lebenslänglich

Chinaflopp

Strava ist schuld. Genaugenommen sind es Stravas Segmente, die mich immer wieder mal um den Schlaf bringen. Stravas Erfolg beruht zu großen Teilen auf der Idee, die geteerte Welt durch die eigenen Benutzer in Segmente teilen zu lassen. Da passiert auch viel Unsinn, aber mit ein wenig Erfahrung und Stravas Segment-Explorer lassen sich die guten Strecken dann doch recht einfach finden.

Neben den wirklich berühmten Segmenten, bei denen ich mit viel Fleiß vielleicht mal in die Top 20% (ja, Prozent, nicht Top 20) fahren kann, finde ich natürlich die vor der eigenen Haustür am interessantesten, weil ich mich dort immer wieder mit mir selbst messen kann. Und mit anderen. Und mir vielleicht sogar mal ein Krönchen verdienen kann, weil ich unter die Top 10 komme. Ich bin da ziemlich einfach gestrickt, mich motiviert sowas bis in die Pedalplatten. Das nimmt dann auch mal moralisch zumindest fragliche Formen an, wie z.B. bei einem Segment direkt vor meiner Haustür: 700 Meter flach durch eine 30er-Zone im Wohngebiet. Das ist nutzlos und gefährlich, und ich bin das Stück extra sonntagmorgens um kurz nach sieben gefahren. Verprochen: Wenn mir den KOM (das ist der King of Mountain, das Krönchen für den Segmentschnellsten) jemand abnimmt, hole ich ihn mir nicht wieder. So was sollte man gar nicht erst anlegen, damit schwache Charaktere wie ich gar nicht erst in Versuchung kommen.

Es geht also auch darum, bei den Lieblings-Segmenten mit zunehmendem Training schneller zu werden. Dafür muss man trainieren, ich viel, andere vielleicht weniger. Den Körper optimieren, also vielleicht auch leichter werden, die Haltung verbessern, an der Trittfrequenz arbeiten – was man eben so macht. Und wenn am eigenen Körper vermeintlich nichts mehr geht, dann ist da ja immer noch das Material, das man optimieren kann. Und ehrlich gesagt: Das macht mir mehr Spaß, als den eigenen Körper zu verbessern. Und es ist auch viel einfacher. Meistens aber auch teurer.

Hinzu kam während des Winters auf meinem Turbo (so heißen die Rollentrainer auf Englisch, ich fahre einen Tacx Neo), dass mein Roubaix bauartbedingt enorm flexte. Zumindest war das mein Eindruck, vor allem bei Microbursts (das sind kleine, aber harte Sprints von 10-20 Sekunden). Ich hatte enorme Probleme, kurzzeitig über 500 Watt auf die Kurbel zu bringen. Unter mir fühlte sich der Rahmen so an, als würde ich auf einem Wipptier im Sandkasten sitzen. Die Elastomer-Einsätzte am Hinterbau und in der Gabel und die Schwanenhals-Sattelstütze erfüllen auf Kopfsteinpflaster wirklich vorbildlich ihren Zweck – auf dem Turbo sind sie aber echte Energieverschwender.

Nach dem Rollentraining mit TrainerRoad auf dem Tacx in Wackeldackelhaltung verbrachte ich die sich anschließenden Winterabende daher immer öfter mit dem iPad auf dem Schoß: Was würde denn Sinn machen, und was wird das kosten? Meist unmittelbar gefolgt von blanker Ernüchterung: Für das aktuelle Tarmac Frameset (also nur Rahmen, Gabel und Sattelstütze) ruft Specialized mal eben über 3.000 Euro auf, und Canyon ist mit Aeroad und Ultimate nicht weit davon entfernt. Das gleiche gilt für fast alle anderen Hersteller, und in der Variante Komplettrad sind meist irgendwelche Sachen verbaut, die ich mir nicht ans eigene Rad schrauben würde. Ein Venge wäre auch nicht schlecht, oder ein Cipollini. Geiler Rahmen! Aber alles out-of-range, vor allem als Zweitrad. Und das alles nur um bei einem Strava-Segment zwei Sekunden besser zu werden? Das ist ja kompletter Blödsinn.

Ist es natürlich nicht. Wenn ich einmal von so einer kruden Idee infiziert bin, lässt mich sowas ja nicht mehr los. Und ich schraube für mein Leben gern am Rennrad rum, ein Komplettrad wäre da Quatsch. Ich will ja keinen Schrauber dafür bezahlen, damit er den Spaß hat, den ich beim Zusammenbau umsonst haben kann. Und hatte ich nicht 2015 schon mal einen Crosser auf Chinarahmenbasis zusammengeschraubt? Durchaus erfolgreich, das Zusmamenschrauben zumindest, auch wenn ich das Rad heute nicht mehr habe. Der Rahmen war zu groß. Und Cyclocross nix für mich.

Also mal geschaut, was Alibaba so hergibt. Aber bei Alibaba bestellen? Bei der hemmungslosesten Produktpiraterie-Plattform unseres Universums? Dann könnte ich nicht mehr mit gutem Gewissen darüber jammern, dass die Chinesen uns unsere deutschen Technologien unter dem Hintern wegkaufen. Also erst einmal bei Ebay geschaut. Da würde ich auch mein Geld zurück bekommen, wenn irgendwas schief gehen würde. Es liegen ja ein paar Kilometer zwischen Ottobrunn und Guangzho, da kann so einem Rahmen ja viel passieren. Oder die Gabel passt nicht, oder der Rahmen hat einen Riss oder ich bekomme nur das Bild von einem Rahmen geschickt oder was weiß ich. Und lieber etwas mehr investieren, ich will damit ja bei der Abfahrt vom Spitzingsattel bei Tempo 80 nicht in der Leitplanke enden, das Teil soll mich artig wieder nach Hause bringen. Am liebsten der Nachbau von einem grundsoliden, bekannten Rahmen. Guter Plan!

Warum es dann dieses Ding geworden ist, ist mir bis heute ein Rätsel:

Hier hätte ich es erkennen können: Das Gehäuse rund um das Tretlager macht einen komischen Eindruck. Man achte auch auf die professionell ausgerichtete Sattelstütze.
Hier hätte ich es erkennen können: Das Gehäuse rund um das Tretlager macht einen komischen Eindruck. Man achte auch auf die professionell ausgerichtete Sattelstütze.

Irgendwie hatte ich wohl nachts um halb drei bei der Recherche etwas den Faden verloren, vielleicht musste ich dringend auf den Pott oder dem iPad ging der Strom aus – offenbar nicht ganz bei Sinnen orderte ich auf Ebay bei haidelibikes dieses doch wohl ganz offensichtlich misslungene Stück mehrfach gewickelten Kohlenstoffs. Für unfassbare 550 Euro. Nachträglich kann ich mir das nur so erklären: Das geringe Gewicht war zu verführerisch.

Nicht zu viel versprochen: Es passt alles.
Nicht zu viel versprochen: Leicht ist der Rahmen wirklich.

Keine 800 Gramm für den Rahmen, das ist schon ein super Wert. Zumindest solange einem das Teil beim Antritt nicht in zwei oder mehr Teile zerbricht (denn mit gebrochenen Rahmen haben wir ja schon so unsere Erfahrung gemacht). Und – hey – haideli gewährt ja zwei Jahre Garantie, dann kann doch praktisch nichts mehr schief gehen. Einen Aero-Lenker für 35 Euro habe ich gleich noch mitgeordert. Der sieht von oben eher so aus wie ein Pfannenwender mit Vorbau, aber bei dem Preis kann man ja nicht so viel falsch machen.

Halt! An dieser Stelle fühlt sich der informierte Leser natürlich dazu berufen, die ganzen versteckten Nebenkosten ins Feld zu führen: Der Zoll, die Einfuhrumsatzsteuer, die Gebühren von DHL. Und was ist, wenn wirklich mal der Garantiefall eintritt? Das ist doch total riskant!

Riskant ist der Rahmen selbst. Wer weiß schon, welchen Fünfjahresplan die Formenleger bei haidelibikes zu erfüllen hatten und wie nachlässig sie das Ding wirklich in die Backformen gelegt haben. Um das zu wissen, müsste ich ihn durchsägen. Dann wäre ich schlauer. Oder bei Canyon scannen lassen, aber das machen die wohl nur mit Rädern der eigenen Marke. Mit dem Risiko muss ich also leben, und jede Kritik daran ist berechtigt. Ich fahre nicht gleich am ersten Tag mit dem Rad den Gotthard runter, aber vor echten Produktfehlern bin ich nicht gefeit. Und die Haftungsfrage ist in so einem Fall ja auch keine. Also ja: Der Rahmen ist riskant. Die direkten Folgekosten sind aber überschaubar und sehr genau kalkulierbar, denn durch ein Freikontingent von jährlich 304.000 Stück Carbonrahmen aus China zur Einfuhr in die EU ist selbige zollfrei. Kein Anti-Dumping-Zoll, keine 4,7% – nichts! Voraussetzung ist, dass bei der Verzollung die richtige TARIC-Nummer angegeben wird, und dafür muss man selber sorgen. Korrekt ist die Nummer 8714 91 10 21 0. Festgelegt ist das alles in der COUNCIL REGULATION (EU) 2016/2389 vom 19. Dezember 2016, auf der letzten Seite finden sich die Carbonrahmen aus China mit ihrer Kontingent-Größe. Genaugenommen sind Fahrradrahmen und -gabel zwei Produkte, aber beim Zoll wird beides meist als ein Warengegenstand betrachtet. Außerdem entfällt der Zoll auch bei der Carbongabel. Nicht entfallen tut hingegen die Einfuhrumsatzsteuer (EUSt) von 19% – um die kommt man nicht herum, und das ist ja auch fair.

Im "Werk", kurz vor dem Versand
Im Werk

Der Hersteller bot mir an, den Rahmen für einen Aufpreis von 90 Euro über einen „special way with no tax or customs obligations“ zu schicken, aber das fand ich dann doch sehr windig. Und wozu, denn schließlich ist er ja eh zollfrei. Weiß nur kaum einer. Auch die wirklich freundlichen Leute beim Zollamt in Garching nicht, bei denen ich nach nur 10 Tagen Versanddauer den Rahmen abholen konnte. DHL hatte mir zuhause eine Karte hinterlassen, auf der der Dienstleister mir mit Bedauern mitteilen musste, dass es bei der Zollabwicklung zu Unregelmäßigkeiten gekommen sei und ich den Rahmen daher leider persönlich in Garching abholen müsse. Denn auf der außen auf dem Paket angebrachten Rechnung war wohl verzeichnet, dass es sich um ein „Gift of no commercial value“ handeln würde und symbolisch 100 Euro anzusetzen wären. Natürlich geht sowas nicht durch den Zoll.

Freitagmittag hatte ich die Mitteilung im Kasten, Freitagnachmittag stand ich verhandlungstaktisch günstig 30 Minuten vor Dienstschluss am Schalter und musste den Mitarbeiter vom Zoll davon überzeugen, dass die Einfuhr (von der EUSt abgesehen) wirklichwirklich kostenlos sei. Der war sich sicher, dass das TARIC-Kontingent nur für gewerbliche Anbieter gelte, und ich war mir sicher, dass das nicht so wäre. Um zwei vor Dienstschluss schaltete er schließlich seinen Chef ein, der nach überraschend kurzer Recherche zu dem Ergebnis kam, dass die Einfuhr auch für mich tatsächlich kostenlos sei. Nur die EUSt müsse ich zahlen. Na also, geht doch!

Zuhause war dann quasi Weihnachten, Fahrradsachen auspacken ist ja immer was Feines. Und das kam dabei heraus:

Ui, wie aufregend…

 

Alles gut verpackt: Aero-Lenker, Headset, Gabel und Sattelstütze.
…und alles gut verpackt: Aero-Lenker, Headset, Gabel und Sattelstütze…

 

Leuchtendes gelb - aber das Tretlager fällt irgendwie sehr klobig aus, der Rest der Rohre sieht nicht so vertrauenserweckend aus.
…und ja, das leuchtende gelb hatte ich bestellt. Aber das Tretlager sieht so wurstig aus. Mist. Hatte ich das echt bestellt? Hatte ich, ja…

Und dann stand ich da. Hatte den Rahmen relativ günstig bekommen, ihn gut durch den Zoll gebracht – und dann sieht er irgendwie gar nicht mehr „bold“ aus, sondern ziemlich blöd. Das Tretlager klobig, der Rest im Verhältnis zu filigran. Hatte ich das vorher nicht gesehen? Offenbar nicht. Ratlosigkeit. Große Ratlosigkeit. Hatte mich mein sonst doch einigermaßen verlässliche Schnäppchen-Instinkt da verlassen? Ganz sicher, ja.

Bisher bin ich meine nicht mehr gebrauchten Radfahrklotten immer gut auf Ebay-Kleinanzeigen losgeworden. Aber würde so einen Noname-Rahmen jemand kaufen? Ich räumte mir einige Tage Frist ein, um zu überlegen, was ich mit der Produkthavarie anstellen sollte. Und habe sie am letzten möglichen Tag zurück nach China geschickt. Ist ja Ebay, da habe ich Rückgaberecht. Das ging auch alles reibungslos, am 16. Mai 2018 habe ich den Rahmen aufgegeben, zwei Tage später war er durch den Ausfuhrzoll – und liegt seit dem 24.5. beim chinesischen Einfuhrzoll. Ohne das irgendetwas passiert, oder zumindest ohne dass ich wüsste, dass etwas passiert. Und wenn doch mal etwas passieren sollte, werde ich das hier ergänzen. (ergänzt am 27.6.2018) Vorgestern hat sich China Post endlich bemüßigt gesehen, den Rahmen an den Hersteller auszuliefern. Offenbar ist es aber die erste Rücksendung, die sie jemals bekommen haben, denn Eddy wusste gar nicht, was er nun machen muss. Dummerweise hat er mir das Geld so per Paypal zurücktransferiert, dass ich eine beträchtliche Summe Commission zahlen musste. Aber so what – mit EUSt, Rücksendeporto und Commission habe ich knappe 100 Euro Lehrgeld bezahlt. Passiert mir trotzdem hoffentlich nicht wieder. Ganz konsequent wäre gewesen, mir auch die EUSt erstatten zu lassen. Ehrlich gesagt: Ich habe nicht verstanden, wie das genau funktioniert, ohne mir Konten in irgendwelchen der 372 dubiosen Zollsystem anlegen zu müssen. Das hake ich unter „Lehrgeld“ ab. Beim nächsten mal bestelle ich einen Rahmen lieber, wenn ich nicht dringend auf den Pott muss.

Und das nächste mal sollte ja jetzt sein.

Sofort!

Lies hier, wie es weiter geht.

 

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4 Kommentare zu “Chinaflopp

  1. Hey,

    super Beitrag, toll geschrieben!
    Ich hätte eine Frage zur TARIC-Nummer,
    deklarieren die Leute in China das Paket mit der TARIC Nummer? Oder wie entfällt dann der anitdumping Zoll?
    Würde mich über eine Antwort freuen!

    Sportliche Grüße

    1. Hallo Horst,
      die TARIC-Nummern gelten im Zollbereich der EU, die asiatischen Produzenten interessieren sich nicht dafür. An sich gibt es nur zwei Möglichkeiten:

      1. Du hoffst, dass der deutsche Paketdienstleister (für gewöhnlich DHL) die Verzollung vornimmt. Das kann klappen, wenn außen auf dem Paket eine Rechnung angebracht ist, aus der der genaue Inhalt und der Preis inkl. Versand zu erkennen sind. DHL liefert das Paket dann aus, und Du musst vor Übergabe wie bei Nachnahme bezahlen. Der Paketbote übergibt Dir dann auch den Steuerbescheid. Wurden dort Fehler gemacht, kannst Du den binnen zwei Wochen anfechten, z.B. unter Verweis auf die TARIC-Nummer.

      2. Bei der anderen Variante klebt nichts auf dem Paket, oder so ein Unsinn wie „Specimen of no commercial value“. Da wird jeder bessere Zollbeamte zu recht skeptisch. Dann bekommst Du nur eine Benachrichtigung per Post und Du musst das Paket selber beim Zollamt abholen und verzollen. Du bringst die Rechnungen und Paypal-Kopien mit und das Paket wird gemeinsam beim Zoll geöffnet. Vorteil: Wenn sie das Produkt mit der falschen TARIC-Nummer versehen wollen, kannst Du gleich vor Ort Einspruch einlegen.

      Wichtig noch: Prüf vorher, ob die Gesetzgebung noch gilt und ob das Kontingent nicht schon ausgeschöpft wurde. Und alles natürlich ohne Gewähr und Garantie, ich bin ja kein Logistiker 🙂
      Niklas

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