Dura Ace R9100. Ohne Power, denn die…

 

...greife ich auf der anderen Seite mit einer Stages-Kurbel ab.
…greife ich auf der anderen Seite mit einer Stages-Kurbel ab. Vielleicht hätte ich die Fotos nicht nach, sondern vor der ersten Fahrt machen sollen.

 

Wenn Dura Ace, dann auch Kéo Blade. Woebi die 16er schon bretthart auslösen. 12 wäre besser gewesen.
Wenn Dura Ace, dann auch Kéo Blade. Woebi die 16er schon bretthart auslösen. 12 wäre besser gewesen.

 

Sehr schön, sehr genau: Das Schaltwerk im Heck
Sehr schön, sehr genau: Das Dura Ace R9100-Schaltwerk im Heck

 

Der Pfannenwender mit Vorbau aus der ersten Bestellung findet in diesem Rad endlich seine Verwendung. So richtig schön ist er nicht, und was bringt mir das ganze Aero-Geraffel, wenn der Computer so exponiert darüber thront. Da muss ich noch was besseres finden. Tatsächlich lässt der Lenker sich aber auch in der oberen Position ganz gut greifen.
Der Pfannenwender mit Vorbau aus der ersten Bestellung findet in diesem Rad endlich seine Verwendung. So richtig schön ist er nicht, und was bringt mir das ganze Aero-Geraffel, wenn der Computer so exponiert darüber thront. Da muss ich noch was besseres finden. Tatsächlich lässt der Lenker sich aber auch in der oberen Position ganz gut greifen.

 

Wunderschöne Linienführung an der Gabel, auch wenn man jeden Fingerabdruck sieht. Die Innensechskantmutter für den Bolzen der Bremse war zu kurz, da musste ich die passende Länge besorgen. Hier kann man sehen warum: Oben wird die Gabel einfach sehr wuchtig.
Wunderschöne Linienführung an der Gabel, auch wenn man jeden Fingerabdruck sieht. Die Innensechskantmutter für den Bolzen der Bremse war zu kurz, da musste ich die passende Länge besorgen. Hier kann man sehen warum: Oben wird die Gabel einfach sehr wuchtig.

 

Etwas unflexible Sattelstütze, sehr schwierig einzustellen und bockhart. Zumindest Letzteres wollte ich so.

 

Man achte darauf, wie das gelbe Lenkerband mit den Swissstop-Bremsschuhen harmoniert.
Man achte darauf, wie das gelbe Lenkerband mit den Swissstop-Bremsschuhen harmoniert.

 

Elite Custom Flaschenhalter: Kein schönes Gerät. Auch wenn ich das Ding bis zum Hinweis eines Lesers falsch herum montiert hatte: Richtig gut nutzbar ist das Teil nicht, ich bekomme die Flasche immer nur schwierig aus dem Halter.
Elite Custom Flaschenhalter: Kein schönes Gerät. Auch wenn ich das Ding bis zum Hinweis eines Lesers falsch herum montiert hatte: Richtig gut nutzbar ist das Teil nicht, ich bekomme die Flasche immer nur schwierig aus dem Halter.

 

Schön gelöst: Versenkter Sattelbolzen mit Klemmung
Schön gelöst: Versenkter Sattelbolzen mit Klemmung

Und hat sich das Ganze nun gelohnt? Bin ich damit schneller, weil das Rad so viel härter ist? Läuft es runder auf dem Turbo?

Die Antwort ist: Jein. Die ungewohnte Sitzposition mit deutlicher Sattelüberhöhung trägt vermutlich mehr zum Aero-Charakter bei als alles andere. Die verbauten Mavic Cosmic Carbon Pro SL kommen mir – im Verhältnis zu meinen Alus auf dem Roubaix – sehr weich vor. Der erste Test auf dem Turbo verlief unspektakulär: Immerhin konnte ich alle Intervallle wie geplant fahren, aber das ist ja mehr eine Frage der Wattzahl als des Rades. Microbursts waren noch nicht dabei. Auf der Straße offenbart sich auf längeren Geraden dann aber doch das Potenzial. Auf einem meiner meist befahrenen Segmente (Hofoldinger Forst Süd-Nord) habe ich gegenüber meinem Roubaix über eine Minuten rausgeholt, aber das kann auch am Rückenwind, der Motivation oder dem Dollar-Wechselkurs liegen. Für eine brauchbare Auswertung müsste man wohl alle äußeren Faktoren eliminieren, und einen Windkanal habe ich gerade nicht zur Hand.

Kein Fliegengewicht - aber mit unter 7,5kg auch nicht furchtbar schwer.
Kein Fliegengewicht – aber mit unter 7,5kg auch nicht furchtbar schwer.

Macht aber nix – denn eins steht fest: Das Rad ist härter, mach Spaß und fährt sich ein wenig agressiver. Nichts für Zehnstundenfahrten, aber dafür ist es ja auch nicht gemacht.

Ergänzung im August 2018: Die Mavic Cosmic Felgen hatten kaum Seitenstabilität. Bei jedem einigermaßen ernsten Antritt schliff die Bremsflanke des Hinterrads an den gelben Bremsgummis, und so etwas macht mich verrückt. Vor allem an längeren Anstiegen im Wiegetritt hatte ich das Gefühl, dass mich das wirklich Leistung kostet.
Die Mavics sind den deutlich leichteren Leeze CT.38 gewichen, einem Carbonlaufradsatz aus dem Münsterland in dunkler „Stealth-Optik“. Das Minus an Gewicht auf nur noch 6,84 kg (das sind merh als 600g) habe ich mir zum einen durch einen leicht höheren Preis erkauft, zum anderen aber durch den Umstieg von Draht- auf Schlauchreifen, die ich seit meiner Jugend nicht mehr gefahren bin. Nach gut 1.000 km auf den Leeze behaupte ich, dass das Fahrverhalten deutlich angenehmer als mit den Mavics ist. Ich bin kein Laufradtester, bin mit der Kombi aber sehr zufrieden. Das mag auch an den aufgezogenen Conti Competition liegen, die erstklassig rollen. Den ersten Platten hatte ich auch schon, allerdings über Nacht zu Hause: Offenbar hatte sich auf dem letzten Stück auf dem Home Stretch irgendein böser Fremdkörper in den Reifen gebohrt. Sehen konnte ich nichts, also habe ich das Rad einfach wieder auf sieben Bar gebracht, zehnmal gedreht – und der Platten war dank der vorab eingefüllten Dichtmilch behoben. Sehr schön.
Mavic Carbonräder kommen mir nicht mehr ans Rad.

 

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10 Kommentare zu “Chinakohle

  1. Hi Niklas,
    danke für die Infos / Erfahrungsberichte zum China-Carbonrahmen!
    Bzgl. des Problems mit der rutschenden Sattelstütze bei diesem Design bist/ warst du nicht der einzige (das sind dann so Konstruktionssachen,da kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Wieso baut man sowas einfach weiter in einem Design das -zumindest out-of-the-box- nicht richtig funktioniert?)…
    Er hier hat jedenfalls auch etliches probiert, die Lösung: ne Kunststofffolie zwischenlegen – vermutl. PE, vielleicht isses auch PU:
    https://www.youtube.com/watch?v=pu9n_isRZaM (ab ca. Minute 15)
    … in seinem Falle war’s die Kunststoffverpackung von einem Bettlaken, ich würde solch eine Verpackung ansonsten aber eher bei Schwimmflügeln oder Klarsichtbereichen von wiederverwendbaren Verpackungen wie für nen Lenkdrachen oder Strandspielzeug erwarten. Also nicht so hart wie Blister, sondern eher etwas „weich & schmierig“ (wie P_utz E_imer eben ..)

    BG
    Fori

  2. Hi Niklas,
    bin gerade auf deinen Blog gestoßen.
    Schön geschrieben ich habe diesen Rahmen auch schon in diesem China Shop gesehen 🙂
    Wie ist denn deine Erfahrung nach ein paar Monaten?

    LG Michael

    1. Hallo Michael,
      mit dem Rahmen bin ich bisher absolut zufrieden. Mir steht ja kein Testlabor zur Verfügung, aber ich kann von meinem subjektiven Gefühl berichten: Nichts knarzt, der Rahmen ist relativ steif und bisher habe ich keine Risse oder andere Probleme entdeckt. Ein paar Punkte gibt es aber doch:
      1. Du musst ein oder zwei Mini-Spacer über dem oberen Kugellager des Steuerkopfs einlegen, sonst drückt die Schale auf dem Rahmen und Du kannst nicht lenken. Das ist soweit nicht ungewöhnlich, aber ich brauchte etwas länger, um das Problem zu verstehen.
      2. Die Arretierung der Sattelstütze ist Mist. Mir ist die Stütze schon zwei mal in voller Fahrt runtergerutscht. Wenn ich sie zu fest andrehe, habe ich aber Sorge, dass ich das Carbon eindrücke. Das lässt sich aber sicher lösen.
      3. Die Schrauben für die Rahmendurchführungen der Züge sind nicht aus Edelstahl. Nicht schön, aber die kann man ja ersetzen.
      4. Unter dem Tretlager fehlte leider die Zugführung, das schrieb ich ja im Text

      Die Probleme lagen eher bei den Laufrädern. Mit den Leeze ist das ein richtig schnelles Rad geworden. Obwohl ich bei langen Fahrten bergauf mit meinen 2014er Roubaix immer noch besser klar komme. In leicht kupiertem Gelände ist das China-Produkt aber ein tolles Gerät.

      1. Danke für deine Antwort Niklas, hatte die ganze zeit vergessen mal wieder ein zu schauen.
        Könnetst du mir mal einen Link geben wo ich den rahmen noch bekommen könnte?

        Wünsche dir schöne Ostertage 🙂

  3. Bin durch Zufall auf deinen Blog aufmerksam geworden und find ihn gut geschrieben. Der Chinaaufbau ist gut gelungen
    Ein Glück hast du das gelbe Elend zurück gegeben 😉

    Tipp zum Flaschenhalter der is falsch rum montiert

    1. Danke für den Tipp zum Flaschenhalter, das ist mir echt nicht aufgefallen 🙂 Dann drehe ich den mal um.
      Kleiner Nachtrag zur Rücksendung: Das Rahmen ist heute in Shenzen durch den Zoll gegangen. Ich bin gespannt, ob er denn nun doch noch bei Haideli ankommt.

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