Lebenslänglich?

lebenslänglich

Lebenslänglich?

Radsport.

Natürlich gibt es auch noch andere Sportarten, aber wer Rennrad fährt, hat echte Leidenschaft eigentlich nur für diesen einen Sport. Da bleibt nicht mehr viel Platz für anderes. Fußball? Macht doch jeder, und ganz oben geht es nur noch um Millionengehälter. Tennis? Hat nach der Nummer in der Besenkammer nie mehr zu alter Stärke zurückfinden können. Marathonlaufen? Dafür muss man zumindest ähnlich masochistisch veranlagt wie für den Radsport sein, ist aber lange nicht so emotionsgeladen.

1988. Auf dem Kopf ein Georges Sorrel Sturzring und an den Füßen Puma-Rennschuhe mit Holzsohle.

Wobei man den Eindruck gewinnen könnte, dass das Ansehen des Profiradsports in den letzten Jahren durch diverse Doping-Affären arg in Mitleidenschaft gezogen wurde. Und das, obwohl die Verdienstmöglichkeiten – von wenigen Spitzenverdienern abgesehen – um ein Vielfaches geringer als zum Beispiel beim Fußball sind. Für die Höhe der Prämie eines Tagessiegs bei der Tour de France würde ein echter Profifußballer nicht mal zur Autogrammstunde beim nächsten Möbelladen kommen. Kein anderer Sport war in den letzten Jahren so von Skandalen, Verfehlungen, vermeintlich Geläuterten und Wiederholungstätern gezeichnet. Ein Sport mit tiefen Emotionen und noch tiefer Gefallenen. Aber auch mit offenbar wirklich sauberen Sportlern, die den neuen Radsport glaubhaft leben. Die abnehmenden Durchschnittsgeschwindigkeiten vergleichbarer Etappen z.B. bei der Tour de France sind ein Zeugnis davon. Es wird immer Einzelne geben, die sich in Versuchung bringen lasen, aber insgesamt ist der Radsport sicher sauberer geworden. Und um Doping soll es hier ja gar nicht gehen.
Denn neben dem Profigeschäft steht der offenbar unerschütterliche Breitensport, dem die Skandale der letzten Jahre offenbar gar nichts anhaben konnten. Im Gegenteil, seit gut einem Jahrzehnt erlebt das Fahrrad und damit auch der Radsport einen bisher nicht dagewesenen Aufschwung.

Dreiländergiro 2007

1984. Die Gremlins kommen ins Kino, Waldsterben ist das Wort des Jahres und die Olympiade in Los Angeles findet ohne die sozialistischen Länder statt. Ich bin 1984 elf Jahre alt und sitze zum ersten mal auf einem Rennrad. Fast ungewollt und vor allem ungeeignet, denn auch mit viel Wohlwollen habe ich keine radsportaffine Physiognomie. Zu ungünstigen körperlichen Voraussetzungen kam dann in den Folgejahren auch noch planloses Training: Das bestand bei mir Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger in erster Linie daraus, dienstags möglichst viele Ortsschildsprints zu fahren und donnerstags lange auf dem Rad zu sitzen, um sonntags möglichst schnell Rennen zu fahren. Einen Trainingsplan hatte ich nie, meistens beschränkten sich die Trainer auf ein paar Übungen im Winter und gut gemeinte Hinweise im Sommer. Meinem unsystematischen Training und dem mangelnden Talent sind dann wohl auch die gänzlich unspektakulären Ergebnisse in gut sieben Jahren aktivem Radrennsport zuzuschreiben. Ja, ich habe auch mal ein Rennen gewonnen, aber ich stand immer in der zweiten Reihe hinter den Großen meiner Jahrgänge. Ach was, eher in der dritten oder vierten. Hin und wieder wurde mir auch die Ehre zu teil, mal in unser Lokalblättchen zu kommen. Aber auch nur, weil ich in einer ostwestfälischen Kleinstadt groß geworden bin, in der sonst die Jahreshauptversammlung des ortsansässigen Geflügelzuchtvereins oder die Eröffnung der Pommesbude auf dem Weihnachtsmarkt der Aufmacher auf der Lokalseite war. Ein Absatz in einem Artikel in der Neuen Westfälischen vom 24. Juni 1986 beschrieb dann recht vorausschauend, wie wohl mein sportliches Schicksal der nächsten Jahre aussehen würde: „Niklas Spitczok nahm (…) teil, um zu lernen, die Platzierung (80.) war für den Schülerfahrer eher Nebensache.“

Wegweisend, was der Redakteur 1986 schrieb: Er „nahm (…) teil, um zu lernen, die Platzierung (80.) war für den Schülerfahrer eher Nebensache.“
So richtig hat sich das bis heute nicht geändert.

Und trotzdem: Abgesehen von meiner Familie hat mich kaum etwas so sozialisiert wie der Radsport. Ist ja auch logisch, schließlich habe ich quasi meine Pubertät auf dem Rennrad verbracht. Coming of Age heißt das heute. Gesellschaftlich war in den Vereinen damals die ganze Bandbreite vertreten: Von der versnobbten Unternehmerfamilie bis zum Sozialhilfemepfänger. Ich kann mich heute noch besser an meine Vereinskollegen vom RC Endspurt Herford und der RG Vlotho erinnern als an meine Mitschüler aus der Zeit.
Seitdem hat mich das Fahrradfahren fast immer begleitet. Nur vor dem Abi hatte ich die Nase voll davon, ich bin nie bei den Amateuren gestartet. Ich hätte mein Pensum enorm steigern müssen, und mir fehlten die Konzepte, um es systematisch anzugehen. Zu dem Zeitpunkt habe ich gedacht, dass ich mich nie wieder auf ein Rennrad setzen werde.

Es kam aber anders. Auch wenn ich während des Studiums nur Fahrrad gefahren bin, um von meiner Wohnung in Pankow zur Hochschule im Wedding zu kommen (und auch das nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem mir das zweite mal mein Rad geklaut wurde) – ganz aufgehört habe ich nie. Seit meinem ersten Rennen sind über 30 Jahre vergangen, und noch immer fasziniert mich die Verbindung aus Technik und Training, der Genuss der Landschaft beim Radeln und die Symbiose aus Schmerz und Euphorie. Das ist auch eine Form von „lebenslänglich“.

In diesem Blog findest Du keine Schilderung von Heldentaten, keine vom Hersteller bezahlten Produkttests, keine Kaufempfehlungen und keine umsatzbeteiligten Affiliate-Links auf verbundene Webshops. Dafür findest Du ehrliche Geschichten: Von den Dialogen abgesehen ist wirklich alles genau so passiert. Wenn Du in den Achtzigern Rennrad gefahren bist, wirst Du vielleicht die ein oder andere Wiederentdeckung machen. Wenn Du neu dabei bist, solltest Du einen Blick in die Geschichten der ersten Jahre werfen. Denn aller Anfang ist schwer. Und 1985 war er vielleicht noch schwerer als heute.

Geschichten aus über 30 Jahren Rennrad. Am besten fängst Du gleich ganz vorne in der Timeline an: z.B. beim Anfängerrennen 1984 in Schloß Neuhaus, machst weiter mit dem Bergpreis in Vlotho und liest dann noch etwas über unsere ersten Rennräder in den 80ern.zur Timeline