lebenslänglich

Bergpreis

Angefangen hatte das alles wohl mit der ersten Austragung des Vlothoer Bergpreises im Spätsommer 1984. Ich saß da noch mit meinen Playmobil-Sachen und meinem kleinen Bruder im Sandkasten, fand Sport grundsätzlich langweilig und konnte so einem Radrennen rein gar nichts abgewinnen. Die meisten Einwohner von Vlotho wohl auch nicht, deswegen hatte der ausrichtende Verein RC Olympia Bünde ein Bürgerrennen ausgeschrieben. Daran konnte jeder teilnehmen, der sich ohne umzukippen auf einem Fahrrad fortbewegen konnte.

WA Wagen am Ziel in Vlotho 1984

Die Resonanz war überwältigend, und in den letzten Wochen vor dem ersten Bergrpreis war das Rennen für „normale Menschen“ das wichtigste Thema in den beiden Vlothoer Gazetten, die es in den Achtzigern noch gab. Über 100 Anmeldungen registrierte der Veranstalter, obwohl der Rundkurs alles andere als einfach war. Vlotho ist ein kleiner Luftkurort zwischen Minden und Bielefeld im Ravensberger Land. Die Gegend zeichnet sich vor allem durch Hügel und Steigungen aus, und so war der Name „Bergpreis“ vollkommen gerechtfertigt: Auf einer Strecke von fünf Kilometern auf zum Teil engen Straßen mussten 100 Höhenmeter zurückgelegt werden. Während das Bürgerrennen nur über eine Runde ging, mussten sich die Amateure 20 mal über den Bonneberg quälen. Das waren in Summe immerhin 2.000 Höhenmeter, und der Vlothoer Bergpreis gehörte damit zu den schwersten Rundstreckenrennen in Norddeutschland.

Blick vom Ziel den Berg hinauf – eine absurde Streckenführung

In den ersten drei Jahren war die Streckenführung aus heutiger Sicht vollkommen idiotisch: Das Ziel befand sich am Ende der Abfahrt auf einer Straße mit knapp 10% Gefälle. Wer diesen Rundkurs geplant hat, muss ordentlich einen im Tee gehabt haben, denn ein Sprint bergab mit Tempo 70 oder 80 ist lebensgefährlich. Das war aber noch nicht alles: Um den Zuschauern ordentlich was zu bieten, lag 50 Meter nach dem abfallenden Zielhang eine 90-Grad-Kurve. Hier kam es vorhersehbar andauernd zu Unfällen, und die aufgestapelten Heuballen konnten nur das Schlimmste verhindern. Matthias Steckstor, Sieger des Juniorenrennens 1985 und später ein Vereinskollege von mir, rauschte nach seinem Sieg nahezu ungebremst in den Heuballenhaufen. Wie durch ein Wunder kam er unverletzt davon, aber sein Unfall hatte Konsequenzen: Ab 1986 wurde die Runde leicht verändert und andersherum gefahren.

Neue Streckenführung mit Ziel nach ca. 200m Steigung
Neue Streckenführung mit Ziel nach ca. 200m Steigung (Foto: Martin Janik)

Noch heute wollen Radsport-Events von der Sensationslust bei gefährlichen Abfahrten profitieren. Da plante doch 2017 der Veranstalter des Giro d’Italia zur 100. Austragung tatsächlich eine Wertung für den schnellsten Abfahrer einzuführen, zu der es nach Protesten der Profis glücklicherweise nicht kam.

Damals eines der schwersten Rundstreckenrennen in Norddeutschland: Der Vlothoer Bergpreis. Hier ein Zeitungsausschnitt des Vlothoer Tageblatts vom 26.08.1991.

Während ich also noch im Sandkasten saß, hatte sich mein großer Bruder Jens vom Radsportfieber in unserem Ort anstecken lassen. Völlig klar, dass er beim Bürgerrennen dabei sein musste – aber ohne ein auch nur ansatzweise sportliches Rad wäre er vollkommen chancenlos. Und außerdem musste man mindestens 18 Jahre alt sein, um teilnehmen zu dürfen. Dann hatte er eine Idee.

Meine Eltern hatten sich Mitte der 1970er ein Tandem gekauft. Ein rotes Hercules, mit Trommelbremsen und Torpedo-Dreigangnabenschaltung. Höllisch schwer und nicht für den Einsatz in bergigem Gelände gedacht, allerhöchstens zum Cruisen am Deich. Was nur bedingt am hohen Gewicht lag: Die Trommelbremsen verloren schon auf kurzen Abfahrten so schnell an Leistung, dass Fahrer und Mitfahrer andauernd Pause machen mussten, um die Bremsen abkühlen zu lassen. Außerdem fraß sich regelmäßig der Rücktritt fest. Für den Einsatz in Vlotho war das Rad dadurch technisch ganz sicher nicht geeignet.

Das rote Tandem mit Torpedo Dreigangschaltung, Rücktrittbremse und Trommelbremse vorn. Hinter dem vorderen Lenker mein Kindersitz – so sah das damals aus, und einen Helm gab es nicht. Rechts der Tandempilot von 1984.

Aber: Damit könnte mein Bruder trotz der Unterschreitung der Altersgrenze am Rennen teilnehmen! Damit würde er quasi außer Konkurrenz fahren, aber doch ordentlich auffallen. Denn das Tandem war in den autofreundlichen Achtzigern ein absoluter Exot. Anders als heute, wo vom Einrad über Hundetransporter bis zum S-Pedelec alles mögliche auf den Straßen unterwegs ist, was irgendwie wie ein Fahrrad aussieht.

Stellte sich noch die Frage nach dem Co-Piloten. Wer auf dem Tandem hinten sitzt, muss sehr leidensfähig sein. Vor allem wenn mein Bruder vorne sitzt, weil er die Regeln der Physik mit diesem Rad meistens voll ausgereizt hat. Ich weiß das, weil wir später einen Winter lang gelegentlich mit dem Tandem von Vlotho zum Hallentraining nach Herford gefahren sind. 17 Kilometer hin, 17 zurück. Auf dem Rückweg hatten wir eine längere Abfahrt im Dunkeln zu bewältigen, von Schwarzenmoor nach Exter, auf der ich uns bei fast jeder Fahrt im Straßengraben sah. Auf dem hinteren Sattel erliegt man immer wieder der Versuchung, mitzulenken oder das Gewicht entgegengesetzt zum Piloten zu verlagern. Was zur Folge hat, dass der Pilot sich noch mehr in die Kurve legt, um das Gegengewicht auszugleichen. Ein sich verstärkender Albtraum. Aber ein windgeschützter Albtraum.

Programmheft vom Vlothoer Bergpreis 1991

Als Co-Pilot musste man also vor allem kräftig und am besten blind sein. Risikofreude hilft auch enorm, schließlich legt man sein Schicksal in die Hände des Fahrers. Und wer eignete sich da besser als meine Mutter? Vermutlich mein Vater, aber im Bürgerrennen wurde auch noch der Preis für die schnellste Frau Vlothos ausgerufen, und das hätte er dann doch nicht geschafft. Wir hatten keine Ahnung, ob der Wettkampfausschuss das Tandem disqualifizieren würde, aber mein Bruder hatte die Bedingungen studiert und kam zu dem Schluss, dass der Einsatz regelkonform wäre. Beim ausrichtenden Verein hatte ganz sicher nie jemand an ein Tandem gedacht. Meine Mutter war begeistert von der Idee, mit meinem Bruder Jens gemeinsam anzutreten. Ich kann mich noch daran erinnern, dass die beiden vorher wirklich ein wenig zusammen trainiert haben. Natürlich zusammen, alleine macht es auf dem Tandem ja keinen Sinn.

Es gab noch eine schnellere Frau – sie wurde aber wegen unlauterem Mitteleinsatz disqualifiziert. Das hier ist der Nachweis.

Am Renntag, einem herrlichen Sonntag kurz nach den Sommerferien, war die Innenstadt voll. So etwas hatte es in unserer kleinen Stadt noch nie gegeben. Im Start-Ziel-Bereich drängelten sich die Zuschauer, vor allem an der Zielausgangskurve gab es keinen freien Platz mehr. Das Bürgerrennen war der absolute Publikumsmagnet und startete kurz nach dem Mittag vor den Amateuren. Wie bei einem Anfängerrennen waren alle Fahrradtypen vom BMX-Rad bis zum Profirenner vertreten. Und auch ein rotes Tandem. Helme waren nicht Pflicht, der ein oder andere trug eine Schirmmütze oder ein Stirnband aus Frottee. Bei der Streckenführung ist es ein Wunder, dass in diesem Rennen mit einem Haufen unerfahrener, testosterondurchsättigter Teilnehmer nicht ein einziger schwerer Unfall passiert ist.

Siegerehrung beim ersten Bürgerrennen in Vlotho. In der Mitte die schnellste Frau Vlothos.

Meine Mutter und mein Bruder behaupteten anschließend, sie hätten bergauf alle Frauen überholt und bergab sowieso niemanden vorbeigelassen. Dass sie auf der Abfahrt mit knapp 140 Kilo Gesamtgewicht und mehr oder weniger nicht funktionierenden Bremsen ganz weit vorne waren, fand ich schon damals überzeugend. Dass sie aber auf dem Anstieg zum Bonneberg noch jemanden überholt haben, kann ich mir heute noch nicht vorstellen. Jens und meine Mutter wurden die schnellste Frau Vlothos. Es gibt ein Foto davon in der Zeitung. Es zeigt die beiden in voller Fahrt bei der Zielankunft, meine Mutter hat da tatsächlich die Augen auf. Sie war schon immer eine tapfere Frau.

 

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